Mehr als 50 Millionen Mal hat sich der Kunstkrimi Sakrileg von Dan Brown bislang verkauft, und weitere Millionen werden folgen. Denn unter dem Titel The Da Vinci Code kommt nächste Woche der Film zum Buch in die Kinos und verspricht, direkt vor unseren Augen eine versteckte Botschaft auszubreiten, die die Welt verändern könnte. Schon die Filmtrailer verheißen nicht weniger als die Befreiung der Menschheit – weil endlich die »Geheimnisse der größten Kunstwerke« gelüftet werden. Hat sich auf dem "Abendmahl" (1495-97) von Leonardo eine Frau versteckt? So behauptetet es jedenfalls Dan Brown BILD

Im Zentrum der Handlung stehen der »Symbolforscher« Robert Langdon (Tom Hanks) und die Kriminologin Sophie Neveu (Audrey Tautou), die zusammen mit dem Kunstkenner Sir Leigh Teabing (Ian McKellen) einem gewaltigen Komplott auf die Spur kommen. Jesus Christus hat mit der heiligen Maria Magdalena ein Kind gezeugt, so der vermeintliche Skandal, der von der Bruderschaft von Sion geheim gehalten wird. Und dessen Aufdeckung die katholische Organisation Opus Dei mit allen Mitteln, auch mit Mord, verhindern will. Auch berühmte Künstler wie Leonardo da Vinci oder Sandro Botticelli seien eingeweiht gewesen. Als Mitglieder der Sions-Bruderschaft hätten sie sich zu glühenden Verehrern »göttlicher Weiblichkeit« und des Heidentums entwickelt, hätten sich gegen die frauenfeindliche Kirche gestellt und häretische Inhalte in ihren Gemälden versteckt.

Ein großes Fest für alle Bildtheoretiker dieser Welt

Es wäre sinnlos aufzuzählen, was in Dan Browns Thriller nicht den Fakten entspricht. Wer glauben will, der glaubt, vor allem, wenn der Glaube durch Bilder belegt scheint. Aber ein kunsthistorischer Blick auf die leitmotivisch eingesetzten Gemälde lohnt doch, weil der »Fall Dan Brown« eine grundsätzliche Frage nach dem Umgang mit Bildern aufwirft.

Buch und Film bedienen sich bei geläufigen Verschwörungstheorien, das wichtigste Instrument der Erzählstrategie sind aber die alten Gemälde, zumal die Bilder Leonardo da Vincis. Schon der erste Mord wird mit und durch Bilder inszeniert. Es geht um Jacques Saunière, den Direktor des Louvre, der gleich zu Beginn des Buches von einem Mitglied des Opus Dei ermordet wird. Auf der Flucht vor seinem Mörder reißt er den Marientod Caravaggios von der Wand. Das fast vier Meter hohe Gemälde allein hätte ausgereicht, Saunière zu erschlagen, es wird im Film daher deutlich verkleinert. Der Mann stirbt schließlich an einem Bauchschuss.

Saunière, Mitglied der Sions-Bruderschaft, weiß von der Beziehung zwischen Jesus und Maria Magdalena. Tödlich getroffen, lässt er der Nachwelt eine Botschaft zukommen. Dazu legt der Sterbende sich nackt und mit ausgestreckten Gliedmaßen in einen Kreis, den er zuvor mit seinem Blut auf den Fußboden des Louvre geschmiert hatte. Ein Fest für alle Bildtheoretiker dieser Welt.

Langdon und Neveu erkennen in dem makabren Arrangement unschwer einen verschlüsselten Hinweis auf Leonardos berühmteste Zeichnung, den Mann im Kreis und Quadrat. Flugs deuten sie den Kreis als Symbol des Weiblichen und das Quadrat als Zeichen des Männlichen – wahrscheinlich, weil Frauen eher rund und Männer eher eckig sind. Deutlicher hätte das hermeneutische Anspruchsniveau nicht definiert werden können. Im Film erklärt Tom Hanks mit angenehm geheimnisvoller Stimme die nackte männliche Leiche im Louvre sogar zum Symbol der Venus.