Manchmal ist ein Treffen in der Öffentlichkeit die beste Tarnung, und drei Teilnehmer an einem Kongress des German Marshall Fund in Brüssel beherrschten diese List vor zehn Tagen bestens. Erwartungsgemäß richteten sich alle Scheinwerfer auf Männer wie den EU-Kommissionspräsidenten José Manuel Barroso, den belgischen Kronprinzen Philippe und den amerikanischen Senator und ehemaligen Präsidentschaftskandidaten John McCain. Sie und dazu mehrere Dutzend hochrangige Politiker und Diplomaten debattierten im noblen Hotel Conrad über die "transatlantischen Herausforderungen in Zeiten der Globalisierung".

Doch in ihrer Mitte kam ein ganz anderes diplomatisches Stück zur Aufführung, wurden ganz andere Beziehungen gepflegt. Denn heimlich saßen dort öffentlich beisammen: Liz Mohn, die als Sprecherin ihrer Familie de facto die Mehrheit des Medienkonzerns Bertelsmann kontrolliert, dazu Gunter Thielen, Vorstandschef des Konzerns – und Baron Albert Frère aus Belgien.

Frère besitzt 25 Prozent an Bertelsmann. Man müsste hinzufügen: Er besitzt sie noch. Denn der belgische Investor will am 22. Mai auf der Hauptversammlung von Bertelsmann eine Option einlösen, die er vor fünf Jahren ausgehandelt hat. Die verpflichtet den Konzern, an die Börse zu gehen und Frères Anteile dort zu verkaufen, wenn Bertelsmann oder die Familie Mohn nicht verkauft. So könnte aus dem größten privaten Medienkonzern der Welt sehr bald eine Publikumsgesellschaft werden.

Für das Unternehmen wäre es eine Revolution. Die bisher gern verschwiegenen, der öffentlichen Kontrolle weitgehend entzogenen Führungspersonen im Konzern müssten sich künftig den Gesetzen des Kapitalmarktes stellen – und den Fragen der Investoren. Dann aber müsste der Vorstand zwangsläufig auch den Interessen der Mohns mit mehr Distanz begegnen.

Genau an diesem Punkt wird der Börsengang für die Familie und ihre Sprecherin Liz Mohn zur Machtfrage. So erklärt sich auch, warum man in Gütersloh in den vergangenen Monaten prüfen ließ, woher genug Geld kommen könnte, um Frère auszuzahlen und den Börsengang zu vermeiden. Die geschätzte Summe liege, wie es im Umfeld des Unternehmens und in Finanzkreisen heißt, mal nahe drei Milliarden Euro, mal nahe fünf Milliarden Euro. Noch aber hat sich niemand festgelegt, geschweige denn offiziell geäußert.