Das Phänomen kennt man aus Märchen. Äsop beschrieb es als Erster in der Fabel vom Hirtenjungen und dem Wolf: Da ruft der Junge aus purem Übermut um Hilfe, angeblich komme der Wolf. Alle eilen zu Hilfe, doch weit und breit ist keine Gefahr in Sicht. Das Spiel wiederholt sich. Eines Tages kommt der Wolf dann wirklich, der Junge schreit wieder. Doch niemand hört mehr hin.

Ganz ähnlich geht es derzeit in der Welthandelsrunde zu. Seit Monaten wird immer wieder die Krise beschworen und das Ende der multilateralen Liberalisierung der Märkte prophezeit. Schon kommenden Montag werden die Botschafter der 149 WTO-Mitgliedsstaaten wieder in Genf beieinander sitzen, die entsprechenden Schlagzeilen produzieren und danach wahrscheinlich unverdrossen weiterverhandeln. "Handelsrunden brauchen einen gewissen Alarmismus, um Fortschritte zu machen", entschuldigt der Ökonom Fred Bergsten aus Washington das Gebaren. Die meisten Handelsdiplomaten würden dieser Analyse zustimmen. Und dennoch, so warnen sie dieser Tage nicht nur in Genf, wachse die Gefahr jetzt tatsächlich. In der Brüsseler EU-Kommission klingt es ähnlich alarmierend, und selbst aus dem ewig optimistischen Washington hört man wenig Gutes. Diese Runde sei die erste, die wirklich scheitern könne. Die Folgen wären fatal: neuer Protektionismus und möglicherweise sogar das Ende der Globalisierung. Das würde in der Tat jeder Bürger spüren. Ist der Wolf wirklich schon so nah?

Tatsächlich spekulieren die Handelsexperten derzeit über drei Varianten der Zukunft: Traumergebnis. Unentschieden. Flop.

Als zunehmend unwahrscheinlich gilt derzeit Szenario Nummer eins, das Traumergebnis: Europa und die USA springen beim Agrarthema über ihre langen Schatten, reduzieren ihre Zölle, öffnen die Märkte und machen den Entwicklungsländern so genügend Zugeständnisse. Indien und Brasilien beenden im Gegenzug ihre Blockade, öffnen ihre Märkte ein Stück weiter für die Produkte der ganz armen Länder – und für die Industrie des Nordens. Alle anderen stimmen dem Deal zu. Die Armen bekämen damit endlich bessere Chancen auf dem Weltmarkt. Und die Welt hätte ihr Doha-Abkommen.

Damit dieses Szenario noch eintritt, bedarf es allerdings einiger mittlerer Wunder. Warum sollte US-Präsident George Bush sein geringes politisches Kapital ausgerechnet für den unpopulären Freihandel einsetzen? Wo kann der EU-Handelskommissar Peter Mandelson die Kraft für eine neue EU-Initiative schöpfen, wenn ihm unmittelbar der Protest der Franzosen droht? Manche Beobachter hoffen, dass sich die Regierungschefs dennoch auf dem G8-Gipfel zu einer Lösung durchringen können. Historisch bewanderte Handelsdiplomaten hoffen hingegen eher auf die so genannte Dunkel-Strategie. Wie der ehemalige Gatt-Generalsekretär Arthur Dunkel könnte der jetzige WTO-Generaldirektor Pascal Lamy die Grenzen seiner Autorität austesten, sein Mandat überschreiten und zur rechten Zeit einfach ein mögliches Lösungspaket vorschlagen. Der Druck der Öffentlichkeit würde dann neue Bewegung in die festgefahrene Situation bringen. Lamys persönliches Risiko wäre allerdings hoch: Dunkel musste damals gehen. Immerhin wurde sein Vorschlag am Ende der Uruguay-Runde weitgehend umgesetzt.

Das zweite Szenario lässt sich in vier Worte fassen: Abwarten und Tee trinken. Besser als ein Scheitern, so rät eine wachsende Zahl von Handelsexperten, sei das Vertagen der Probleme. Zwar hieß es bislang immer, dass die Doha-Runde wegen der USA bald zum Ende kommen müsste. Allein, es geht auch anders. Erstens könnte die US-Regierung auch ohne die auslaufende Vollmacht des Kongresses weiterverhandeln und sich dessen Plazet im Nachhinein holen. Und zweitens könnte die Runde ja auch nach der nächsten amerikanischen Wahl weitergehen.

Das dritte Szenario ist das spektakulärste, und es birgt für alle Beteiligten die größten Risiken: Doha scheitert. Die Verhandler knallen spektakulär aufeinander und gehen dann ohne Erfolg auseinander. Zwar wird Pascal Lamy Himmel und Hölle in Bewegung setzen, damit das nicht passiert. Allein, die Stimmung der Beteiligten ist derzeit nicht gut. Was aber dann?