Österreich »Aaaaaah!«
Grasser gegen Bild – das Medienrecht ist zahnlos
Mehr privat, weniger Staat. Das ist es, was Fiona Pacifio Griffini Grasser und ihr Mann Karl-Heinz immer wollten. Sie knutschen, sobald eine Kamera surrt. Selbst in der Opernball-Loge schmuste die exzentrische Dame ihren Finanzminister ab, als tummle sich das Paar auf einem Dorfgschnas – daneben stand übrigens Mohamed ElBaradei, der Chef der Internationalen Atomenergiebehörde. Wie die unseligen Lugners kennen diese Vertreter der »New Egonomy« (Wiener Stadtzeitung Falter ) in ihrer medial inszenierten Glückseligkeit kaum Tabus. Aber darf man deshalb einem Repräsentanten der österreichischen Regierung und seiner Frau beim intimen Spiel zusehen? Ja, glaubt das deutsche Massenblatt Bild.
Am Montag reichte Grassers Anwalt Michael Rami beim Wiener Landesgericht eine Klage gegen die Axel Springer AG ein. Der Medienadvokat – er verklagte im Auftrag der FPÖ reihenweise Regierungskritiker – will nun erreichen, dass sich der »juristische Sargdeckel über der Bild senkt«. Das wird ihm dank des zahmen österreichischen Medienrechtes nur bedingt gelingen, obwohl Bild in diesem Fall einen Scoop weit unter der Gürtellinie landete.
Das Blatt zeigte Grasser nicht nur in einer seiner legendären Badeshorts am Strand von Capri – diesmal ein rosafarbenes Exemplar –, sondern auch seine Frau, die auf einer Strandliege ihren Kopf an die Textilie schmiegt. Der Leser wird im Unklaren über das tatsächliche Geschehen gelassen – der intime Bereich des Ministers ist geschickt gepixelt. Nur der Text von Bild- Journalistin Christiane Hoffmann ist eindeutig: »Hier sucht die Kristallerbin die Kronjuwelen des Finanzministers. Da liegt ER! Und genießt. Ihr Verwöhnprogramm. Ihre Küsse. Ihre Liebkosungen. Herzen, busseln, tasten, suchen. Nach Kronjuwelen? Mozartkugeln? Aaaaaah!« Auch ein »Gerücht« eines »Vertrauten« wird von Bild verbreitet: »Fiona (…) und ihr Minister arbeiten nach einer Fehlgeburt an einem Baby. Kleiner Tipp, verehrte Liebende: DAS geht irgendwie anders.«
Der stellvertretende Bild- Chefredakteur Alfred Draxler sagt zur ZEIT: »Wir haben ja nicht behauptet, dass der Sex vollzogen wurde.« Das Foto sei im Übrigen gar nicht von Bild- Reportern geknipst worden, sondern von italienischen Paparazzi. Als britische Boulevard-Kollegen ein Foto mit nacktem Po der deutschen Kanzlerin Angela Merkel druckten, schäumte Bild und schwor Rache. Der Fall des österreichischen Finanzministers liege hingegen anders, beteuert nun Draxler. Der zähle halt zum »Jetset«.
Aha. Der »Jetset« hat also kein Recht auf unbeobachteten Sex, wenn Bild zuschauen will? Natürlich ist dem nicht so – und die Leute von Bild wissen das wohl. Vor zwei Jahren hatte der Europäische Gerichtshof für Menschenrechte (EGMR) im Fall »Caroline von Hannover gegen Deutschland« festgestellt, dass »die Öffentlichkeit kein legitimes Interesse« hat, zu erfahren, wo sich die Prinzessin aufhält und »wie sie sich allgemein in ihrem Privatleben verhält, auch wenn sie sich an Orte begibt, die nicht immer als abgeschieden bezeichnet werden können«. Da jaulten deutsche Journalisten auf, schrien »Zensur!« und verkannten, dass es nicht darum geht, das Enthüllen von Skandalen, sondern das Entblößen von Menschen in ihren intimen Stunden zu verbieten.
Grasser, so die Meinung der Rechtsexperten, wird den Prozess nach österreichischem Recht gewinnen. Berichte aus dem Sexualleben sind in Wien tabu. Ein paar tausend Euro Entschädigung wird er wohl nach gängiger Judikatur zugesprochen bekommen. Ein Sargdeckel? Bild wird die Strafe aus der Portokasse bezahlen.
- Datum 11.05.2006 - 14:00 Uhr
- Quelle DIE ZEIT 11.05.2006 Nr.20
- Kommentare 9
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Auch zu diesem Thema kann ich BILDblog.de empfehlen. Ein Blog, der sich täglich mit dem Unsinn beschäftigt, den die BILD-Zeitung verzapft.
Durch den Boulevardjournalismus entsteht quasi eine neue Macht im Staat:
- Bild manupuliert Meinungen des breiten Volkes über Politiker
- Bild wirft Menschen aus Fernsehshows
- Bild erpresst
Und dabei ist die Medienkontrolle zahlos und beruft sich auf Unabhängigkeit und Pressefreiheit.
Aber: Wie weit darf darf die Wahrheit verbogen werden? Wer entscheidet darüber im Streitfall? das sind schwierige Fragen.
Bildblog.de ist meiner Meinung nach einer der wenigen Selbstregulierungs-Mechanismen im Internet, die die Manipulation konsequent aufdeckt. Ich möchte Bildblog täglich 12 Mio Leser wünschen. Dann wäre das Thema Manipulation über Bild schnell erledigt.
Bild dir meine Meinung!
Wahrscheinlich sollen Politker demnächst prinzipiell weltweit als die "Hossenscheisser", "Bademeister", "0815-Chefs" diffamiert werden, um dem Volk ganz nach Belieben auch noch den letzten Glauben an die Politik austreiben zu können.
Es spielt dabei keine Rolle, dass Rudolf Scharping 2002 von sich aus den Schritt in die Öffentlichkeit ging und mit seiner "Privatsphärenstrategie" auch gänzlich baden ging. Die verfeinerten Methoden des Boulevards zielen darauf ab, breite Leserschichten damit aufzuwiegeln, dass es den um das Allgemeinwohl besorgten Poltikern eben doch immer noch viel zu gut geht.
Es ist daher zu befürchten, dass das Erpressungspotential weiter zunimmt.
Heute erlebt - Straßenumfrage der Bild.
Reporter: "Wie finden Sie, daß die Bild nicht über die Hochzeit Günther Jauchs berichten darf?"
Antwort Passant: "Gut."
Bild-Reporter: "Ok, danke schön, wir suchen aber eine andere Meinung."
So passierte das noch drei mal!
Der Bild-Reporter hatte von ganz oben den Auftrag bekommen, bnur Leute mit der richtigen Meinung zu Wort kommen zu lassen: Bild soll berichten und Jauch soll sich fügen (und damit auch die dt. Justiz, die ja schließlich das Urteil erlassen hat)
Naja, morgen sind dann in der Bild die Leute zu sehen, die sich eine Berichterstattung der Bild wünschen.
wenn sich ein Promi- Paar so auffaellig in der Oeffentlichkeit benimmt dann kann es nicht annehmen dass es keiner sieht.Blaeter wie BILD leben von diesen Leuten. Es kann mir keiner erzaehlen dass Promimente nicht genau ueber die Wirkung ihres oeffentlichen Benehmens informiert sind.
Knutscht nicht rum wie ein paar Teenager dann gibt es auch keine Schlagzeilen in der Boulevard Presse -basta-
Habe gerade gesehen, daß mein Kommentar bei www.Bildblog.de erschien.
Da will ich doch gleich was ergänzen: der arme Umfragereporter liest auch Bildblog, wie viele seiner Kollegen bei der größten BILD-Zeitung Europas: "Es ist ein gutes Korrektiv."
P.S. Lieber Zeit Admin, könnten Sie noch den Tippfehler im vorigen Kommentarlöschen bnur=nur? Danke.
Was hat diese Zeitung mit Berichterstattung zu tun? Wenig. Provozieren, ausreizen bis zum letzten , aber nur an den anderen. Wird man selbst karikiert oder viel schlimmer noch, provoziert, dann ist Beleidigung noch das geringste, was von solchen "Verlagen" als Antwort kommt. Das österreichische Gegenstück, die Kronenzeitung ist um keinen Deut besser. Leider dominiert diese den österreichischen Markt. Die Bild arbeitet noch daran, mittels polarisieren, diskriminieren, und seltsamen Aussagen wie, "das Bild hat ja ein italienischer Paparazzi gemacht!". Aber gedruckt hat es Bild. Die ganze Aufregung hilft auch wieder nur Bild, auch mein Kommentar zugegebenermassen, wieder mehr Bild in der "veröffentlichten" Meinung. Traurig. Ach ja, zum eigentlichen Thema, hier gilt dasselbe wie für Bild, der Finanzminister möchte selbstverständlich mittels der medien publik sein, mit dem einfachsten Weg, Provokation. Und die Medien gehen ihm brav auf den Leim. Sogar die Zeit, wenn auch nur nachgedruckt. Vielleicht laden die Grassers auch bald Gäste zum Opernball ein?
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