Heute habe ich meine besten Träume, wenn ich wach bin. Vielleicht mache ich deshalb Filme: weil sie sich zu Tagträumen entwickeln. Die Grenze zwischen Fantasie und Wirklichkeit löst sich dabei auf. Mitunter weiß ich gar nicht mehr, wo sie verläuft. Wenn ich schreibe und zu fantasieren beginne, wenn ich Ideen entwickele und mir Szenen ausmale, kann ich mich vollkommen meiner Vorstellung hingeben. Trotzdem lasse ich niemals ganz los.

Ich tue vieles instinktiv. Weil es mich zum Lachen bringt. Oder einfach, weil es sich richtig anfühlt. Ich analysiere nicht. Oft finde ich erst später eine Erklärung für das, was ich gemacht habe.

Ich bin auf dem Land aufgewachsen, in Minnesota. Bis ich elf Jahre alt war, hatten wir keinen Fernseher. Es gab einen Wald direkt hinter unserem Haus. Auf der anderen Straßenseite begann ein Moor. Es waren nur ein paar Schritte bis zum nächsten See. Hinter dem Hügel erstreckten sich endlose Kornfelder, die vermutlich bis nach Kalifornien reichten. Der Wald war für mich ein magischer Ort. An jedem Baum hing eine Geschichte. Ich fand Höhlen, in denen ich mir einbildete zu wohnen.

Märchen waren die ersten Bücher, die ich las. Ich glaube bis heute an den »Und sie lebten glücklich«-Schluss. Trotz meiner Erfahrungen in der Realität.

Märchen bergen tiefe Wahrheiten, besonders die alten, überlieferten Geschichten. Sie werden seit Jahrhunderten erzählt und transportieren bis heute heidnische oder animistische Vorstellungen. Die meisten modernen Geschichten sind nach 10 oder 15 Jahren vergessen, weil sie keine solche Substanz haben. Aber die alten Geschichten geraten in Vergessenheit. Und wenn sie heute noch im Umlauf sind, hat man ihnen häufig die Eingeweide rausgerissen. Als meine Kinder klein waren, fand ich bei ihnen ein Buch mit einer gekürzten Version von Rotkäppchen. Darin fraß der Wolf die Großmutter nicht, und er wurde auch nicht getötet. Im Buch meiner Kinder versteckten sich Großmutter und Rotkäppchen im Schrank, Daddy kam herein, verjagte den Wolf, Ende der Geschichte. Sie hatte überhaupt keine Bedeutung mehr, nur noch den Titel Rotkäppchen .

In Frankreich hat Charles Perrault viele Geschichten, die auch bei den Gebrüdern Grimm vorkommen, schon hundert Jahre früher aufgeschrieben. Die französischen Versionen dieser Märchen klingen nicht so düster. Ich dachte lange Zeit, Disney habe die Geschichten der Grimms stark vereinfacht. Aber ich habe erfahren, dass die Grimms das auch schon getan hatten. Zum Beispiel mit Rapunzel: In der ersten Ausgabe beschwert sich Rapunzel bei der alten Hexe, dass ihre Kleider nicht mehr passen. Sie ist schwanger. In der zweiten Ausgabe ist das verschwunden. Die Grimms zielten vermutlich auf ein bürgerliches Publikum, und da hatte ein Hinweis auf Sex nichts zu suchen. Die Grimms haben ihre Geschichten also schon vor allen anderen für den Markt zurechtgestutzt.

Als Disneyland eröffnete, war es für mich als Kind einfach wundervoll. Dort wurde alles wahr. In Disneyland war alles perfekt. Jahre später, ich war 27, wollte ich noch einmal mit meiner damaligen Freundin dorthin. Sie war Reporterin des Londoner Evening Standard, und es waren noch zwei Freunde von Newsweek dabei. Eine PR-Frau hatte alles organisiert. Wir hatten uns ordentlich angezogen – aber wir hatten lange Haare. Die Security-Leute am Eingang wollten uns nicht reinlassen. Die Pressefrau versuchte, den Sicherheitschef zu überzeugen, dass wir Journalisten seien. Aber auch der weigerte sich. Sei sagten, sie hätten dort eine grooming policy – also Anzugpflicht. Aber wir trugen Anzüge und die Leute drinnen nicht. Drinnen gab es all diese grotesken aufgedunsenen Menschen. Am Ende sagte der Sicherheitschef: Er habe uns nicht hereingelassen, um uns vor diesen Leuten zu beschützen, die uns eventuell angreifen oder lynchen könnten. Mir erschien Disneyland plötzlich umgeben von Stacheldraht. Ich dachte: Zeit, dieses Land zu verlassen.