Die Berliner Schüler tragen dunkle Schuhe, Hosen, Röcke. Auf ihren Pullis prangt das Schulemblem. Niemandem fiele es ein, im Unterricht bauchfrei oder im Sportdress zu erscheinen. Selbst bei den Strümpfen ist die Farbpalette eingeschränkt. Socken in Pink? No way, wissen Eltern wie Schüler. Und niemand stört sich daran. Im Gegenteil, der einheitliche Look verleiht den Mädchen und Jungen der British International School in Berlin eine gewisse Distinktion. Die gemeinsame Kleidung signalisiert: Wir gehören zusammen; wir sind etwas Besonderes.

Justizministerin Brigitte Zypries möchte, dass das Beispiel in möglichst vielen deutschen Klassen Schule macht, und plädiert für die Einführung von Schuluniformen. Leider ist ihr Vorstoß ein typisches Beispiel dafür, wie sich eine gute Idee durch eine schlechte Argumentation selbst schwächt. Denn zur Lösung der Kopftuchfrage, wie es Zypries vorschwebt, wird eine Schulkleidung nichts beitragen.

In der Schule nämlich herrscht Religionsfreiheit – das müsste gerade die deutsche Justizministerin wissen. Wenn eine muslimische Schülerin meint, ihre Religion schreibe vor, sich die Haare zu bedecken, müssen die Lehrer sie gewähren lassen. Das gilt nicht für die so genannte Burka, in der kürzlich zwei Bonner Schülerinnen im Unterricht erschienen sind. Wer nach afghanischem Vorbild den ganzen Köper samt Gesicht verhüllt, stellt sich außerhalb jeder Schulgemeinschaft und gehört, wie zu Recht geschehen, vom Unterricht ausgeschlossen. Um diese Strafe durchzusetzen, bedarf es keiner Kleidervorschriften für alle.

Dennoch kann ein Dresscode für Schüler sinnvoll sein. Er würde die modische Aufrüstungsspirale im Klassenzimmer entschärfen und jenen Schülern helfen, die aus finanziellen Gründen nicht jedem Modetrend hinterherkaufen können. Zwar lassen sich mit keiner Schulkleidung die "Probleme beseitigen, die sich aus sozialen Unterschieden ergeben", wie Zypries hofft. Dafür sorgen schon Handys, Gameboys oder teure Unterwäsche, deren Firmenzeichen aus der Hose hängen. Um den Markensüchtigen für einen Teil des Tages den Stoff zu entziehen, hilft eine Schulkluft jedoch sehr wohl, müssen doch auch reiche Schüler erst einmal die Uniform anziehen. Auch das "Abziehen" unter Schülern ginge zurück. Wer klaut schon einen Schulpullover?

Erfahrungen mit Kinderuniformen gibt es hierzulande dennoch kaum. Die meisten sammelte eine Haupt- und Realschule in Hamburg-Sinstorf. Hier tragen Jungen und Mädchen je nach Jahreszeit einen blauen Pulli oder ein T-Shirt mit Logo. Eine Studie der Universität Gießen bescheinigte der Schule ein stärkeres Zusammengehörigkeitsgefühl; die Kinder fühlen sich sicherer.

Von oben erzwingen lässt sich das Wir-Gefühl jedoch nicht, warnt die Studie. Schüler, Eltern und Lehrer müssen sich wie beim Hamburger Versuch selbst darauf einigen, welche Kleidungsvorschriften sie wünschen, sozusagen als Teil ihres Profils. Das macht den Weg zur Schultracht schwierig und für viele Schulen unattraktiv. Schließlich ist die Frage der Bekleidungsstandards nicht das einzige und erst recht nicht das größte Problem der deutschen Schulen. Fruchtbar kann die Diskussion dennoch sein, nicht zuletzt für die Lehrer. Die Kleidung, in der mancher deutsche Pädagoge seinen Schülern alltäglich gegenübertritt, lässt jeden Respekt für die Schule vermissen.