Südamerika Neue Partner gesucht
Bisher hat sich die EU in Südamerika auf die beiden großen Handelsblöcke konzentriert. Doch die zerfallen gerade
Zunächst klingt die Sache vielversprechend. Am diesen Donnerstag treffen sich in Wien die Staats- und Regierungschefs aus 60 Ländern Lateinamerikas und der Europäischen Union. Auf der Tagesordnung des vierten EU-Lateinamerika-Gipfels stehen die Verhandlungen der EU über mehr Handel mit den lateinamerikanischen Handelsblöcken Mercosur und Andengemeinschaft. Der Dialog stelle »eine Schlüsselkomponente in den Beziehungen dar«, heißt es in einem aktuellen Strategiepapier der EU. Doch die wohlklingende Taktik Europas in Südamerika ist zum Scheitern verurteilt. Denn die beiden südamerikanischen Handelsblöcke sind gerade dabei, sich aufzulösen.
Innerhalb des Mercosur verläuft ein immer tieferer Graben zwischen den kleinen Mitgliedern Uruguay und Paraguay und den vergleichsweise gigantischen Ländern Brasilien und Argentinien. Die protektionistisch geprägten Regierungen in Brasilia und Buenos Aires schließen untereinander Schutzabkommen, ohne die übrigen Mitglieder auch nur zu konsultieren. Und sowohl Uruguay als auch Paraguay haben bereits offen erklärt, bilaterale Verhandlungen mit den USA aufnehmen zu wollen, da ihnen der Mercosur in seiner jetzigen Form nichts nütze. Dies würde jedoch das Ende der Zollgemeinschaft bedeuten.
Die Nachfrage aus China verschafft Lateinamerika mehr Spielraum
Gravierende Probleme gibt es auch in der Andengemeinschaft, der Bolivien, Ecuador, Kolumbien, Peru und Venezuela angehören. Der venezolanische Präsident Hugo Chávez verkündete vor kurzem den Austritt seines Landes aus dem seit 37 Jahren bestehenden Handelsblock. Als Motiv gab er an, dass Kolumbien und Peru bilaterale Abkommen mit den von Chávez als »Imperialisten« verteufelten Vereinigten Staaten unterzeichnet hatten. Ecuador verhandelt noch über ein ähnliches Abkommen. »Die Andengemeinschaft ist tot«, verkündete Chávez, und sein bolivianischer Kollege pflichtete ihm bei.
In Südamerika macht sich derzeit ein neuer Nationalismus breit. Der durch die Nachfrage aus China genährte Rohstoffboom bescherte der Region mehr Unabhängigkeit von internationalen Kapitalgebern. So zahlten einige Länder ihre Schulden beim Internationalen Währungsfonds (IWF) auf einen Schlag zurück. »Über viele Jahre hing der Kontinent von den Beziehungen zu den USA oder zu Europa ab, aber jetzt haben wir entschieden, dass wir erwachsen sind«, erklärte Brasiliens Präsident Lula da Silva vergangene Woche.
Gemeinsame Interessen gibt es derzeit allerdings fast nur im Energiesektor, der aber auch in Europa einst als Integrationsmotor wirkte. Venezuela hat die größten Öl- und Gasvorkommen der Region. Abnehmer des schweren venezolanischen Öls ist bisher vor allem der Chávez-Erzfeind USA. Nun will Chávez Südamerika als neuen Absatzmarkt aufbauen. Bolivien und Peru haben ebenfalls große Gasvorkommen. Vor allem Brasilien, Argentinien und Chile brauchen stabile Energielieferanten in der Region. Aus dieser Interessenkonstellation haben sich bereits einige bemerkenswerte Integrationsprojekte ergeben.
Eine Gasleitung durch den Kontinent würde 20 Milliarden Dollar kosten
So treibt Chávez zusammen mit Argentinien, Bolivien, Ecuador und Brasilien das Projekt Petrosur voran, einen regionalen Zusammenschluss der nationalen staatlichen Energiekonzerne Südamerikas, der langfristig in eine neue kontinentale Holding münden soll. Der venezolanische Staatskonzern PdVSA schloss bereits bilaterale Abkommen – etwa über technische Zusammenarbeit, gemeinsame Förderung oder den Bau von Raffinerien und Pipelines – mit der argentinischen Enarsa, der bolivianischen YPFB, der ecuadorianischen Petroecuador, der brasilianischen Petrobras oder der kolumbianischen Ecopetrol. Allein für eine 8000 Kilometer lange Gasleitung quer durch Südamerika wären Investitionen von mindestens 20 Milliarden Dollar nötig.
Die Bemühungen zur Integration im Energiesektor werden jedoch durch das jüngste Gesetz zur Verstaatlichung in Bolivien auf eine Probe gestellt. Das Land verfügt nach Venezuela über die größten Gasvorkommen der Region, ist aber für die Nutzung dieser Reichtümer auf Hilfe aus dem Ausland angewiesen. Die energiepolitische Wende in Bolivien wird auch Thema auf dem EU-Lateinamerika-Gipfel sein. Die spanische Repsol-YPF ist ein wichtiger Investor in Bolivien und entsprechend betroffen von den Maßnahmen. Abgesehen davon, haben die EU wie auch die USA ein Interesse daran, dass die Energieressourcen Südamerikas nicht zu sehr unter die Kontrolle von Chávez geraten. So liefert etwa das riesige Gasfeld Camisea in Peru umfangreiche Mengen an Flüssiggas nach Kalifornien. Zudem sorgen Chávez’ Launen schon jetzt für Preisausschläge auf dem internationalen Energiemarkt.
Europas bisherige Strategie in Südamerika, basierend auf den beiden Blöcken Mercosur und Andengemeinschaft, ist fehlgeschlagen. Der EU bleibt daher jetzt nur, sich stärker auf bilaterale Kontakte und damit auf strategische Partner zu konzentrieren. Dies dürften vor allem wirtschaftliche und politische Schwergewichte der Region wie Brasilien oder Argentinien sein.
- Datum 11.05.2006 - 14:00 Uhr
- Quelle DIE ZEIT, 11.05.2006
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