Anton Wendrinsky liegt auf der Lauer. Er lehnt sich aus dem Fenster seiner Erdgeschosswohnung, sein Kopf steckt zwischen zwei Topfpflanzen, er späht nach links, er späht nach rechts, aus seinem Mund kommt Zigarettenrauch. Alles ruhig heute in der Hillerstraße, nichts Verdächtiges in Sicht.

Vor einiger Zeit stellte Anton Wendrinsky fest, dass sich sein beschauliches Grätzel, in dem er seit 46 Jahren lebt, sein ganzes Leben lang, schleichend in ein Quartier sozialer Unordnung verwandelt hatte: Huren offerierten vor seinem Fenster ihre Dienste, die Autos der Freier kreisten stundenlang um den Häuserblock. In Wendrinskys Straße, seiner kleinen Welt im Stuwerviertel in der Leopoldstadt, war offenbar einiges durcheinander geraten.

Doch niemand schien daran Anstoß zu nehmen. Also gründete der Buchhalter im August des Vorjahres das Bürgerforum Stuwerviertel, dem derzeit rund dreißig Mitstreiter angehören. Er verfasst minutiöse Protokolle, notiert Autokennzeichen. Von vielen Polizisten kennt er inzwischen die Telefondurchwahl. Die Beamten stöhnen, wenn sie seinen Namen hören. Bis heute bezieht der Mann regelmäßig seinen Posten am Fenster, in der einen Hand eine Zigarette, in der anderen hält er einen Kugelschreiber parat. »Total starker, kreisender Autoverkehr, und es ist sehr laut«, notierte er etwa, »jede Menge Prostituierte links und rechts der Hillerstraße 5. Rufe um 23.55 Uhr 133, Notruf.«

Es rumort in Wien. Die Metropole, von der es mitunter heißt, sie sei ein Freilichtmuseum, wird seit kurzem von größeren und kleineren Revolten nachhaltig belebt. Die Liste der Aktionen, die von den neuen Stadtrebellen ins Leben gerufen wurden, ist lang: gegen Prostitution, gegen Verkehrslärm, gegen nächtliche Ruhestörer, gegen geplante Tiefgaragen. Den bislang spektakulärsten Widerhall fand eine Anti-Hundehaufen-Petition im Internet: Bis zum Ende der Eintragungsfrist am 30. April waren über 130000 Personen auf die virtuelle Barrikade von www.hundekot.at gestiegen. Nun werden noch jene Unterschriften gezählt, die Unterstützer in Geschäften oder Arztpraxen unter den Aufruf setzten. Mitte Mai soll dann das Endergebnis Bürgermeister Michael Häupl präsentiert werden.

Die kleinen Rebellionen von Bürgern, die sich vom städtischen Leben belästigt fühlen, sind ein neues Phänomen in Wien. In den vergangenen Jahren war der Großteil der Bürgerproteste sang- und klanglos eingeschlafen: Die Initiative gegen das Museumsquartier ist ebenso Geschichte wie die Bewegung zur Rettung der Sophiensäle oder der Klimt-Villa. Der bislang letzte erbitterte Kampf um den öffentlichen Raum wurde vor zwei Jahren per Gesetz beigelegt, nachdem sich Tierschützer und Innenstadtbewahrer jahrelang unversöhnlich gegenübergestanden waren: Seit damals sind die Wiener Fiaker verpflichtet, ihren Rössern Windeln – die so genannten Pooh-Bags – anzulegen.

Der Protest ist professionell vernetzt

Für Cornelia Ehmayer sind die nun aufflackernden Proteste Resultat einer »neuen urbanen Bewegung«. Ehmayer arbeitet seit einigen Jahren als selbstständige »Stadtpsychologin«. Ihr bevorzugtes Beobachtungsobjekt befindet sich seit geraumer Zeit direkt vor ihrer Haustür. Im Bacherpark im fünften Bezirk übernachteten Anfang Jänner, bei minus 15 Grad, etliche Wienerinnen und Wiener im Zelt – die meisten davon Anrainer des Parks. Die Aktivisten der Bürgerinitiative Bacherplatz versuchen – bis dato erfolgreich – den Bau einer Tiefgarage zu verhindern. »Naive Weltverbesserer und romantische Lagerfeuerrevolutionäre sind unter den Mitgliedern der einzelnen Protestbewegungen kaum auszumachen, die Aktivisten finden sich, gehen auseinander und können bei Bedarf jederzeit wieder zusammengerufen werden«, analysiert Ehmayer. In ihrer Studie Das Wesen von Wien fand sie heraus, dass die Stadt, müsste man sie sich als eine Person vorstellen, von der Mehrheit der Befragten als eine alte, gluckenhafte Frau in Hemdblusenkleid imaginiert wird.