Chancen Freiwillige vor!

Ehrenamtliches Engagement während des Studiums zählt oft mehr als der beste Notenschnitt

Vielleicht hätte es Friederike Best ohne ihre Nachhilfestunden nie nach Budapest geschafft. Schließlich hatte sich auch ein Kommilitone beim Auswärtigen Amt für das Praktikum beworben, Jurastudent wie sie, mit viel besseren Noten. Aber ohne Ehrenamt. »Mutmaßungen«, sagt die 21-Jährige. »Doch es sind ja immer kleine Sachen, die einen von anderen Bewerbern abheben.«

Vor einem Jahr hatte Friederike Best beim Mannheimer Verein »Studenteninitiative für Kinder« begonnen, in einem Heidelberger Kinderheim Nachhilfe zu geben. Hat ein Mädchen in Mathe und Englisch auf die Realschulprüfung vorbereitet, einen Viertklässler in Deutsch und Mathe fit gemacht. Als sie im April nach Bonn wechselte, verhalf sie dem Verein zu einer neuen Dependance: Neben Mannheim, Heidelberg und Ludwigshafen gibt es die Nachhilfe für Kinder nun auch in Nordrhein-Westfalen, mit Friederike Best als Regionalreferentin.

Drei Viertel aller Studierenden in Deutschland engagieren sich einer Spiegel- Studie zufolge ehrenamtlich. Weil sie wie Friederike sagen: »Wir haben viel im Leben unseren Eltern zu verdanken – und andere haben nicht den gleichen Start. Für die möchte ich mich engagieren. Auch wenn’s nur ein Tropfen auf den heißen Stein ist.« Oder weil sie, wie die Pädagogikstudentin Heike, die sich in der Telefonseelsorge engagiert, »gerne nebenbei etwas machen wollen« und im Ehrenamt »eine ideale Unterstützung für den späteren Beruf« finden. Oder weil sie sagen: »Man lernt etwas fürs Leben: sicheres Auftreten, den Umgang mit Menschen«, so wie der Sportwissenschaftsstudent Sven.

Das besondere soziale Engagement der Studenten ist preiswürdig, findet das Deutsche Studentenwerk. Deshalb gibt es in diesem Jahr zum zweiten Mal den bundesweiten Wettbewerb »Studierende für Studierende«, der vom Bundesbildungsministerium finanziell gefördert wird. Insgesamt 12500 Euro winken als Preisgeld, die Preisträger werden im Frühsommer bekannt gegeben, nominiert sind 259 Projekte aus 127 Hochschulen. Darunter ist auch ein Verein der TU München: Uni in Action (UNA), zu dem auch der Maschinenbaustudent Gabriel Fischer gehört. UNA hat das Ziel, den Campus im Vorort Garching zu beleben. Die Aktionen reichen von einer besseren Anbindung ans öffentliche Nahverkehrsnetz über Duschmöglichkeiten bis zu Imbissständen und Open-Air-Festivals.

Ein Ehrenamt macht sich gut im Lebenslauf. Es zeige, dass jemand Verantwortung übernehme, über den Tellerrand schaue und mit Menschen außerhalb der Hochschule klarkomme, sagt Karriereberater und Buchautor Uwe Schnierda. Und Hans-Christoph Kürn, leitender e-Recruiter bei Siemens, fügt hinzu: »Das Ehrenamt hat für uns eine sehr hohe Gewichtung. Es ist einer der Indikatoren, die auf Soft Skills hinweisen. Oft sogar wichtiger als Noten. Denn ein Ehrenamt zeigt: Da hat einer Erfahrung und Kompetenz im Umgang mit anderen.«

Und trotzdem ist Ehrenamt nicht gleich Ehrenamt: Per se von Personalern zunächst einmal positiv bewertet, wird als Nächstes geguckt, was hat der Bewerber eigentlich gemacht? Essen auf Rädern, oder Radeln in Essen? Sich sozial engagiert, oder Events organisiert? Elf Prozent der ehrenamtlich tätigen Bundesbürger über 14 engagieren sich im Sport – das ergab ein Freiwilligensurvey des Bundesfamilienministeriums. Karriereberater Uwe Schnierda warnt aber gerade BWLer und Ingenieure, die sich im Sport engagieren, vor einem Eigentor. Das wirke schnell, als arbeite man zu sehr für sein eigenes Hobby. Es sei denn, man ist Sportstudent wie Sven Schlunke.

Dieser findet es wichtig, dass Studenten nicht immer nur Forderungen stellen, sondern auch mal mit anpacken. Der 23-jährige Sportwissenschaftler ist in Mainz Vorsitzender des studentischen Sportausschusses und organisiert Sportwettkämpfe am laufenden Band: Mitternachtsvolleyballturnier, Israelaustausch, Sportlerparty, Volleyballendrunde der deutschen Hochschulmeisterschaften, Surf-Freizeit in Südfrankreich. Er ist Mitglied der Fachschaft Sport und betreut Erstsemester. Er gehört zum sportwissenschaftlichen Institutsrat und sitzt als studentischer Vertreter im Ausschuss für Sportangelegenheiten, der über uniinterne Sportfragen berät. Die Arbeit mache Spaß, sagt der Student im 8. Semester, und vielleicht bringen ihm die Ehrenämter auch was fürs Berufsleben: »Klar hat man im Hinterkopf, dass man dadurch auch sehr viele Kontakte bekommt.« Ansonsten arbeite man wie eine kleine Event-Agentur, und er lerne bei seiner Arbeit hundertmal mehr als Kommilitonen in einem sechsmonatigen Praktikum. Auch Gabriel Fischer, der UNA-Mann aus München, ist überzeugt, sein Einsatz zeige, dass er bereit sei, Verantwortung zu übernehmen und Projekte selbstständig durchzuführen. Zeitmanagement habe er im Ehrenamt gelernt, Teamführung und sicheres Auftreten. Klar, dass er im Job mal eine Leitungsfunktion haben will.

Das Ehrenamt von Sabine Krause (Name geändert), Telefonseelsorgerin in Münster, zeige, wie Siemens-Recruiter Kürn es nennt, sofort den »helfenden Charakter« – aber ebenso Durchhaltevermögen, eine hohe Belastungsgrenze und Flexibilität: Die Pädagogikstudentin musste eine zweijährige Ausbildung absolvieren, bevor sie im Februar an die Hotline gelassen wurde. Da weiß sie nie, was der nächste Anruf bringt: Muss sie jemandem zuhören, der einsam ist, oder einem Arbeitslosen? Einem, der über Mobbing klagt, oder Eltern, die Erziehungsprobleme haben? Die gelernte Krankenschwester will später am liebsten eine beratende Tätigkeit im sozialen Bereich, und das Ehrenamt könne da eine gute Vorbereitung und Unterstützung sein, findet sie.

Wem sein Ehrenamt bei der Jobsuche etwas bringen soll, der muss das im Lebenslauf richtig verkaufen. Karriereberater Schnierda empfiehlt: »Schreiben Sie nicht: 2003–2006 Vorsitzender von xy. Sondern konkreter: Finanzbeauftragter, Web-Seiten-Gestalter, Betreuung ausländischer Studierender. Nennen Sie Projekte, die Sie organisiert, Etats, die Sie angeworben haben.« Peinlich jedoch, wenn man aufs Ehrenamt sechs Zeilen verwendet, aufs Praktikum nur zwei. Schnierda warnt, vor lauter Ehrenamt die anderen Kriterien wie Praktika, EDV-Kenntnisse und Spracherwerb im Lebenslauf auszuklammern (die bitte vor dem Ehrenamt stehen sollten!).

Die Gefahr ist da: Wer sein Ehrenamt gefunden hat und mit Spaß dabei ist, gerät immer weiter hinein: Gabriel Fischer begann im 2. Semester als Grillstandleiter beim Open-Air-Festival Tunix, wurde Schatzmeister von UNA, jetzt ist er Projektleiter der Festivals. Friederike Best, die Nachhilfelehrerin, darf sich Regionalstellenleiterin nennen, bei Sven Schlunke bedingte ein Amt das nächste. Mit jedem Posten erhöht sich der Zeitaufwand fürs Ehrenamt – 15 Stunden in der Woche sind es inzwischen. »Man muss aufpassen, dass man sein Studium nicht vergisst.« Die Eltern von Nachhilfelehrerin Friederike Best finden ihr Engagement gut, warnten aber, es sollte nicht ihre Leistungen beeinträchtigen. UNA-Mann Fischer wird ein Semester länger studieren, als die Regelstudienzeit der Maschinenbauer vorsieht, mit seinen Noten ist er zufrieden.

Siemens-Recruiter Kürn beruhigt: »Mit einer längeren Studienzeit haben wir keinen Stress: Wenn ein Bewerber sonst passt und zwei Semester länger gebraucht hat – mein Gott, wo ist da das Problem? Dafür hat er den Benefit schlechthin erworben: Arbeiten im Team. Das ist bei uns essenziell. Wenn einer in rasanter Zeit sein Studium durchgezogen hat, mit Bestnote, dafür aber eine verkorkste Figur ist, dann sagen wir dem ab.« Zwei Semester länger, bestätigt auch Karriereberater Schnierda, lassen sich in der Regel vertreten. Und ein guter Einstieg in ein Bewerbungsgespräch ist ein Ehrenamt allemal.

 
Leser-Kommentare
  1. Die Sub-Überschrift des Artikels ist -vorsichtig ausgedrückt- irreführend. Ein ehrenamtliches Engagement wird zwar grundsätzlich positiv eingeschätzt, aber sofort im Anschluss daran auf seine praktische Relevanz im Unternehmenskontext überprüft, wobei der u.U. altruistische Charakter der Tätigkeit belanglos ist. Der Artikel gibt das auch so wieder.Aus dem selben Grund ist allerdings die Aussage, dass dieses Engagement "oft mehr zählt als der beste Notendurchschnitt" blanker Unsinn. Je höher die Anforderungen an eine Tätigkeit, desto weniger wird ein mittelmäßiger Notendurchschnitt tolieriert - ehrenamtliches Engagement hin oder her. Nur beides in Kombination -gute Noten UND Engagement- führen zu einem Vorteil.Wer also glaubt, das Eine durch das Andere substituieren zu können, wird sich spätestens nach den ersten Absagen auf dem Boden der Realität wiederfinden. 

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