Ich sollte einen Geländewagen testen. Mit Gelände habe ich aber nicht das Geringste am Hut. Ich bin vom Typ her völlig urban. Im Gelände bekomme ich Hautkrankheiten. Ich sagte zu der Autotestchefin: »Gebt mir einen Sportwagen, so einen richtigen Waldsterbenbeschleuniger mit eingebautem Rehkitz-Zerhäckseler.« Als ich den Wagen abholte, traf ich einen Kollegen im Flur. Er fragte. »Was isses denn?« Dann schwieg er. Zu einem Mazda kann man weder »Wow, geil« sagen noch »Herzliches Beileid«. Zu einem Mazda sagt man gar nichts. BILD

Ich habe aber gelernt, dass der Mazda MX eine Fangemeinde besitzt und ein so genanntes Kultauto ist. Ein MX ist ein relativ preisgünstiger Sportwagen, so, wie Kroatien ein relativ preisgünstiges Reiseland ist. Der MX steht in der geistigen Nachfolge des Karmann Ghia und des Opel Manta, auch das sind sportliche Fahrzeuge gewesen, die von den Underdogs verehrt, von den Happy few aber belächelt wurden. Solche Autos zeugen von einer Sehnsucht nach Status, der die eigene Brieftasche nicht oder noch nicht gewachsen ist. Wenn ein Fiftysomething wie ich in so einem Auto herumfährt, denken natürlich alle: »Das Väterchen da hat ganz üble Potenzprobleme, und nun kann es sich zum Trost nicht mal einen Porsche leisten.« Noch schlimmer wäre in dieser Hinsicht allerdings eine Harley gewesen.

Irritierenderweise besitzt der MX, aus der Nähe betrachtet, eine ausgesprochen weibliche Aura. Es hängt wohl mit der Form der Karosserie zusammen. Auffällig viele junge Frauen fahren MX. Ich glaube, wenn man als Mann einen MX fährt, steigt auf Dauer der Östrogenspiegel, und die Barthaare fallen aus, und die Potenzprobleme werden schlimmer und schlimmer, weil: form follows function , aber das ist nur meine subjektive Meinung.

Im Innenraum des MX befindet sich das Armaturenbrett. Das Armaturenbrett besteht zu großen Teilen aus einer glänzenden schwarzen Plastikleiste, die an chinesische Schmuckdosen oder chinesische Lacktischchen erinnert. Das Gesicht spiegelt sich darin. Außerdem besitzt der MX vier Dosenhalter. Der Pilot oder die Pilotin kann also abwechselnd aus vier verschiedenen Dosengetränken trinken und sich selber dabei im Armaturenbrett beobachten. Diesen Komfort bietet möglicherweise kein anderes Automobil. Wenn die vier Dosen leer sind, legt man sie in den Kofferraum, der ist dann voll.

Als Nächstes fuhr ich. Normalerweise bewege ich mich in einem altersschwachen Mercedes. Ich dachte, ich fahre wie immer, denn, wie es in La Cage aux Folles heißt: Ich bin, was ich bin. Meinen Fahrstil würde ich als defensiv beschreiben. Ich fahre langsam, ich cruise mehr so rum. Die Menschen akzeptieren dies. Als ich in dem MX saß, verhielten die Menschen sich völlig anders. Ein MX, der, mit mir am Steuer, langsam durch die Stadt cruist, wirkt offenbar ähnlich provozierend wie ein solariumgebräunter, mit Ohrringen, Tätowierungen und verspiegelter Sonnenbrille geschmückter Mann, der von sich behauptet, Literaturprofessor und Kafka-Spezialist zu sein. Es passt nicht zusammen, wie die mit Pelz gefütterte Kaffeetasse der Surrealisten, es wirkt wie Spott gegen die Welt und gegen alles, was wir zu wissen glauben. Niemals bin ich so oft angehupt, angeblinkt und geschnitten worden, und zwar nur deswegen, weil ich mich mit meinem Sportwagen an die Geschwindigkeitsbegrenzung gehalten oder bei Gelb an der Ampel gebremst habe. Junge Männer mit Migrationshintergrund und verchromten Auspüffen haben mir mit den Fingern Zeichen gegeben, deren Sinn ich zum Glück nur andeutungsweise verstehe.

Da habe ich den Gurt abgelegt, ich bin ungern angeschnallt. Sobald man im MX den Gurt ablegt, beginnt ein ekelhaftes rhythmisches Schnarren. Nach einer Weile wird das Schnarren lauter und noch ekelhafter. Sie wollen einen also zur Vernunft zwingen – ausgerechnet in einem Sportwagen! Wenn ich vernünftig sein will, kaufe ich doch sowieso ein anderes Auto oder gleich ein Fahrrad. Nach wieder einer Weile kommt eine dritte, noch unangenehmere Variante des Geräusches zum Einsatz. Das Geräusch gab keine Ruhe. Also habe ich mich wieder angeschnallt. Aber in der Zwischenzeit hatte ein Wackelkontakt sich ereignet. Obwohl ich angeschnallt war, ging das Geräusch weiter, auch in den folgenden Tagen. Außerdem blieb es kalt, kein Gedanke daran, offen zu fahren.

Auf der Landstraße spürte ich es, jawohl, das Auto fährt sich gut, zumindest fährt es sich schnell, aber es macht ein Geräusch, Wackelkontakt, und das Dach lässt sich nicht abnehmen wegen der Kälte. Und obwohl wir beide total unvernünftig sind, wir sind beide Freaks, Geschwister im Geiste, das Auto und ich, obwohl wir also prima zusammenpassen müssten, passt es eben doch nicht, denn es sind verschiedene Sorten der Unvernunft. Manchmal liegt es an einer Kleinigkeit. Mein Wackelkontakt äußert sich offenbar anders, ich gebe beim Laufen kein rhythmisches Schnarren von mir, zumindest hat sich darüber noch niemand beklagt.