Nun haben sie Europa erreicht. Die spätmodernen Ritter von der religiösen Gestalt führen ihren Kampf um die spirituelle Optimierung der Spezies auf dem Kontinent fort. Die John Templeton Foundation aus Philadelphia ist zu einem Feldzug angetreten, um das westliche Weltbild des aufgeklärten Rationalismus zu retuschieren . Ihr Ziel ist eine Bewegung gegen die säkulare Welt, ihre Methoden sind Agenda-Setting und Massensponsoring. Das Auge Gottes über der Pyramide des Wissens, ein Motiv von der Dollarnote BILD

Die Foundation verfügt über mindestens 800 Millionen Dollar, von denen sie jährlich 40 Millionen in wissenschaftliche Projekte investiert, um »Kraft und Potenzial des menschlichen Geistes« erforschen und entdecken zu lassen. Im fundamentalistischen Sinne christlich wird man sie nicht nennen können, da sie einen überkonfessionellen Begriff von Spiritualität und Gott vertritt. Selbst Atheisten werden gefördert, und ein Glaubensbekenntnis hat niemand abzugeben. Ebenso wenig lässt sich der Stiftung gezielte Subversion unterstellen, ihre Aktionsfelder sind so ideologisch unverdächtige wie wissenschaftliche Konferenzen, Tagungen, Studienprogramme und Schulkurse.

In Templeton verschmelzen amerikanischer Pragmatismus und spirituelle Frömmigkeit zu einer metaphysischen Legierung, die nicht allein der vermeintlichen Auflösung der Werte entgegenwirken soll. Sie zielt überaus geschickt auf eine Diffusion der Disziplinen, im Mindesten auf die Durchlässigkeit von Hardcore-Naturwissenschaften für spirituell-religiöse Anliegen. Templeton will den Dialog zwischen Naturwissenschaften, Theologie und Religiosität; zweidimensionale Forschung (flat science) fördert die Stiftung nicht.

Wer Geld beantragt, verpflichtet sich gewissermaßen, in die dritte, die spirituelle Dimension zu gehen. Systematisch sponsert die Foundation jene Forschung, die sich, mit dem klaren Ziel eines wissenschaftlichen Transzendenz- und Gottesbeweises, dem spirituellen Fortschritt verschreibt. Geht es nach Templeton, soll weltweit und demütig danach gestrebt werden, die heilende Kraft des Glaubens empirisch zu beweisen und die Bedeutung des Religiösen für die Welt objektiv zu vertäuen. Rationalistische Grenzziehungen zwischen Wissen und Glauben erachtet die Foundation als überholt.

Der spirituelle Feldzug hat inzwischen Deutschland erreicht

Der Feldzug der Philanthropie begann Ende der achtziger Jahre in den USA. Immer öfter taucht seitdem, versteckt oder offen, auch in Deutschland der Name Templeton auf der akademischen Agenda auf. Im Juni 2005 etwa richtete die Evangelische Akademie im Rheinland in Bonn eine »Kooperationstagung« mit dem Titel Theologie und Naturwissenschaften – Neue Ansätze der Forschung und des Dialogs aus; gefördert wurde die Tagung »mit Mitteln der John Templeton Foundation«. Vergangenen September ist der freie Journalist Tomas Gärtner aus Dresden mit dem John-Templeton-Preis European Religious Writer of the Year 2005 ausgezeichnet worden, vergeben durch die Konferenz Europäischer Kirchen (KEK).

Kürzlich hat das Forschungszentrum Internationale und Interdisziplinäre Theologie der Universität Heidelberg um Bewerbungen für seinen John Templeton Award for Theological Promise gebeten. Angesprochen fühlen dürfen sich Postdoktoranden aus aller Welt, von denen zwölf jeweils 10000 Dollar für die beste Dissertation oder das erste Postdoktoranden-Opus erhalten, das dem Thema »Gott und Spiritualität« gewidmet ist.