DIE ZEIT: Das Ideal der Selbstaufklärung, um das es in der Psychoanalyse geht, ist typisch westlich. In der arabisch-islamischen Welt dagegen dominieren Hierarchien, Traditionen und die Religion. Kann die Psychoanalyse in solchen Ländern überhaupt Fuß fassen?

Gehad Mazarweh: Weltweit gibt es vielleicht fünfzehn arabische Psychoanalytiker, und die meisten arbeiten außerhalb der arabischen Welt. Die Angst vor Aufklärung, vor Bewusstseinsveränderung ist groß in den arabisch-islamischen Ländern. Dort sagt man gerne: " Wir brauchen keine Psychoanalyse, so etwas braucht nur der dekadente Westen." Über Sexualität etwa zu reden, wie es in der Psychoanalyse unter anderem geschieht, ist für die meisten unvorstellbar. Dennoch glaube ich, dass die arabische Welt ohne Psychoanalyse und -therapie in Zukunft nicht auskommen wird.

ZEIT: Wieso das?

Mazarweh: Weil die traditionellen Strukturen in diesen Ländern zusammenbrechen. Die Gruppenidentität in Form von Sippen oder Clans, wo jeder für jeden da war, zerbröselt, ohne dass es dafür einen adäquaten Ersatz gäbe. Dazu kommen die schnelle technische Entwicklung und säkulares Denken. All das erzeugt große Irritation und Verwirrung.

ZEIT: Wie äußert sich diese Irritation?

Mazarweh: Manche finden in der Religion eine Orientierung. Andere ahmen den westlichen Lebensstil nach, in dem die traditionellen Werte durch Konsum verdrängt werden. Drogen- und Alkoholprobleme machen sich breit. Und viele Menschen leiden unter psychosomatischen Störungen. Es gibt Magenprobleme, Migräne, selbst die Konversionshysterie, bei der ein Organ plötzlich nicht mehr funktioniert, tritt in diesem Kulturkreis auf. Das konnte ich auch bei arabischen Patienten in Deutschland beobachten.

ZEIT: Wie kommen diese Patienten zu Ihnen?