Wiesbaden

Der Tag des Herrn, wenn die Glocken der St. Bonifatiuskirche in Wiesbaden läuten, dürfte für Ernst-Ewald Roth seit kurzem ein besonders schwieriger Tag sein. Mit Gottes Beistand, und wenn es auch Wiesbadens Wähler so wollen, wird er in einem Jahr Oberbürgermeister der hessischen Landeshauptstadt sein, Deutschland erster katholischer Geistlicher in einem solchen Amt. Daheim, in St. Bonifatius, aber muss er nun wie alle anderen Gottesdienstbesucher auf der Kirchenbank Platz nehmen. So will es das katholische Kirchenrecht, das Geistlichen weltliche Ämter verbietet. Der 53-Jährige, dessen Nominierung beim SPD-Parteitag am kommenden Wochenende als sicher gilt, soll jetzt sein schönes Pfarrhaus in der Innenstadt räumen. Einstweilen bekommt er vom Bistum Überbrückungsgeld.

Roth spricht von einem schmerzlichen Riss. Lange habe er mit sich gerungen und viele Gespräche mit seinem Vorgesetzten geführt, dem Limburger Bischof Franz Kamphaus. Am Ende konnte Roth der Versuchung nicht widerstehen, als Stadtoberhaupt womöglich einmal Sozialpolitik nach seinen Vorstellungen machen zu können. Der Mensch hat absoluten Vorrang vor dem Kapital, sagt er. Solche Sätze hören viele gern in der hessischen Landeshauptstadt, in der sich die Schere zwischen Arm und Reich besonders weit öffnet.

Die Chancen des Geistlichen, binnen Jahresfrist nach eigenen Vorstellungen walten zu können, stehen nicht schlecht. Roth gilt als integer, sympathisch, aufgeschlossen, sein Gegenspieler, der CDU-Stadtkämmerer Helmut Müller dagegen als zwar fleißig, aber wenig charismatisch. Man müsse dafür sorgen, sagte der CDU-Kreisvorsitzende kürzlich, dass der eigene Kandidat wenigstens im Wahlkampf das Rathaus mal früher als um 23 Uhr verlässt.

Gerade unternahm die Boulevardpresse gegen den augenscheinlich makellosen SPD-Kandidaten einen ersten Vorstoß in Sachen Zölibat. Roth versichert: Ich habe keine Lebenspartnerin, wohl aber Menschen in meiner Nähe, die gute Freundinnen und Freunde sind. Alles andere wäre auch komisch.