Sie sind der Chef der europäischen Hochschulrektoren. Wie beurteilen Sie den Bologna-Prozess, die Umstellung auf Bachelor und Master in Deutschland?

Die Umsetzung europaweiter Standards erfolgt in Deutschland und Österreich zu eng: Zum Beispiel muss ein Student hier meistens 120 Leistungspunkte erwerben, um einen Master zu bekommen. In der europaweiten Vorgabe ist hier aber eine Bandbreite von 60 bis 120 Leistungspunkten vorgesehen. Diese Verengung schränkt die Mobilität ein.

In Deutschland halten Juristen und Mediziner zudem am Staatsexamen fest – und torpedieren damit die neuen Abschlüsse.

Das ist meines Erachtens eine sehr nationalstaatliche Lösung. Wir dürfen auch bei den berufsbezogenen Studiengängen die europaweite Dimension auf keinen Fall vergessen. Warum soll beispielsweise ein Jurist, der einen Bachelor in Deutschland und einen Master of Law in England gemacht hat, nicht bestimmte juristische Tätigkeiten ausüben dürfen? Wir müssen die Frage der Berechtigung zu einem Beruf vom Abschluss lösen. In den USA absolviert man etwa ein Studium der Medizin und lässt sich danach als Arzt akkreditieren.

Wo in Europa läuft es denn besser als bei uns in Deutschland?

Ich bin ein bisschen neidisch auf den Denkplatz Schweiz. Die Schweiz ist bei der Umsetzung der Bologna-Beschlüsse sehr weit, hat zudem die Budgets erhöht – und hat für ihre Spitzenuniversität, die ETH Zürich, eine ausgefeilte Strategie. Die Schweiz kann so zum Massachusetts Europas werden…

…Massachusetts ist der amerikanische Bundesstaat, in dem sowohl Harvard als auch das Massachusetts Institute of Technology, MIT, beheimatet sind…