Hier kommen Leipzig-Besucher eher selten hin. Im Viertel Angercrottendorf zeigt die Stadt ihr ungeschminktes Antlitz: verfallene Wohnhäuser, schiefe Gehwege und jede Menge Unkraut, das auf Abrisshalden wuchert. Dafür kostet das Bier in den meisten Kneipen nur Eineurofünfzig, und die Mieten sind unschlagbar billig, sagt Clemens Meyer, 29, in sanftem, konsonantenarmem Sächsisch. Er selbst wohnt im Erdgeschoss, unsaniert, zu einer lauten Straße hin, neben einer Autowerkstatt. Deutschlands neuer Bestsellerautor mag sein Zuhause trotzdem. Ich lebe hier seit meiner Kindheit, und nur, weil das mit dem Buch gerade mal gut läuft, ziehe ich doch nicht weg.

Das Buch: Als wir träumten, 500 Seiten stark, ist vor knapp zwei Monaten im S. Fischer Verlag erschienen und hat den Autor schlagartig berühmt gemacht.

Sechs Jahre lang schrieb er an seinem Roman, feilte und verbesserte. Heraus kam eine Mischung aus Abenteuerroman und Krimi, Liebesgeschichte und Tragödie. Und die Protagonisten sind saufende, prügelnde, kleinkriminelle Jugendliche aus der sozialen Unterschicht Ostdeutschlands. Die waren bisher Handlungsträger in Sozialreportagen, aber nicht in der Literatur. Und der Autor des Romans ist (angeblich, zur Schau stellen mag er sich nicht) am ganzen Körper tätowiert, bekennender Leser der Bild-Zeitung und trinke, sagt er, gerne Whisky. Fast überflüssig zu erwähnen, dass er allein lebt und das auch nicht ändern will. Als Schriftsteller, philosophiert Meyer, während er den Besucher durch sein Viertel führt und dabei immer einen bis zwei Meter vorneweg rennt, da ist man doch in gewissem Sinne asozial.

Clemens Meyer ist Debütant im literarischen Gewerbe und steht momentan irgendwie neben seinem eigenen Erfolg: Das ist alles Neuland für mich, der ganze Rummel, daran muss ich mich noch gewöhnen. Etwas erschöpft sei er schon, und eine Lesereise durch Deutschland, nein, die wolle er nun doch nicht machen. Meyer schreibt derzeit lieber an einer Sammlung Erzählungen, die sind bestellt und müssen fertig werden. Außer gelegentlichen Spaziergängen mit Piet, dem Dobermann-Rottweiler-Mischling, gönnt er sich kaum Abwechslung.

Wie er an seinem Schreibtisch sitzt, in Jeans und Pullover, sportlich, die Haare raspelkurz, wirkt er eher als Malocher denn als Künstler. Es ist ein Berufsverständnis, das nicht im germanistischen Seminar, sondern in einem harten Alltag geprägt wurde. Viele Jahre arbeitete Meyer als Möbelträger und auf dem Bau, bei Schnee und 30 Grad Hitze, ruinierte sich dabei die Bandscheibe und verdiente auf diese Weise Geld während seines Studiums am Deutschen Literaturinstitut Leipzig. Obwohl er eigentlich immer nur schreiben, nie aber lernen wollte. Mich hat die ganze Zeit nur meine Prosa interessiert, sagt er. Im Unterricht des Institutes musste er wie alle Studenten noch ein zweites Fach belegen, Meyer entschied sich für die Lyrik, aus rein pragmatischen Motiven: So ein Gedicht, dachte ich mir, das ist als Hausaufgabe mal schnell hingekritzelt, und ich habe meine Ruhe.

So einen wollen nicht alle mögen, und ein Kritiker hat nach einer Lesung von Meyer dieser Abneigung auch freien Lauf gelassen. Der Autor habe ein aufgesetztes Mussolini-Lächeln, lautet eines seiner Urteile, und Meyer hält den Computerausdruck hin mit dem Text, der ihn offenbar doch verstört hat.

Das war wirklich nah am Staatsanwalt, oder?, meint er, doch habe ihn eine Dame von der PR-Abteilung des Verlages letztlich überzeugen können, dass sich der Kritiker damit nur habe selbst darstellen wollen. Es sei Macho-Gehabe.