ErnährungsindustrieWir essen die Welt

Für billige Lebensmittel nehmen die Konsumenten alles in Kauf – von der Tierquälerei bis zur Rodung der Urwälder

Früher brauchte ein Schwein fast drei Jahre, bis es schlachtreif war. Heute sind es sechs Monate. Ein frisch geschlüpftes Küken endet nach 38 Tagen als Chicken Nugget in der Friteuse. Es sind keine Tiere, sondern Produkte. Optimiert für schnelles Wachstum und reibungslose maschinelle Weiterverarbeitung. Sie sind Objekte derselben industriellen Logik, die Gummi in Autoreifen verwandelt und Rinder in Hackbraten. Wir wissen es, und wenn nicht, so ahnen wir es zumindest.

Warum also vermag der Dokumentarfilm We feed the world so viel Empörung auszulösen? Er zeigt doch nichts anderes als die Realität moderner Nahrungsmittelproduktion. Wer billiges Fleisch essen will, überall und zu jeder Zeit, der sollte dankbar sein. Er wird bei uns prompt bedient.

Und trotzdem spüren die Menschen, dass es eben doch einen Unterschied gibt zwischen Autoreifen und Lebensmitteln. Wir reagieren verstört, wenn uns gezeigt wird, dass riesige Gemüseplantagen in Südeuropa das Grundwasser knapp werden lassen. Dass Südamerikaner den Urwald roden, um Soja für deutsches Mastvieh anzubauen. Dass Getreide neuerdings gentechnisch verändert wird, um es Schädlingsgiften anzupassen – nicht etwa umgekehrt.

Erneut kommt eine Industrie ins Gerede, die unseren Alltag bestimmt wie keine andere. Ging es erst um dicke Kinder und ungesunde Ernährung, sind es nun die Produktionsmethoden. Doch bald werden die Bilder vergessen sein, und wir spielen weiter das Spiel des »Mehr, schneller, billiger«, das unseren Umgang mit Lebensmitteln seit Jahrzehnten prägt.

Drei Fragen kennzeichnen den deutschen Weg in die satte Gesellschaft. Hieß es in den Mangeljahren um das Kriegsende noch »Gibt es was zu essen?«, wurde daraus später »Was gibt es zu essen?« und schließlich »Was willst du essen?«. Die Vielfalt wuchs, die Preise sanken. Musste man 1960 noch mehr als zwei Stunden lang arbeiten, um sich ein Kilo Brathähnchen leisten zu können, waren es zur Jahrtausendwende lediglich 13 Minuten. Lebensmittel verkamen zur Nebensache. Wir wissen auf den Cent genau, wie viel ein Liter Superbenzin kostet. Aber ein Pfund Schinken?

Allenfalls Skandale wie die Rinderseuche BSE wecken ein breiteres Interesse für Nahrung und ihre Entstehung. Vorübergehend. Längst hat sich die Industrie mit dem Normalfall arrangiert, bei dem Verbraucher mit simpelsten Behauptungen in eine fast schon romantische Form von Sorglosigkeit versetzt werden können. Etwa damit, dass »kontrollierter Anbau« ein Qualitätsversprechen sei – obwohl dieser Hinweis gar nichts bedeutet: Auch konventionelle Bauern kontrollieren ihre Felder. Ökologische Landwirtschaft mag heute zwar boomen, ist aber mit einem Anteil von weniger als fünf Prozent an der deutschen Agrarfläche immer noch eine Randerscheinung.

Große Welternährer wie Nestlé, Unilever, Tyson oder Danone sind allesamt börsennotierte Konzerne. Sie stehen folglich unter Druck, in jedem neuen Quartal ihre Gewinne zu steigern. Was aber Verbraucher nicht zu zahlen bereit sind, müssen die Unternehmen bei der Produktion sparen. Unter diesen Voraussetzungen sind nachhaltige Konzepte selbst bei bestem Willen kaum umzusetzen.

Es wäre allerdings naiv, deshalb in einen Kleinbauernreflex zu verfallen. Bärtige Latzhosenträger auf hügeligen Parzellen können nicht das Land ernähren, geschweige denn die Welt. Bei aller Kritik hat die Industrialisierung der Nahrungskette auch Vorteile. Die Hygiene lässt sich bei großen Fabriken viel besser überwachen als in Tausenden Kleinbetrieben. Und mag es auch befremdlich wirken, dass Kühltransporter täglich riesige Mengen Schweinefleisch in die Supermärkte karren: Ein paar Lastwagen verbrauchen allemal weniger Sprit, als wenn Hunderte Großstädter selbst mit ihren Autos die Hofläden im Umland abklappern, um sich einzelne Schnitzel aus der Hausschlachtung zu besorgen.

Eine bessere Nahrungsmittelproduktion muss also beides verbinden: den ökologischen Gedanken eines respektvollen Umgangs mit der Natur und die effizienten Strukturen der Industrie.

Die Politik könnte dafür Anreize schaffen, etwa mit einer Pflicht, sämtliche Inhaltsstoffe und Produktionsmethoden zu deklarieren. Das würde es Unternehmen erschweren, den Kunden in der Werbung grüne Idyllen vorzugaukeln. Nur ist gerade das von der Bundesregierung nicht zu erwarten. Anders als seine grüne Vorgängerin Renate Künast versteht sich Horst Seehofer, CSU, primär als Minister für Landwirte, nicht für Verbraucherinteressen.

Ferner müsste ein unfairer Wettbewerbsvorteil für konventionell erzeugte Lebensmittel beseitigt werden: Sie sind nämlich auch deswegen bis zur Hälfte billiger als ökologische Ware, weil sie einen Teil ihrer Produktionskosten der Allgemeinheit aufbürden, zum Beispiel Umweltschäden. Kippt der Bauer intensiv Düngemittel und Schädlingsgifte auf seine Felder, sickern die Rückstände ins Grundwasser. Auf Sparsamkeit getrimmte Massentierhaltung verursacht zudem viele ungesunde Gase, das belastet die Luft. Irgendwann und von irgendwem müssen diese Schäden beglichen werden – warum nicht sofort? Eine Umweltabgabe auf konventionell erzeugte Produkte würde deren bestes Verkaufsargument – der billige Preis – schwächen und ökologische Ware zur echten Alternative für den Massenmarkt machen.

Die Verbraucher müssten sich dann wohl davon verabschieden, dass manch eine Wurst weniger kostet als ein Glas Mineralwasser. Wer umsichtig hergestellte Lebensmittel will, kann sie bekommen, auch zu einem bezahlbaren Preis. Wer aber so billig wie irgend möglich einkaufen möchte, der soll nicht in den Film We feed the world gehen und sich anschließend darüber empören, er habe nichts von alledem geahnt. Dann soll er sagen: Ja, ich weiß um den Preis, aber er ist mir egal.

 
Leserkommentare
  1. Ganz abgesehen, dass für mich als Tierfreund, Fleisch aus industrieller Tierhaltung nicht in Frage kommt, führt das billige Fleisch, das entsprechend oft gegessen wird, auch zu vermehrten Wohlstandskrankheiten. Vielleicht würde mancher mehr für das Essen ausgeben, wenn ihm bewußt wäre, wie er eines Tages für den sorglosen Umgang mit der Erde und ihren Produkten bezahlen müsste, damit meine ich ebenso Gicht und Diabetes, wie rares Trinkwasser.
    Meiner Meinung nach, wäre hier auch eine verantwortungsvolle Presse gefordet.
    B. Müller

  2. In dem Artikel ( den Film kenne ich leider nicht ) wurde noch auf einiges vergessen: Industriell hergestelltes Saatgut macht die Vielfalt des Saatguts zunichte. Falls nun ein "grosser" Weizenschädling solch ein Monosaatgut befallen würde und ein grosser Teil der Welternte, was dann? Bei Sortenvielfalt trifft es einen Teil des Saatguts, ein Ausfall der beherrschbar wäre.
    Noch etwas, was böse in meinem Hinterkopf spukt: Gentechnisch verändertes Saatgut, dessen Frucht im Folgejahr nicht keimt. Gentechnisch "impotent", zwecks höherem Gewinn der Saatguthersteller. Oder gibt es dieses Saatgut bereits?
    Wollen wir also tatsächlich solche "billigen" Lebensmittel?
    Dann noch etwas zur Kreatur, wie sie Hühner, Menschen, Rinder, also alles was kreucht und fleucht, darstellen: Darf der Mensch andere Lebewesen als Ware behandeln? Haben Sie schon mal die Schreie des Entsetzens aus einem Tiertransporter auf der Autobahn gehört (egal bei welcher temperatur)? Oder die Schreie der Rinder in den Tierfabriken? Die Realität sollte tagtäglich zur Hauptsendezeit dem p.t. Publikum gezeigt werden, und nicht der Opa, welcher von seiner Enkelin über das QS - Zeichen aufgeklärt wird, und dankbar und verklärt lächelt! Man darf auch nicht die Dekadenz der heutigen Gesellschaft vergessen, es kostet ja nix und wir haben im Überfluss, was soll's.

    • Anonym
    • 15.05.2006 um 10:47 Uhr

    Gerade wollte ich auf deinen Einwand antworten. Das hat mir aber Dovzhenko regelrecht abgenommen. Klar ist zwar, dass die EU durchaus mittels bürokratischer Verordnungen zum Niedergang kleiner, "herkömmlich arbeitender" Betriebe beigetragen hat und es jetzt noch tut. Trotzdem trägt hierzulande (wie auch auf der ganzen Welt) der Verbraucher die Hauptverantwortung, da er letztendlich vorgibt, welche Technik sich für den Landwirt von heute am meisten lohnt.
    Wenn er ein 1-Euro-Schnitzel will, das über den Tellerrand rausragt, wird er es bekommen. - Nebeneffekte, die die Gesundheit des Konsumenten betreffen und auf landwirtschaftlicher "Effizienz" beruhen, sind die Folge

  3. Es ist billig, gegen sich selbst geizig zu sein. Im Moment. Unsere ungesunde Ernährung rächt sich mit langen Wirkungszeiten. Aber irreparabel. Es ist ein Jammer, dass wir so überhaupt nicht gelernt haben, nachhaltig zu denken und zu handeln. Wahrscheinlich liegt es daran, dass wir auch nicht mehr fühlen können, was wir sind. Der Instinkt - zubetoniert, zivilisiert in Grossstädten und Agglomerationen, in denen Kinder denken, die Mich kommt aus dem TetraPak.

    Und das Problem ist ja: Willst Du überzeugen und den Markt ändern, musst Du heute die ganze Welt überzeugen. Denn wir haben bald nur noch den einen Weltmarkt. Letzte Woche konnte man in der Migros in der Schweiz als einzelne Knolle Zwiebel nur ein Angebot aus China wählen. Das Netz mit dem Dutzend Zwiebeln, das gab es aus Spanien. Ein simples Beispiel für die allgemein verquer gewordene Welt

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  4. Ganz abgesehen, dass für mich als Tierfreund, Fleisch aus industrieller Tierhaltung nicht in Frage kommt, führt das billige Fleisch, das entsprechend oft gegessen wird, auch zu vermehrten Wohlstandskrankheiten. Vielleicht würde mancher mehr für das Essen ausgeben, wenn ihm bewußt wäre, wie er eines Tages für den sorglosen Umgang mit der Erde und ihren Produkten bezahlen müsste, damit meine ich ebenso Gicht und Diabetes, wie rares Trinkwasser.
    Meiner Meinung nach, wäre hier auch eine verantwortungsvolle Presse gefordet.
    B. Müller

  5. Ich möchte der Zeit danken. Danken für die Wahrheit direkt auf Seite 1. Besonders der Hinweis auf die externen Kosten der Landwirtschaft gefällt mir. Die Idee mit der Umweltabgabe ist ja auch nicht neu, aber leider wohl nicht durchsetzbar, weil die Agrar-Lobby einfach zu mächtig ist. Vielmehr tragen Filme wie "We feed the world" zur Verbraucheraufklärung bei. Etwas was die eigentliche Aufgabe des Verbraucherministeriums sein sollte. Stattdessen bekommt der Verbraucher erzählt alles sei "in Ordnung", kontrolliert und in bester Qualität. Dem Verbraucher wird aber nicht gesagt wie "in Ordnung", Kontrolle oder Qualität eigentlich definiert wird. Dabei geht es in der Regel nämlich nicht um Tierhaltung oder Ökologie, sondern um die reinen Eigenschaften des Produktes, z.B. in punkto Hygiene.

    Trotzdem danke, danke, danke!

    • eik
    • 18.05.2006 um 16:12 Uhr

    Sie vergesen dabei, dass auch der Anspruch der Verbraucher gewaltig gerstiegen ist, ohne die Leistung zu erhöhen. Vor Jahren stimmte noch, dass wer was leistet sich auch was leisten soll, heute ist dem bei weitem nicht mehr so. Jeder fährt in Urlaub, meist hat jeder sein Aut, obwohl viele nicht mal arbeiten. Generell würde es allen besser anstehen, weniger und bewußter zu essen. Sollten Ihnen die Zahlen bereits heute schon adipöser Kinder entgangen sein? Essen ist zum Volkssport Nummer 1 geworden, die Kreatur spielt schon lange keine Rolle mehr. Ein ganzes Hähnchen für 5 €, das dürfte es nicht geben, wo bleibt da der Respekt vor dem anderen Wesen?!

    • Anonym
    • 12.05.2006 um 12:33 Uhr
    8. \N

    Es ist und bleibt das alte Lied: allein der Verbraucher entscheidet über die Art wie etwas produziert wird, die Information, die er besitzt und der Wert, den er einer gesunden und ökologisch verträglichen Malzeit zumisst. Der Industrie kann man keine Vorwürfe machen, denn sie ist gesetzlich dazu verpflichtet, den Wünschen der Anteilseigener zu entsprechen. Ob der Markt ein Gewissen hat, bestimmt nach wie vor niemand anderes als jeder einzelne Nachfrager. Dessen Bewusstsein ist letztendlich ausschlaggebend - der Staat kann durch Internalisierungsmaßnahmen hierbei nur begrenzt helfen.

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