Kaum zu glauben, die Zeit steht immer noch still: Viertel nach zwei. Genau wie vor zehn Jahren, als man selbst hier in Bonn Student war. Der immergleiche, rasche Blick auf diese dösende Uni-Uhr, während man die große Treppe hinauf in den zweiten Stock des Hauptgebäudes eilte, wo die geisteswissenschaftlichen Fächer wohnen.

Viertel nach, c. t., cum tempore – was das heißt, lernte man rasch: die kleine, große, langmütige akademische Freiheit. Die geschenkte Viertelstunde, um die Seminare traditionsgemäß später beginnen als zur vollen Stunde, hier als schrullig-dornröschenhaftes Versäumnis irgendeines Hausmeisters, der all die Jahre vergaß, dieser Uhr eine neue Batterie einzusetzen.

Ist sie so, die deutsche Universität? Cum tempore? Hat sie so viel Zeit?

Das Hauptgebäude der Uni Bonn ist ein Schloss, darin saßen einst rheinische Kurfürsten. Hohe Decken, Fenster, durch die sattes Licht fällt. Lautes Lachen kommt auf, Stimmengewirr. Studenten sitzen zwischen hohen Säulen: das vertraute Uni-Café parterre. Immer noch Kaffee in Plastikbechern aus der Maschine. Immer noch studieren, bis man 30 ist – die magische Grenze, an der man in die Welt da draußen entlassen wird. Immer noch plant man zu Semesterbeginn, fünf Scheine zu machen, vielleicht sechs.

Immer noch schmilzt der gute Vorsatz ab der dritten Woche dahin. Man lässt das Seminar ausfallen – wäre es nur nicht so früh, 9 Uhr c. t. – und die Unterschrift auf der Teilnehmerliste von Bekannten fälschen. Lieber eine Plauderei im Café. Noch immer, scheint es, lehrt die Uni: Es ist nie zu spät, im nächsten Semester ist auch noch Zeit. So fand man natürlich Freunde fürs Leben, in sieben Jahren in der Uni-Caféte; das ist die Durchschnittsstudiendauer mancher geisteswissenschaftlichen Fächer. Es gab Studenten, die sah man nur wenige Wochen lang. In Fächern wie Germanistik oder Philosophie brachen über 60 Prozent ihr Studium ab.

Nur kurz waren die Seminare so überfüllt, wie es klaustrophobische Fotos in Zeitungen suggerierten – nur in den ersten drei Wochen saß man dicht an dicht auf dem Boden, starrte auf die Beine derer, die einen Sitzplatz ergattert hatten. Spätestens ab der vierten Woche hatte man freien Blick, saß entspannt im Stuhl und wunderte sich, wohin die Massen abgewandert waren. Ein Professor pflegte zu sagen, es sei ihm egal, wie viele Studenten sich in seine Veranstaltung pressten, die pressten sich schon von selbst wieder heraus.

Ach ja – etwas hat sich hier verändert, fast unmerklich: Von Plakaten befreit sind die Flure, die Wände gestrichen, früher waren sie übersät mit Aushängen von Bauchtanzgruppen, Gesprächskreisen, Anzeigen für WG-Zimmer. Nur noch am Schwarzen Brett im Café darf das jetzt hängen. Und es herrscht Rauchverbot. Noch vor einem Jahr war es hier heillos verqualmt, in den endlosen Fluren des Schlosses fiel der Putz von den Wänden, und die Toiletten waren in neon-blaues Licht getaucht, damit die Junkies vom Bahnhof hier vergeblich eine Ader suchten.

Alma Mater, bleiche Mutter. Seit Jahrzehnten dieselbe Klage: die Studenten zu alt, zu orientierungslos, zu viele brechen ihr Studium ab. Die Dozenten unmotiviert, die Verwaltung überfordert. Bei Hochschul-Rankings ist man weit abgeschlagen. Die besten Forscher gehen ins Ausland, Spitzenforschung ist rar. Kurzum, die ehedem ruhmreiche deutsche Hochschule ist krank.

Nun wird sie therapiert. Sie ist von einem Reformeifer erfasst wie zuletzt unter Humboldt. Noch weitgehend unsichtbar durchzieht ein unübersichtliches Reformwerk die Universität: Kürzere, verschulte Studiengänge werden eingeführt, die Abschlüsse heißen nun Bachelor und Master; Gebühren für Langzeitstudenten und für ein Zweitstudium gibt es schon; eine »Exzellenzinitiative« soll Eliteuniversitäten schaffen; Professoren erhalten Verträge mit Leistungszulagen; Globalhaushalte lassen die Universitäten autonomer über ihre Mittel verfügen; Forschung und Lehre der Professoren werden überprüft – »Evaluation« ist das technokratische Zauberwort.

Die Universität ist vermutlich die größte Reformwerkstatt der Republik – während Reformen beim Föderal- oder Rentensystem eine Auszeit nehmen, soll sie grundsaniert werden.

Die Bonner Universität galt lange als eine der reformresistenteren, und in mancher Hinsicht ist sie ein Archetypus. Eine Massenuni: über 30 000 Studenten. Eine Humboldt-Uni: 1818 gegründet im Zuge der preußischen Reformagenda. Eine Volluniversität: sieben Fakultäten, deren Institute, Seminare, Kliniken über die ganze Stadt verteilt sind, genau wie ihre Mensen, Museen, Sportstätten und Bibliotheken.

Einst war die deutsche Universität ein Vorbild für Hochschulen weltweit. Wie geht es ihr heute? Kommt sie wieder zu Kräften, oder dreht sich der Reformwirbel um sich selbst und erzeugt nur Chaos, gar Depression? Der Besuch in Bonn gilt einem Patienten, an dem drei Therapien laborieren:

1. Evaluation soll die Leistung der Professoren überprüfen, ihre Forschung und Lehre.

2. Bachelor-Studiengänge sollen die Ausbildungszeiten per Verschulung stark verkürzen, sie international vergleichbar machen und die hohe Abbrecherquote verkleinern.

3. Von der Exzellenzinitiative erhofft man sich Wettbewerb unter den Hochschulen. Spitzenuniversitäten möchten entstehen.

Evaluation für alle! Was liegt näher, als den Patientenbesuch bei den Medizinern zu beginnen? Eine lange Kastanienallee führt zu einem kleinen Palais, dem Poppelsdorfer Schloss, an das sich der Botanische Garten schmiegt. In der angrenzenden Bonner Südstadt wohnen Lehrer und Rentner, Unternehmer und Ärzte. Eine heile westdeutsche Welt: keine Kriegsschäden, keine Bausünden; die Gründerzeithäuser sind ein Freilichtmuseum des Bürgertums, die verschnörkelten Balkone mit antiken Gottheiten verziert. In einer Seitenstraße liegen viele naturwissenschaftliche und medizinische Institute, auch das Institut für Anatomie.

Im Dienstzimmer von Professor Karl Schilling hört man Pressluftgehämmer. Der Tisch vibriert, der Kaffee in seiner Tasse schlägt Wellen. Institutsleiter Schilling zeigt aus dem Fenster: »Immer dieser Lärm! Der Umbau des Anatomischen Instituts hätte seit Jahren fertig sein sollen.« Seit 1998, als er in Bonn Professor wurde, wartet er nun darauf. Jetzt hört man Baulärm. »Immerhin.« Professor Schilling bittet zum Rundgang durch das Institut, einen Bau aus der Gründungszeit der Universität. Ein historischer Hörsaal liegt baufällig brach: derzeit nicht zu benutzen. Vor seine Sitzreihen sind hohe Brüstungen montiert. »Damit sollte einst verhindert werden, dass die Dozenten auf die Beine der Studentinnen starren«, sagt Schilling, dieser schlanke 49-Jährige, der Medizinstudenten erklärt, wie der menschliche Körper beschaffen ist, der ihnen an Leichen zeigt, wo die Hauptschlagader verläuft, wo die Nieren sitzen.

Im Foyer stehen Vitrinen. Schilling zeigt auf die Exponate früher Anatomie: hundert Jahre alte konservierte Föten, Schädel, Knochen. »Schön, das alles hier.« Er schaut um sich, als sei er zu Besuch im eigenen Institut. »Aber recht disfunktional.«

Schillings Forschung und Lehre wird neuerdings überprüft. Seine Studenten füllen nach seinen Vorlesungen Evaluationsbögen aus: Würden Sie die Veranstaltung noch einmal besuchen? Was hat Ihnen missfallen? Schilling muss seine Forschung rechtfertigen, Berichte schreiben, der Druck hat zugenommen. »Wie in der Wirtschaft. Man orientiert sich an Vierteljahresbilanzen.«

Aber ist es denn nicht sinnvoll zu überprüfen, wohin öffentliche Gelder fließen? Natürlich, sagt Schilling, früher hätten Professoren ihren Status oft missbraucht, manche habe man kaum je gesehen. Karteileichen. Aber jetzt würden die bestraft, die ohnehin viel arbeiteten. Ständig müsse er Berichte schreiben. Bald werde er nicht mehr wissen worüber, denn diese Berichte raubten ihm die Zeit zum Forschen. Ein schlimmer Kreislauf, früher sei das nicht so gewesen. Das fand er auch richtig. Wissen sei eben nicht so leicht verwertbar und messbar, wie Bildungspolitiker es gern hätten.

»Stellen Sie sich jemanden vor, der sich mit irgendwelchen Viren befasst, die auf Vögel wirken. Oder einen, der jahrelang den Vogelflug studiert. Wen interessiert das schon? Bringt das was für den Ausbau unserer Autobahnen? Nein. Aber lassen Sie mal die Vogelgrippe kommen. Dann heißt es: Wir haben doch einen, der sich da auskennt.« Schilling steht vor einer Vitrine. Ein beschrifteter Schädel, der sich über die Jahre dunkelgelb verfärbt hat. Er zeigt auf die Beschriftungen der Schädeldecke. Jemand hat einst fein säuberlich Hirnpartien markiert. »Wortsinn« steht hier, »Kunstsinn« dort und über den Augenhöhlen »Farbsinn«. Ein Gallscher Schädel. Joseph Gall glaubte am Ende des 18. Jahrhunderts, dass Fähigkeiten des Gehirns lokalisierbar seien. »Heute wissen wir, dass Gall recht hatte.«

Schilling sieht seinen Gast direkt an. »Ich kann Ihnen ganz genau sagen, welche Stelle Ihres Gehirns dafür sorgt, dass Sie Angst oder Wut spüren.« Es sei festgestellt worden, »wo es im Gehirn anatomisch losgeht, wenn Sie einen Orgasmus haben«. Gall war sehr umstritten, über Jahrhunderte. So lange brauche Forschung eben manchmal, sagt Schilling, und murmelt etwas von »Vierteljahresberichten«.

Immerhin, die Wendung des Gesprächs zu seinem Arbeitsfeld hat seine Laune gebessert. Er spricht noch eine Weile, an die Vitrine gelehnt, von der Zukunft seines Fachbereichs. Dass es bald möglich sein könnte, ganz neue Krebstherapien zu entwickeln – ja, Krebs könne man bald, wenn nicht besiegen, so doch massiv bekämpfen. Mit Hilfe der Gentechnik seien Tumore immer besser genetisch zu charakterisieren und die Proteine auf ihrer Oberfläche chemikalisch so zu manipulieren, dass sie abstürben.

»Für jeden Patienten gäbe es dann eine maßgeschneiderte Therapie, dem individuellen Tumor entsprechend.« Damit beschäftige er sich unter anderem, sagt Schilling, und dafür hätte er gern mehr Zeit als für seine Evaluationsberichte.

Die Frage nach dem allgemeinen Gesundheitszustand der Alma Mater beantwortet er knapp: »Übergewichtig.« Und der Universitätskörper nehme weiter zu – die jetzigen Reformen erzeugten neue, ungeheure Bürokratien. Das seien die fatalen Nebenwirkungen der nun verschriebenen Medizin.

Schlankere Studiengänge! Lange Zeit glaubte man, dass Wissenschaft großen Nutzen bringe, ließe man sie nur mit sich allein. Diese Zeit ist, aller Autonomierhetorik zum Trotz, passé. Die Reformen laufen auf größtmögliche Effizienz, auf Zeitbeschleunigung, kurz: auf eine Ökonomisierung der Universitäten hinaus, mit der viele Professoren nicht einverstanden sind.

Das Land Nordrhein-Westfalen hat 2003 die Universitäten aufgefordert, zu erkunden, bei welchen Fächern gespart werden könne, um andere zu stärken. Die Idee ist, jene Institute zu verkleinern oder zu schließen, »deren Absolventen auf dem Arbeitsmarkt ungünstige Vermittlungsaussichten haben«. Bis 2010 sollen in Bonn unter anderem Biomedizin und -technologie auf Kosten von Geisteswissenschaften wie Slawistik und weniger anwendungsfreudigen Naturwissenschaften wie Mineralogie gestärkt werden. Dieser Trend hin zu anwendungsorientierter Forschung könnte sich ab dem nächsten Jahr verstärken. Dann dürfen nach dem Willen der neuen Landesregierung Hochschulen wie Bonn eigene Unternehmen gründen oder sich an Unternehmen mit Wissenschaftsbezug beteiligen.

Auch die neuen Studiengänge folgen einer Effizienz-, Nützlichkeits- und Verwertungsabsicht. Kürzer und organisierter soll das Studium dank der neuen Abschlüsse werden. Fast alle Bonner Fachbereiche arbeiten daran, sie einzuführen. Der Bachelor nach sechs Semestern für die Masse, der Master für diejenigen, die sich dann spezialisieren wollen. So will es der »Bologna-Prozess« der 25 europäischen Staats- und Regierungschefs, der die Studiengänge europaweit angleichen soll.

Nun wird man Credits statt Scheine sammeln – in Veranstaltungen, die zu thematischen Modulen gebündelt werden – und Grundlagenwissen eines Faches vermitteln. Die Prüfungen, Klausuren und Hausarbeiten, mit denen man die Module abschließt, fließen unmittelbar in die Endnote. Die Prüfung am Ende des Studiums, die bisher ausschließlich über das Examen entschied, diese große, finale Hürde, ist nicht mehr so wichtig.

Die verschulten Studiengänge sollen die Abbrecherquote senken und die Studenten ermutigen, von Anbeginn leistungsorientiert und diszipliniert zu arbeiten. Es kommt nun auf Überblicks- statt auf Detailwissen an. Und durch das gestraffte Lehrangebot, hoffen viele Bildungspolitiker, würden mehr Hochschüler zum Abschluss gedrängt. Denn kaum ein Land leistet sich mehr Abbrecher als Deutschland. Studenten wie Karina Kischel. Sie ist 25 und wieder im ersten Semester. Zwei abgebrochene Studien hat sie schon hinter sich. Im Moment hört sie die Vorlesung über das Bürgerliche Gesetzbuch von Brigitta Jud, einer erst 33-jährigen Professorin aus Österreich.

Es ist früher Nachmittag. Der fensterlose Hörsaal des Juridicums, eines finsteren Nachkriegsbaus an einer Hauptverkehrsader in Bonn, ist voll besetzt. Man blickt über Hunderte von Köpfen. Brigitta Jud, im schwarzen Hosenanzug, stark geschminkt, erklärt eben den Unterschied zwischen Rechtssubjekt und Rechtsobjekt. Karina Kischel lernt, dass Rechtsobjekte Sachen oder Tiere sind und Rechtssubjekte Menschen oder bestimmte Institutionen wie Vereine oder Stiftungen.

Jud bemüht sich, ihre Studenten zu begeistern, gestikuliert lebhaft, beugt sich beim Sprechen vor, wirft eine rhetorische Frage in den Raum, wartet, beugt sich wieder über das Mikrofon und erlöst die Studenten mit einer Antwort.

»Wie verhält es sich mit einer Leiche? Ist eine Leiche ein Rechtssubjekt oder ein Rechtsobjekt? Kann man eine Leiche besitzen wie eine Sache, oder hat eine Leiche noch Persönlichkeitsrechte?« Es gehe hier um Grenzbereiche des Rechts, sagt Jud, und Grenzbereiche scheinen zu interessieren, jedenfalls hören ihr die Erstsemester aufmerksam zu. Karina Kischel verlässt die Vorlesung, noch bevor Professor Jud die Leichenfrage beantworten konnte – sie hat noch eine andere Veranstaltung, die sich mit dieser überschneidet.

Stunden später sitzt sie in einem kleinen Café. Sie ist neu in Bonn. In Aachen hatte sie Informatik studiert, es dauerte sechs Semester, bis sie sich eingestand, dass sie sich etwas vormachte, dass sie mit den »ganzen Bits and Bytes« nichts anfangen konnte und ihr Programmiersprachen immer Hieroglyphen bleiben würden. Dass sie das Studium nur begonnen hatte, weil ihr damals jeder sagte, ja, Informatik sei eine »Zukunftsbranche«, »da kriegst du einen sicheren Job«.

Überstürzt nahm sie nach diesem ersten Abbruch ein Psychologiestudium auf, nach wenigen Wochen brach sie auch das ab, sie weiß selbst nicht recht warum, sie verbucht es unter »allgemeine Krisenzeit«. Sie sagt, sie habe die Professoren kaum gesehen, sie habe mehr Kontrolle gebraucht. »Vielleicht mehr Druck.«

Diesmal soll es endlich klappen, mit Jura. Ausgerechnet – sie lacht. Denn die Juristen sind von einer Reform ihrer Studiengänge ausgenommen worden, Massenveranstaltungen wie riesige Einführungsvorlesungen sind hier weiter die Regel.

Vielen Studenten ist der spielerische Raum zwischen Schule und Beruf zur Last geworden. In der Massenuniversität führt die akademische Freiheit zur Strukturlosigkeit, zu einer verlängerten Pubertät, einer quälenden Sinnsuche. Wenigen nur war sie ein Segen: jenen, die fähig waren, sie zur akademischen Schwerpunktbildung zu nutzen.

Das große Freiheitsversprechen der Universität – ein zwangloses Milieu, ein großzügiges Zeitfenster, Kontemplation – löst sich in einer hoffnungslos unübersichtlich gewordenen Welt nicht mehr ein. Diese akademische Freiheit lebte von außerakademischen Voraussetzungen. Eine funktional parzellierte Gesellschaft, in der kein Anker mehr hält – weder Familie noch soziale Milieus –, bedarf offenbar einer verschulten Ausbildung, sie entlastet von individuellen Entscheidungen und Zukunftsangst.

Diese Wendung ist durchaus zu beklagen. Sie markiert das Ende eines spezifisch deutschen akademischen Milieus, das – sei es als altdeutsche Burschenherrlichkeit, sei es als neudeutsche Studentenszene – einen Freiraum der Reflexion bot.

Wer künftig mit 23 die Uni verlässt, wird diese kaum noch als ein kritisches Korrektiv gegen welche gesellschaftlichen Entwicklungen auch immer erlebt haben. Denn die Verkürzung der Studienzeit bedeutet eine Normierung von Lebensläufen, reduziert den Lebensraum Universität für die meisten Abgänger auf eine Lehranstalt, in der zielgerichtet und schnell auf das Berufsleben vorbereitet wird.

Cluster, Exzellenzinitiative! Nach dem diffizilen Rechtsstatus von Leichen kommt eine Party ganz recht. Es ist spät geworden bei Professor Eva Geulen. Sie hat Gastdozenten zu Vorträgen in einen kleinen Seminarraum geladen. Man hat über das Prosawerk von Heinrich Heine doziert. Studenten und Professoren diskutierten hinterher hitzig über Heine-Interpretationen.

Danach nun lädt die Germanistin in ihre Wohnung zum Wein, »einem guten«, wie oftmals zu hören ist an diesem Abend, und mediterranen Vorspeisen. Die meisten Dozenten tragen Jeans und Sakko überm Pullover, wie die Studenten auch – die tragen aber Turnschuhe dazu, der feine Unterschied, der einzig sichtbare. Als die Party sich zum Ende neigt, steht der harte Kern wie stets in der Küche.

Helmut J. Schneider, grau meliert, etwas zerzaust, erzählt mit Verve von seiner Professur in den USA, von den wesentlich besseren Studienbedingungen da drüben. Ein Doktorand klagt, etwas wankend, seine Dissertation sei an einem heiklen Punkt angelangt. Dann tritt Eva Geulen in die Menge, die freundliche Gastgeberin, und sagt sehr energisch: »So!« Sie hat etwas zu verkünden. Sie hätten es geschafft, die erste Hürde sei genommen. Der Antrag zum Exzellenz-Cluster beim Bund über das Projekt »Media, Material Conditions and Cultural Practice« sei angenommen worden, sie habe gerade einen Anruf erhalten.

Excellenz-Cluster. Wieder so ein sperriger Begriff deutscher Bildungsreform. Exzellenz-Cluster sind eine Säule der Exzellenzinitiative. Bund und Länder stellen 1,9 Milliarden Euro für fünf Jahre zur Verfügung. Universitäten konnten sich in toto bewerben, um sich mit dem Titel Elite-Universität zu schmücken, aber auch Graduiertenkollegs oder die besagten Exzellenz-Cluster konnten beantragt werden. Letztere sind gemeinsame Forschungsprojekte mehrerer Hochschulen. Die Bonner Germanisten haben mit Kölner und Aachener Kollegen ihren Antrag gestellt, der sich nun als einer der wenigen geisteswissenschaftlichen in der Vorauswahl durchgesetzt hat. Die Universität Bonn insgesamt hat es mit ihrem Antrag nicht geschafft. Die Gäste stoßen an, heiter, aber auch ein wenig nachdenklich, denn es gibt zunächst keinen Geldsegen, keine weitere Stelle steht in Aussicht, es folgt zunächst ein weiterer bürokratischer Anlauf. Auf hundert Seiten soll erklärt werden, warum das Projekt förderungswürdig sei. So kreisen die Gespräche auch hier um die Reformen.

Helmut J. Schneider scheut sich, die neuen Therapien am Uni-Korpus zu kritisieren. »Weil man dann ganz schnell in der traditionalistischen Ecke steht.« In der sieht sich der 63-Jährige aber durchaus nicht. Nicht nach elf Jahren USA. Bis 1993 hat Schneider dort gelehrt, in Irvine und Davis, Kalifornien, und voriges Jahr eine Gastprofessur in Harvard absolviert. Er beklagt die hiesige Massenabfertigung von Studenten, seit Jahren plädiert er für Studiengebühren, die nun endlich kommen, um die Lehre zu verbessern. In mancher Sprechstunde, die er einmal pro Woche anbietet, möchten ihn vierzig Studenten sehen: Prüfungstermine absprechen, seine Vorlesung vertiefen, Tipps für Hausarbeiten erhalten. Individuell betreuen kann er nur wenige, ganz anders als in den USA. »Das ist ungerecht, denn es gibt bisher überhaupt keine gezielte Auswahl, um Talente zu entdecken.« Viele »gute Leute« gingen in der Masse unter, wenige kämpften sich geradezu sozialdarwinistisch zum Professor durch.

Eigentlich müsste einer wie Helmut J. Schneider also ein Verfechter der Reformen sein. Und doch ist er ratlos, er steht vor einem Rätsel. Jahrelang hat das Ministerium den akademischen Mittelbau ausgedünnt, das Personal unterhalb der Professorenschaft. Anstellungen gibt es fast nur noch über Drittmittel, etwa von der Deutschen Forschungsgemeinschaft. Und vergeben werden nur noch so genannte »Qualifikationsstellen«, die eher auf Forschung als auf Lehre ausgerichtet sind. »Nun braucht man plötzlich, mit den neuen Studiengängen, eine ganze Kohorte jener Leute, deren Stellen man immerzu gestrichen hat.«

Christian Moser gehörte bis vor kurzem diesem Mittelbau an: ein bärtiger, etwas scheuer 43-Jähriger, der nach seiner Habilitation Privatdozent geworden ist. Das heißt, er lehrt Komparatistik und wird dafür nicht besoldet. Er muss lehren, will er seine Lehrbefugnis nicht verlieren. Ausgerechnet Moser war zuletzt oft in Radio-Interviews zu hören.

Er hat ein kleines Buch über Literatur und Kannibalismus geschrieben, darin entfaltet er die Geschichte der Anthropophagie von James Cook bis Bret Easton Ellis. Seit der Prozess des Kannibalen von Rotenburg läuft, der einen Berliner Ingenieur entmannt, getötet und verspeist hat, ist Moser ein gefragter Experte in den Medien. Man denkt unwillkürlich an den Gallschen Schädel, esoterische Ornithologen und die plötzliche Suche nach Experten angesichts der Vogelgrippe.

Moser war eine Weile mit Zeitstellen versorgt. Doch laut Hochschulrahmengesetz darf er nur zwölf Jahre angestellt sein – spätestens dann muss er eine Professorenstelle gefunden haben. Er bewirbt sich nun im ganzen Land, auf jede Stelle kommen derzeit über hundert Bewerber. Privatdozenten, in der Regel über 40, stehen somit vor einer Lebensentscheidung. Anders als viele Naturwissenschaftler haben Geisteswissenschaftler dieses Alters keine Chance, außeruniversitär eine Stelle zu finden. Professor werden oder ein Leben am Existenzminimum – alles oder nichts.

Hat er Angst vor der Zukunft? »Die Lage ist unangenehm. Eigentlich ist es ein politischer Skandal. Aber Privatdozenten haben keine Lobby.«

Humboldts Traum, am Morgen danach. Ein neuer Tag. Elf Uhr c. t., eine kühler, sonniger Bonner Tag, der wach macht und manchen Kater vertreibt. Auf der Hofgartenwiese glitzert Reif.

Die Preußen, als sie vor fast 200 Jahren ins Rheinland kamen, führten das kurfürstliche Schloss dort drüben einem vernünftigen Zweck zu. Sie verwandelten den barockgelben Bau in eine Universität. Bis heute trägt sie des Preußenkönigs Namen: Rheinische Friedrich-Wilhelms-Universität Bonn. Der feudale Ständestaat wich preußischer Aufklärung, der Katholizismus rationaler Herrschaft.

In den Hörsaal strömen Studenten, tuscheln. Helmut J. Schneider hat Lessing auf dem Programm: Nathan der Weise. Er referiert die Ringparabel, die eine Versöhnung dreier großer Religionen verspricht. Die Studenten schreiben mit, immer dann, wenn Schneider mit erhobenem Zeigefinger pointiert: »Die Aufklärung«, hallt es durch den klassizistischen Hörsaal, in dessen Fenstern weiße Vorhänge geisterleicht wehen, »geht symbolisch von einer Menschheit aus, die über Trennungen der Rasse, Nation und des Glaubens hinwegkommt.«

Dann, in seinem Dienstzimmer, ruht Schneider aus und trinkt schwarzen Kaffee – ein Experte des 18. und frühen 19. Jahrhunderts, einer Zeit, in der humanistische, idealistische Träume reiften. »Die derzeitigen Hochschulreformen«, sagt er, »sind der Abschied von Humboldt.« Weil in den neuen Bachelor-Studiengängen abrufbares Wissen abgefragt werde, meist per Multiple-Choice-Bögen, und dabei nichts übrig bleibe vom schönen Ideal der Einheit von Forschung und Lehre.

Allerdings sei das humboldtsche System nicht erst jetzt, es sei bereits an der Massenuniversität kollabiert. Doch auch das neue Reformsystem habe seinen Preis. Es wird, fürchtet Schneider, zur Normierung von Lebensläufen führen. »Man hängt ja immer ein wenig an dem Leben, das man selbst führte.« Schneider selbst wird bald emeritiert.

So ganz falsch, denkt er sich, könne der Traum der 68er von der Universität als Freiraum der Reflexion, frei von ökonomischem Zwang, doch nicht gewesen sein. Den Traum hatte Humboldt schließlich auch. Als Wilhelm von Humboldt als »Geheimer Staatsrat und Direktor der Sektion des Kultus und öffentlichen Unterrichts« in Preußen antrat, hatte auch er zu klagen: »Was läßt sich jetzt im Preußischen tun?, wo man so wenig Mittel hat.« Nach seiner vernichtenden Niederlage in Jena und Auerstedt steht Preußen unter französischer Herrschaft, hoch verschuldet, marode – eine Staatskrise. Und eine Zeit tiefgreifender Reformen. Verwaltung, Ökonomie, Bildung bedürfen der Erneuerung. Preußen muss seine Feudalstrukturen zugunsten eines modernen Nationalstaats aufgeben, will es überleben. Niemand, der das Wort Reform damals nicht im Mund führte.

Humboldt, der Bildungsreformer: »Jeder ist offenbar nur dann guter Handwerker, Kaufmann, Soldat und Geschäftsmann«, schreibt er an Friedrich Wilhelm III., »wenn er an sich und ohne Hinsicht auf seinen besonderen Beruf ein guter anständiger, aufgeklärter Mensch und Bürger ist.« Bildung, so Humboldt, ist nicht Vorbereitung auf Unterhaltserwerb, sondern idealistische Typusbildung. Er neigt zum Idealismus, schon weil das arme Preußen – der Dreck auf den Straßen in Berlin, die Prostituierten in dunklen Gassen, die streunenden Hunde, die notorische Finanznot – ihm sonst nicht viel Raum lässt. Traum statt Geld.

Und es funktioniert. In nur wenigen Monaten erschafft Humboldt eine universitäre Gegenwelt zu seiner scheußlichen Gegenwart: Die erste moderne deutsche Universität wird in Berlin gegründet. Das ist das paradoxe Faszinosum – aus der Not heraus das Ziel so hochherzig weit stecken, dass es nicht nur kurz idealistisch aufleuchtet, sondern Früchte trägt: die Geburt eines neuen Typs der Gelehrsamkeit und der Hochschule. Aus der Gosse zu den Sternen.

Die Reformen drangen in die letzten Winkel des preußischen Reiches, selbst ins katholische Rheinland, das 1815 an Preußen gefallen war. Bis nach Bonn, wo die Friedrich-Wilhelms-Universität 1818 gegründet wurde, gegen klerikalen Widerstand, gegen Proteste der Bevölkerung, die dem protestantisch-aufklärerischen Neuen misstraute.

Die Professoren hatten nun Humboldts Dogma der Einheit von Forschung und Lehre zu verwirklichen: Nur was der Lehrer im schöpferischen Akt als Forschungsergebnis selbst gewonnen hat, kann er als Erkenntnis lehren. Vielleicht das Bemerkenswerteste an der Humboldtschen Reform: moderne Universitäten und Schulen etabliert zu haben in Zeiten hohen ökonomischen Drucks, die sich dennoch der unmittelbaren Verwertbarkeit entziehen.

Bildung, so der Traum des deutschen Idealismus, sollte kreative Fähigkeiten, Charakterreife, eine organische Entfaltung des Individuums bewirken, sie soll nicht vorrangig Mittel zum Zweck sein, sondern Zweck in sich selbst. Dieses ästhetische Bildungsideal ist in weite Ferne gerückt. Doch der monumentale Anspruch, durch Bildung reife Nationalbürger zu erschaffen, lebt in der Debatte um die Hochschulreformen fort. »Humboldtsche Bildung« ist heute ein Kampfbegriff.

Manchmal wird er gebraucht, um in traditionalistischer Manier notwendige Strukturreformen zu verhindern. Doch zugleich wird Wissenschaft heute unreflektiert mit Natur- und Technikwissenschaft gleichgesetzt. Statt zu forschen, müssen nicht wenige Geisteswissenschaftler nun Drittmittel einwerben und kollektiv Projekte skizzieren wie Naturwissenschaftler. Mögen Letztere noch so sinnvoll im Team ihre Experimente durchführen – keine Studie über das Drama des 18. Jahrhunderts wird von zwanzig Wissenschaftlern kollektiv verfasst.

Eine normierte Antrags- und Gremiensprache entsteht, sie suggeriert eine kalkulierbare Exaktheit, die in diesen Fächern einfach nicht zu haben ist. Ein Faktor, der die ohnehin verbreitete Tendenz, mehr auf Mainstream zu setzen als auf den besonderen, vielleicht schwierigen, aber vielleicht auch brillanten Forscher und Lehrer, noch verstärkt. Ein ökonomischer Jargon (»Akkreditierung«, »Evaluation«, »Wettbewerbsfähigkeit«) spiegelt die Globalisierungszwänge, denen die Geisteswissenschaften hoffnungslos ausgeliefert sind. Schon weil das Bildungsbürgertum, ihre letzte Lobby, ausstirbt. Wenn Bildungspolitiker heute Visionen haben, dann sehen sie Stammzelllinien, nicht Lessings Ringparabel.

Die Zukunft, ganz nah. Sie lässt sich auch in Bonn besichtigen. Hoch über der Stadt auf dem Venusberg steht ein Vorzeigeprojekt der Universität, hier finde, heißt es, Spitzenforschung statt. Hier sei die Universität kein Patient mehr, hier sei sie genesen.

Ein gläserner Neubau, die Flure erstrahlen in aseptischem Glanz, hin und wieder huscht eine Laborantin im weißen Kittel von Tür zu Tür. In einem Zimmer erblickt man Petrischalen, in einem anderen stehen große, metallene Geräte, die leise vor sich hinbrummen. Life & Brain, so heißt das Gebäude, in dem Professor Oliver Brüstle forscht. Brüstle, Professor für Rekonstruktive Neurobiologie, ist Stammzellforscher und zugleich Unternehmer. Life & Brain beherbergt ein Institut, ist aber zugleich ein Firmensitz.

Der Professor grüßt mit verhaltenem Händedruck, führt in sein geräumiges, sparsam eingerichtetes Dienstzimmer, sagt, er gebe eigentlich keine Interviews mehr, das raube nur Zeit, und an Öffentlichkeit sei er ohnehin nicht interessiert. Er sagt es sehr freundlich und blickt einen fast schüchtern an. Mit seinen runden Wangen hat er etwas Jungenhaftes, etwas – man ist versucht zu sagen: harmloses.

Dabei ist Brüstle nicht nur Deutschlands bekanntester Stammzellforscher, sondern auch der umstrittenste. Auftritte bei Symposien absolvierte er noch vor wenigen Jahren unter Personenschutz, er erhielt Drohbriefe, selbst Kollegen mobilisierten gegen ihn in einem offenen Brief. Denn für seine Forschung braucht Brüstle embryonale Stammzellen, die in Deutschland nicht hergestellt werden dürfen. Er war der Erste, der sie importieren wollte. Ein Tabubruch. Brüstle wurde zum »Frankenstein« Deutschlands stilisiert, eine heftige Debatte folgte, bis der Bundestag das Stammzellgesetz beschloss. Es erlaubt den Import von Stammzellen unter strengen Auflagen. »Es ist ruhiger geworden«, sagt Brüstle, die Diskussion habe sich ein wenig versachlicht.

Er ist ein Pionier. 1999 gelingt es ihm als Erstem weltweit, defekte Gehirnzellen zu reparieren. Er hat aus Stammzellen von Mäusen Gehirnzellen gezüchtet und einer Ratte gespritzt, deren Nerven geschädigt waren. Die implantierten Zellen stellten die Nervenzellen wieder her. Das machte ihn in seiner Zunft weltbekannt.

Seither treibt ihn eines um: Er möchte dieses Verfahren auch bei Menschen anwenden. Um Nervenkrankheiten wie Multiple Sklerose oder Parkinson zu heilen. »Wenn Sie einen Autounfall haben«, sagt er ernst, »und Ihr Gehirn ist beschädigt, dann können Ärzte nichts machen. Dann stehen wir da wie vor 50 Jahren. Das ist deprimierend.« Dies zu ändern sei sein Antrieb.

Sein Forscherdrang regte sich früh, schon als Jugendlicher habe er sich gefragt, wie kann so etwas Komplexes entstehen – das Nervensystem, das Gehirn? Noch immer kennen wir es kaum. Er habe angesichts des menschlichen Körpers, des großen Rätsels, das er noch immer sei, einen »Hang zur Religiosität« entwickelt.

Brüstles Forscherdrang wird erneut gebremst. Das Stammzellgesetz erlaubt es ihm, Zellen zu importieren, aber es verbietet ihm, mit Zellen zu arbeiten, die nach dem 1. Januar 2002 hergestellt wurden. So soll verhindert werden, dass Embryonen für die Forschung getötet werden.

»Während Forscher in Schweden und Schottland mit neuen Zelllinien arbeiten, sitzen wir hier auf veraltetem Material, das ist absurd. Es ist, als bauten Sie ein Haus, und sie bekommen drittklassiges Baumaterial.«

In Deutschland dauere der Entscheidungsprozess zu lange. Es werde immer schwieriger, Forschungsergebnisse international zu vergleichen, man hinke hinterher. Brüstle schien bereits weit abgeschlagen. Der Südkoreaner Hwang Woo Suk behauptete, als Erster menschliche Embryonen zu klonen und daraus Stammzellen zu gewinnen. Ein Vorhaben, an dem auch Brüstle laboriert. Dann kam heraus, dass keine einzige der im Sommer 2005 von Hwang in einer Fachzeitschrift beschriebenen geklonten Stammzellen existierte. Ein praller Wissenschaftsskandal.

Brüstle verzieht das Gesicht, er hat geahnt, dass er darauf angesprochen würde. Völlig überrascht sei er gewesen, er empfinde auch keine Genugtuung, er stand mit Hwang in regem Kontakt, er machte auf Brüstle einen »ausgesprochen kompetenten Eindruck«. Halten viele Forscher den überreizten Wettbewerb in dieser Zukunftstechnologie nicht aus? »Das muss man aushalten.«

Brüstle steht auf, dehnt sich ein wenig, er möchte zu Hwang nichts mehr sagen. Lieber führt er einen durch das Life & Brain-Gebäude, zeigt auf das Ende eines Ganges: »Dort ist die GmbH. Und hier…« – er zeigt nun in die andere Richtung – »…hier ist die Universität.«

Die Universität sei für die Grundlagenforschung zuständig. »Hier hat man Zeit, hier geht es nicht um unmittelbare Verwertung.« – »Und dort«, Brüstle meint jetzt seine GmbH, dort werde Geld verdient. Beides schließe sich nicht aus, sondern befruchte sich.

Grundlagenforschung und Anwendung klafften bislang zu weit auseinander. Er hoffe, dass solche Projekte Schule machten. Dass zweckfreie Entfaltung des Individuums und Effizienzgewinn – also Humboldt und Kapitalismus – als Gegensatz aufgebaut werden, findet Brüstle verkürzt gedacht.

Wir stehen vor dem »System zur Zellkulturautomation«, das er mit einer Partnerfirma hergestellt hat und vermarktet: einem mächtigen, metallumfassten Gerät, durch dessen Glasscheiben man ins Innere blicken kann. Wie in ein Aquarium. Man sieht feine Schläuche und metallene, blockartige Einheiten. Damit, erklärt Brüstle, könne man Stammzellen kultivieren. Und zwar so, dass eine Kontamination mit Erregern fast ausgeschlossen sei. Die Stammzellkultivierung werde automatisiert und erleichtere die fehlerfreie Vermehrung von Zellen ganz enorm.

Im Life & Brain-Projekt kann man studieren, wie sich an der Hochschule Bindungen an politische Institutionen lockern, der Einfluss merkantiler Interessen hingegen zunimmt. Für die Stammzellforschung mag dies ausgesprochen sinnvoll sein, eine Reflexionswissenschaft wie die Germanistik wird hieran niemals anschließen können, wie sehr sie sich auch um Drittmittel oder um gesellschaftliche Relevanz bemüht.

Life & Brain wird großzügig von der Hertie-Stiftung unterstützt, das Land gab 30 Millionen Fördergelder für das High-Tech-Gebäude, zudem strömten Mittel aus dem Bonn-Berlin-Ausgleichsfonds, und die Universität unterstützt Brüstles Forschung mit bis zu vier Millionen Euro pro Jahr. Einen eigenen berufsbildenden Studiengang bietet das Life & Brain-Studium nicht an, die Forscher partizipieren an Studiengängen anderer Institute wie der Neuropathologie. Mit Reformen wie der Einführung neuer Studiengänge beschäftigt sich Life & Brain jedenfalls nicht. Das sind hier Fragen von gestern. Hier scheint die Zukunft bereits angekommen. Dennoch, was hält Professor Brüstle eigentlich von den Reformen? »Ach, die Reformen. Natürlich verlaufen sie nicht reibungslos, keine große Veränderung verläuft reibungslos, auch kein naturwissenschaftliches Experiment. Schreiben Sie, ich bin für Reformen.«

Ein Bus fährt zurück zum Hauptgebäude, dorthin, wo die Zukunft noch fröstelt und die Vergangenheit noch aus dem Kaffeeautomaten tröpfelt. Ein letzter Plastikbecher, die Tische sind vermüllt, mit Flyern, auch mit Bierflaschen. Am Aufgang in den zweiten Stock ist es wieder Viertel nach zwei. Doch die stehen gebliebene Uhr täuscht, die Universität hat sich in Bewegung gesetzt. Und jede Bewegung erzeugt zunächst Reibungsverluste. Man denkt an Professor Schilling, der über den Verwaltungsaufwand klagt. An die Germanisten, die von Antrag zu Antrag ihre Stellen zu sichern suchen. Studenten werden kollektiv früher ins Berufsleben entlassen. Die Universität als letzter gesellschaftlicher Zufluchtsort, der sich von ökonomischen Zwängen weitestgehend befreit sah, gehört der Vergangenheit an.

All diese Reformen scheinen in ihren Grundzügen ebenso sinnvoll wie traurig. Denn sie markieren den Abschied von einer bundesrepublikanischen Sorglosigkeit, fernab des globalisierten Wettbewerbs. Er wird auch innerhalb der Universität Verlierer und Gewinner produzieren. Ein Philosophieprofessor, lange nicht gesehen, grüßt, als habe man die Uni nicht schon vor Jahren verlassen, macht auf den Stufen halt, sagt: »Wir müssen hier raus.« Erzählt, dass es Pläne gibt, die Geisteswissenschaften umzusiedeln, in einen kargen Neubau, weg vom Stadtkern. Noch sei nichts offiziell, aber das schöne, alte Hauptgebäude werde geräumt. Für die Verwaltung. Nein, nicht gleich. In ein paar Jahren. Noch habe man ein wenig Zeit.

Ein historisches Viertelstündchen sozusagen.

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