Es gehören Alter und Weisheit dazu, eine Frau als Frau zu würdigen. Können Sie mir folgen? Die männlichen Grünschnäbel interessieren sich doch nur für die Hübschen oder, aus falschem Heroismus, für die Hässlichen, nicht wahr? Aber die Freude am Weiblichen, das sich in jeder Gestalt zeigt, und sei es nur in jenem beängstigend detektivischen Sinn für Details, der Ehen zum Horrortrip werden lässt, ist eine Freude am Objektiven, die erst entsteht, wenn der gereifte Mann von eigenen Interessen abzusehen gelernt hat. Verstehen Sie? Und jetzt aufgepasst! Jetzt heißt es mitdenken: Wenn der Mann das Absehen endlich gelernt hat, fangen nämlich die wirklich beunruhigenden Fragen erst an. Unter anderem die Frage nach der Freude, die Frauen vielleicht schon immer an dem bloß Männlichen im Mann entwickelt haben. Es gibt doch diese Statistiken, nicht wahr? Nach denen Frauen sich für das Äußere an Männern nur marginal interessieren. Diese Statistiken werden von den Männern immer mit allergrößtem Behagen, nämlich mit dem Gedanken an ihre inneren Werte gelesen. Das ist aber ein Fehler! Sie könnten nämlich auch anders gelesen werden. Nämlich in dem Sinne, dass die Frauen sich weder für die äußeren noch für die inneren Werte, sondern nur für den Mann interessieren, von dem sie sich sowieso gar nichts weiter erwarten. Meine sehr verehrten Damen und Herren! Werfen wir einmal einen Blick zurück auf die Sowjetunion.

Da herrschte bekanntlich das Matriarchat. Die Emanzipation der sowjetischen Frau bestand darin, dass sie arbeitete, die Kinder aufzog und dem ewig betrunkenen Mann das Wodkaglas auf den Nachttisch stellte. Mit anderen Worten: Der Mann war vollkommen überflüssig, eine Drohne. Warum gab es ihn im real existierenden Sozialismus überhaupt noch? Weil die Frauen den Willen zum Mann hatten. Sie haben ihn sich gehalten, so wie der Kohlekumpel im westdeutschen Revier sich die Brieftauben gehalten hat, aus Gründen von Sitte und Tradition. Aber die sowjetischen Männer konnten nicht einmal fliegen, verstehen Sie?

Das Phänomen der Männerhalterei in der SU war offenbar ein reines Überbleibsel aus bürgerlichen Zeiten. Und jetzt wieder aufgepasst! Was heißt das? Es heißt, dass der Sozialismus untergegangen ist, bevor der Mann endgültig überwunden werden konnte. Nur deshalb stellt sich heute die Gretchenfrage: Wird der Mann im neu entfesselten Spätkapitalismus wieder aufleben oder zum Wodka greifen? Finis

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