Für mich hat Kammermusik immer einen ganz besonderen Reiz. Wie das Lied zwingt sie den Komponisten auf engem Raum zur höchsten Konzentration von Ausdruck und Struktur. Allerdings verlangt sie auch »gewiegte Spieler, Künstler, die man nicht immer zu vieren beisammen hat«, krittelte Robert Schumann anlässlich einer missratenen Aufführung Beethovenscher Streichqartette. Das gilt besonders für Mozarts Adagio und Fuge, KV 546. An diesem auf den ersten Blick recht spröden Barock-Rekurs des sonst so leichthändigen Meisters haben sich etliche Interpreten die Zähne ausgebissen. Mein Plattenschrank beherbergt mehr als ein Beispiel des Scheiterns. BILD

Umso erfreuter war ich, als mir in Salzburg das Kuss Quartett über den Weg lief. Denn am Ende eines anregenden Abends überreichten mir Jana Kuss (Violine), Oliver Wille (Violine), William Coleman (Viola) und Felix Nickel (Cello) eine CD mit Mozart- und Mendelssohn-Werken, darunter besagte Nr. 546 (Oehms Classic OC 528). Die jungen Musiker sind keine Schönspieler, sondern tatsächlich »gewiegte« Virtuosen. Sie arbeiten mit hohem Risiko, mit Ecken und Kanten und vor allem mit Hirn. So gelingt es ihnen, das streng gemörtelte Adagio zu transzendieren und hinter der schroffen Harmonik die mozartische Atmosphäre aus nervöser Energie und melodischem Feinschliff freizulegen, um die Fuge dahin zu setzen, wo sie hingehört: in Sichtweite des Finales der Jupitersymphonie.

Tief berührt hat mich auch die Fassung von Felix Mendelssohn Bartholdys Streichquartett f-Moll Opus 80, dem Wagner bekanntlich nachätzte, all seine Musik sei »weichlich gedrückt«, obwohl er ihn zeitlebens beklaut hat, wo er konnte. Dass der Bayreuther Giftzwerg wusste, wo für ihn etwas zu holen war, zeigt das Kuss Quartett in jedem der vier aufwühlenden Sätze. An wahnhaften Tempi und schmerzend expressiver Tonalität ist Mendelssohn hier kaum (auch von Wagner nicht) zu übertreffen. Er schrieb das Stück nach dem plötzlichen Tod seiner geliebten Schwester Fanny. Es war ein letzter Ausbruch von Schaffenskraft, nachdem Mendelssohn monatelang nicht an Musik denken konnte, »ohne die größte Leere und Wüste im Kopf und im Herzen zu fühlen«. Kurz darauf trug man auch den Komponisten zu Grabe. Thomas Quasthoff