Vielleicht könnte sie ja diesmal, endlich, entdeckt werden, die dänische Erzählerin Ruth Berlau. Sie war schön (schon gefährlich). Sie war klug (noch gefährlicher). Sie war selbstständig (sehr gefährlich). Journalistin, Schauspielerin, Regisseurin, Übersetzerin, Fotografin, 1906 in Kopenhagen geboren, 1974 in der Ost-Berliner Charité im Krankenbett erstickt, nach heimlich gerauchter Zigarette. Ihr Unglück – durchaus gewollt – hat einen Namen: Bert Brecht. 1933 lernt sie den Emigranten in ihrer Heimat kennen – und gehört rasch zum Kreis der Frauen, die der "Stückeschreiber" um sich schart als Mitarbeiterinnen und Geliebte.

"Aufschreiberin" nennt sie sich, die 1935 ihren ersten Roman herausgebracht hat, Weiter, und ihre Liebesbriefe unterschreibt als "Deine Kreatur". Da wird der immer auf Distanz achtende Liebhaber zum ersten Mal erschrocken sein. Nun sitzen sie zusammen und schreiben – nicht nur an seinen Texten, sondern auch an ihren. Sie arbeitet an Erzählungen unter dem Titel: Jedes Tier kann es . Es geht um Liebe: wie schwer sie ist, vielleicht unmöglich. Erstaunliche, fast unglaubliche Texte einer Frau, in dieser Zeit, vor allem, weil sie nicht gramverhangen, sondern frech, witzig, melancholisch klingen, zupackend, alles benennend, ohne die heute übliche Vulgarität.

Höhnisch, zynisch, auch lustig in der Abrechnung mit Männern als Kollektiv von Liebhabern: "Sie können die natürlichste Verrichtung der Welt nicht ausführen. Jedes Tier kann es, aber sie können es nicht mehr. Das kommt daher, daß sie Hornhaut an den Fingern haben vom Geldzählen." Die schönste, skurrilste Erzählung: Sieben bei einem Unfall gestorbene Frauen machen es sich um Mitternacht in ihren Särgen bequem, trinken Kaffee – und erzählen einander ihr Leid. Einer war zu sanft, der andere zu grob; einer zu schnell, der andere zu langsam … Tragische Ironie: Ruth Berlau, die alles durchschaut, fällt in dieselbe Schlinge. Ihre Klage, die Brecht als sein Gedicht ins Werk aufgenommen hat: "Schwächen. – Du hattest keine. / Ich hatte eine: Ich liebte." In Ost-Berlin, wohin sie ihm gefolgt ist, schiebt Brecht sie ins Abseits.

Leider liest Judith Steinhäuser die Erzählungen wie Krankenprotokolle. Das mögen sie auch sein. Aber wo bleibt der erzählerische Übermut, der sie uns noch heute interessant macht?

Ruth Berlau: Jedes Tier kann es. hörkultur, 3 CDs, 185 Minuten