Die Kanzlerin hat Glück, dass ihr als Opposition nur einige versprengte Kleinparteien gegenüberstehen. Man stelle sich vor, Angela Merkel hätte in diesem Mai 2006, sagen wir mal, die Angela Merkel vom Mai 2005 gegen sich. Jene Frau, die sagte, Deutschland befinde sich in der tiefsten Krise seit dem Krieg und müsse sich unverzüglich und gründlich verändern. Da könnte sich die Merkel 06 aber warm anziehen mit ihren vielen Kompromissen bei mittelgroßen bis kleinen Reformen. Wir wissen nicht genau, wo die Merkel 05 geblieben ist, jedenfalls sitzt sie nicht auf der Oppositionsbank der Kanzlerin gegenüber.

Dennoch muss man sich um die gegenwärtige Merkel sorgen, denn sie hat ihre wichtigste Geheimwaffe verloren – sie wird nicht mehr unterschätzt. Vor allem außenpolitisch überfrachtet man sie geradezu mit Erwartungen. "Merkel" wird gerade zum Losungswort aller Hoffenden und Verzweifelten in westlichen Hauptstädten. Und davon gibt es erschreckend viele. Im desorientierten Washington trägt ihr der desolate George W. Bush die Führungspartnerschaft an und lässt sich von ihr immerhin zu etwas mehr Geduld mit Iran bewegen. In Brüssel, wo man verfassungslos vor sich hin verwaltet, gilt sie bereits als Königin von Europa. Kein Wunder, amtiert sie doch als Einäugige unter lauter Blinden: Vier der größten EU-Länder befinden sich in dauerhaften Regierungskrisen, das (männliche) Personal in London, Paris, Rom und Warschau verliert sich in Eitelkeiten, Kabalen und allerlei Bizarrerien. Da kann man nur hoffen, dass Asiaten und Amerikaner die globalen Wettbewerbe so lange unterbrechen, bis die herrschenden Herren in Europa mit dem Spielen fertig sind. Oder eben Merkel die Sache in die Hand nimmt.

Hier fängt die Überschätzung der deutschen Kanzlerin an – wenn nicht ihrer Fähigkeiten, so doch ihrer Möglichkeiten. Die beiden großen Entscheidungen der EU, die Aufnahme neuer Staaten und die Zukunft der Verfassung, sind in dieser Lage vorerst nicht zu fällen. Und ob man bei den von Angela Merkel für Europa (wie für Deutschland) vorgeschlagenen kleinen Schritten vorankommt, muss angesichts der vier großen Regierungskrisen bezweifelt werden. Darum hat sich die Kanzlerin für die deutsche EU-Präsidentschaft des Jahres 2007 nicht mehr vorgenommen, als einen Zeitplan vorzulegen zur Lösung der großen Probleme. Nach der Denkpause also der Zeitplan – Europa nimmt sich mehr Zeit, als es hat. Das vermag auch Angela Merkel allein nicht zu ändern, höchstens für einige Zeit zu überstrahlen.

Dasselbe Muster zeichnet sich innenpolitisch ab. Selbst in der SPD kann sich kaum jemand vorstellen, dass ein Genosse bei der nächsten Bundestagswahl gegen Merkel eine Chance hat. Nach all den Personalwechseln in der SPD gilt die Kanzlerin als relative Riesin der deutschen Politik. Allerdings verhindert – wie in Europa – die Schwäche ihrer politischen Partner auch daheim, dass sich allzu viel bewegen lässt. Bislang macht das nichts, aufgrund eines paradoxen Mechanismus. Die Regierung Schröder hat viel reformiert und damit die Stimmung im Lande verdorben. Schwarz-Rot bewegt weniger, und die Leute sind besser drauf. Noch. Offenbar kann man mit weniger Politik atmosphärisch mehr erreichen. Für eine Weile.