PopWir werden siegen

PeterLicht überholt sie alle und bleibt dennoch unerkannt. Sein drittes Album trägt den stolzen Titel: "Lieder vom Ende des Kapitalismus" von Frank Sawatzki

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So richtig weiß immer noch keiner, wer dieser PeterLicht ist. PeterLicht, zusammengeschrieben wie eine Event-Show oder eine Mehrzweckarena. Live tritt er nur im Privatrahmen auf, seine Musik und seine Texte schickt er auf Bühnen, damit andere sie vortragen. Ein Phantom des Pop, Multimedia-Dichter vielleicht? Ganz bestimmt der Junge, der vom Himmel aufs Sonnendeck fiel und dem staunenden Publikum eine neue Zeitrechnung aufmachte: "Und alles, was ist, dauert drei Sekunden, eine Sekunde für vorher, eine für nachher und eine für mittendrin." Das war im Jahr 2000, mit dem Song Sonnendeck landete der Künstler einen Underground-Hit. Danach verschwand er hinter jener Licht-Gestalt, die ein ziemliches Knäuel von Interpretationsansätzen in sich trägt.

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PeterLicht hat gerade sein drittes Album veröffentlicht, es trägt den stolzen Titel Lieder vom Ende des Kapitalismus und handelt im Zweifelsfall vom Beginn einer vielversprechenden Liedermacherkarriere. Der Autor aller Stücke, Wandergitarrist, Cellist, Organist und Sänger, ist der deutschen Rock- und Popklasse 2006 um eine entscheidende Sequenz voraus, er geistert durch ein Heute, das schon Morgen ist. Aus dieser Perspektive sieht die Welt natürlich ganz anders aus. "Vorbei, vorbei, jetzt isser endlich vorbei", singt Licht im Titelsong des Albums, der prächtige Gassenhauer ist dem "alten Schlawiner Kapitalismus" gewidmet. "Die Tante Wohlfahrtsstaat" fährt gleich im nächsten Liedbeitrag zur Hölle. Wer jetzt gerade so richtig Schwung aufgenommen hat, freut sich schon auf Wir werden siegen, doch Obacht: "Was gibt’s Neues vom Weltkrieg?", fragt Licht und findet die Antwort im Mantra, "…wir werden siegen, wir werden siegen, wir werden siegen, dann werden wir eben siegen, sisisisiegen."

Mehr als einmal kommt der Sänger ins Stottern, Textfetzen werden zu Zeilen, aus denen Skizzen herauswachsen, Tagebucheintragungen, sehr Lustiges neben ziemlich Krudem. Das alles findet man auch im parallel veröffentlichten Buch vom Ende des Kapitalismus , einer Sammlung von Chiffren für schwer erzählbare Gefühle.

Empfindung und Wahrheit nennt Licht immer wieder seine Werkstoffe, er karrt sie auf Indie-Pop-Gitarren ran, auf Songs, die genauso viel Strophe und Refrain haben wie die der Älteren und sich doch viel hymnischer anhören. Der Dichter Licht schwurbelt sich in Aufbruchstimmung, er übertreibt gerne, wo die gute deutsche Pop- und Rock-Konkurrenz sich redlich abarbeitet an diesen mauen Zeiten.

Licht überholt sie alle, den zuverlässigen Schlaumeier Frank Spilker (Die Sterne), den zur Wald- und Wiesenmetaphorik geschwenkten Jochen Distelmeyer (Blumfeld), die kernige Situationsbeschreiberin Christiane Rösinger (Britta). Aber: Er bleibt unerkannt. Solange seine Songs die Leichtigkeit von anonymen Einsendungen besitzen, kaufen wir jedes Stück. Oder schlagen im Buch vom Ende des Kapitalismus nach, dort steht ein Satz allein auf sich gestellt, auch er kommt mit gefährlichem Grinsen aus der Zukunft und heißt: "Wir tragen die Hosen untergegangener Staaten."

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