Fußball Wie steht’s?

Hilfe, die Gäste kommen! Vier Wochen vor der Fußball-Weltmeisterschaft arbeiten die Deutschen an ihrem Image. Erkundungen bei PR-Managern, auf einer Baustelle mitten in Berlin, im Bordell – und ein Termin beim Psychiater

Sie standen starr und Schulter an Schulter, und manche lachten etwas scheu und manche weinten fast, schließlich froren sie und standen auf einer Brücke über den Rhein oder am Brandenburger Tor und waren Teil von etwas. Sie waren auf Plakaten und im Fernsehen. Leute, in weiße Nationaltrikots gestopft, ein Bild, dem man in den Wochen vor der WM nicht entkommen kann. Sie waren Teil der T-Com-Kampagne, einer der größten Werbekampagnen vor der WM. Teil einer Bewegung, eines neuen Mannschaftsbildes, das sich Deutschland rechtzeitig zur WM zugelegt hat: eine ziemlich heterogene Mannschaft, aus Dicken und Dünnen, Kindern und Rentnern, die zwar nicht besonders erfolgversprechend aussieht, aber immerhin scheint der Mannschaftsgeist zu stimmen. Auch wenn sie in Wirklichkeit nur einen Telefontarif gemeinsam haben. Deutschland vor der WM: Welches Bild hat das Land von sich selbst, welches möchte es nach außen vermitteln – und wie kommt es an?

Das Neue an der T-Com-Kampagne war: Niemand macht sich Sorgen, wenn die Deutschen sich in einer Reihe aufstellen, die mindestens zur polnischen Grenze reicht. »Da war eine total ungebrochene Begeisterung«, sagt Andy Horchler.

Economia heißt die Agentur, die sich für die Telekom die »größte Nationalmannschaft aller Zeiten« ausgedacht hat. Eine Million Menschen haben mitgemacht. Wer eines der WM-Trikots haben wollte, der musste einen speziellen T-Com-Tarif kaufen. Der Trick war, dass das eher wie eine Art Beigabe wirkte. Eigentlich, so schien es beim schnellen Hinschauen, ging es um selbstbewusste Menschen in einem selbstbewussten Land. Eigentlich schien es so, als sollte diese Kampagne die Marke Deutschland verkaufen.

»Nein, nein, nein«, sagt Hans Albers, aber er muss das sagen, schließlich hat ihn für seine Idee nicht die Bundesregierung bezahlt. Albers und Horchler sind die Geschäftsführer der Hamburger Agentur, sie tragen Kordsakko und Brille, Halbglatze und Polo-Shirt. »Erstens geht es darum«, sagt Albers, »ich bin stolz darauf, Deutschland mein Gesicht zu geben. Und zweitens, ich bin total geil darauf, im Fernsehen zu sein.« Im Grunde ist es ganz einfach: Die WM findet statt, aber keiner kann hin – es geht also, wie schon bei allen Formen des Mitmachfernsehens, um einen Existenzbeweis des Durchschnittsbürgers.

So wird zur WM ein neues Bild von Deutschland gemacht. Es ist fröhlicher, aber oberflächlicher, weniger bedrohlich, aber kommerzieller. Sind wir so?

Reality-Check an dem Ort, an dem das alte, steinerne, schwere Deutschland zu Hause ist, im Berliner Olympiastadion. 2000 Besucher stehen jeden Tag Schlange, um hineinzukommen, bevor es vor der WM gesperrt wird, Schulklassen, Firmengruppen. Ein Dutzend Fernsehteams wollen jeden Tag hier drehen. Christian Lütcke, 40, Harley-Davidson-T-Shirt, Sonnenbrille, hat seine Eltern zu der Führung eingeladen, es ist eine der letzten vor der WM. Eine Touristenführerin läuft vorneweg, eine Treppe hinauf. »Hitler wollte für die Olympischen Spiele 1936 das größte Stadion der Welt haben«, sagt sie. »100.000 Leute passten früher hinein.« Christian Lütcke hat seinen Eltern die Karten zu Weihnachten geschenkt, doch die größte Freude hat Lütcke sich selbst gemacht. Er ist Polizist in Berlin und wird oft Dienst haben, wenn die anderen Fußball gucken. Dabei ist er einer der wenigen, die wirklich an die eigene Mannschaft glauben, »eigentlich der Einzige neben Klinsmann. Die Deutschen sind so schlecht drauf.« Sie brauchten ein bisschen mehr Leichtigkeit, Optimismus. Ein bisschen weniger Hitler.

Am liebsten wäre er mit seinen Eltern noch auf den Rasen gelaufen. Hätte nach oben geblickt, sich die Euphorie der 74.000 vorgestellt, die heute hier Platz haben. Verboten. Sein Vater hat inzwischen unter den Pfeilern eine Tür entdeckt. Er löst sich aus dem Pulk, wo die Frau in der Sportjacke gerade erzählt, sie halte den Rummel um die Fußball-WM für »ein bisschen überstrapaziert«. Lütckes Vater rüttelt vorsichtig am Griff. Die Tür bleibt zu.

Hans-Jochen Vogel will die Menschen lächeln sehen. Er hat von Natur aus Mundwinkel, die als Beweis für die Schwerkraft dienen können; er ist ein ungewöhnlicher Botschafter des Lächelns. Er trägt eine blaue Weste mit kleinen Bären darauf. »Die Menschen in Deutschland tun sich schwer mit dem Gedanken, irgendetwas gut zu finden«, sagt er, »vielleicht ändert sich das mit der WM.«

Natürlich weiß er, was sich alles verändert hat seit 1972, als er noch Oberbürgermeister in München war und der Stadt die Olympischen Spiele brachte, die heiter begannen und tragisch endeten. Damals, 1972, wurde seine Stadt »schneller in die Gegenwart transportiert. Es war ein weltoffenes Land, das sich damals präsentierte«, sagt er, »es war die neue Bundesrepublik.« Vogel mag die Kommerzialisierung nicht, er mag nicht, dass der Sport nicht mehr im Vordergrund steht. »Man kannte den Begriff Sponsor früher gar nicht«, sagt er, und seine Mundwinkel biegen sich noch ein wenig weiter nach unten. »Das war ja alles noch Amateursport«, sagt er und klopft energisch mit der Hand auf den Tisch.

Für die Spiele 1972 wurden U-Bahnen und SBahnen gebaut, es wurde die Infrastruktur modernisiert, es gab ein Stadion, das licht war und offen und beim WM-Endspiel 1974 so leuchtete wie ein Schmetterling kurz nach dem Ausschlüpfen. Heute findet das Eröffnungsspiel in einem Stadion statt, das Vogel eng und laut findet und das nach einer Versicherung benannt ist. Und die rührenden Kinder, die an der Hand der Stars ins Stadion einlaufen werden, die haben ihre Plätze bei McDonald’s gewonnen, in einer weltweiten Aktion, in der man sich die Erfüllung dieses Kindertraums – einmal wie ein Star in ein volles Stadion einlaufen – erbasteln und erspielen konnte. Die Telekom, größter Werber zum Thema WM, kaufte im ersten Quartal 2006 für 17 Millionen Euro Werbeplätze in unterschiedlichen Medien. Noch nie haben deutsche Firmen mehr Geld in Fußballwerbung investiert. Das hat zu einem paradoxen Phänomen geführt: Beim ZDF sind derzeit etwa 40 Prozent der Werbezeiten nicht verkauft. Die verhaltene Nachfrage führt man auf die Befürchtung der Unternehmen zurück, unterzugehen in der Masse der WM-Werbung.

Es ist nicht die Welt von Hans-Jochen Vogel, nicht mehr sein Sport, »das eine oder andere wird da überakzentuiert«, sagt er, »aber man muss sich in meinem Alter zurückhalten«. Trotzdem freut er sich auf die WM. »Man soll und wird die Chance nutzen, Deutschland so darzustellen, wie es ist«, sagt er in seiner freundlich-nüchternen Art. »Die objektive Situation des Landes ist ja nicht so beklagenswert, wie sie in nicht wenigen Medien dargestellt wird.«

Die größte Chance der deutschen Mannschaft besteht also darin, einen Stimmungssieg zu erringen. Und sonst? »Das Viertelfinale wäre schon eine feine Sache«, sagt er und lächelt so süßlich, wie es nur jemand kann, der weiß, was Mundwinkel wiegen.

Funktioniert das eigentlich? Die WM als Stimmungsaufheller? Hans-Joachim Maaz ist Professor in Halle, Chef der Klinik für Psychotherapie und Psychosomatik, 1990 wurde er bekannt mit seinem Bestseller Der Gefühlsstau, darin analysierte er den Seelenzustand der DDR-Bürger. Seither ist er so etwas wie der Psychologe des Patienten Deutschland.

Maaz erzählt vom Sommer 2002. Wie sich die Deutschen damals solidarisiert hätten. Er spricht vom Elbehochwasser, nicht von der Fußball-WM in Japan, als Deutschland sich ins Finale spielte.

Wenn er durchs Land fährt, kann er kaum WM-Vorfreude entdecken. »Die WM ändert nichts an unserem wirklichen Wohlbefinden. Sie wird überschätzt in ihrer Möglichkeit, die Stimmung im Land zu verändern.« Maaz glaubt, dass Sportereignisse nur »auf der Symptomebene für eine Ablenkung« sorgen könnten, das heißt, dass sich der Patient für einen Moment besser fühle, aber nicht gesünder sei.

Maaz entwirft zwei Szenarien, was die WM aus Deutschland machen könnte – wie gesagt, immer nur auf der Symptomebene. Im ersten Szenario wird Deutschland Weltmeister. Menschen mit einer labilen Identität fühlten sich durch den Erfolg der Mannschaft gestärkt. Es sei möglich, dass diese Menschen für eine gewisse Zeit, vielleicht sogar für ein bis zwei Jahre, optimistischer durchs Leben gehen. Kommt die erste persönliche Niederlage, sei dieser Optimismus dahin. Zweites Szenario: Deutschland wird nicht Weltmeister. Dann, sagt Maaz, könne sich eine Euphorie in Frustration wandeln, in Gewalt gar bei denjenigen, die mit Fußball zu sehr eigene Unsicherheiten kompensieren wollten. Außerdem sei die Scham besonders groß, wenn man im eigenen Land ausscheidet – und dann zusehen muss, wie die anderen weiterspielen.

Ist es nicht wenigstens gut, dass sich die Deutschen zur WM etwas mehr Fröhlichkeit, Gastfreundschaft und Offenheit verordnet haben? »Man kann sich immer eine Krawatte umbinden, aber man zieht sie nach einer Weile wieder aus.« Keinem Patienten, sagt Maaz, sei geholfen, wenn ihn andere oder er sich selbst zu besserer Laune zwinge.

Möglichst schnell ein anderes Deutschland-Bild (von innen und von außen), das bezweckt die Standortkampagne »Land der Ideen«, die die Bundesregierung zusammen mit dem Bund Deutscher Industrie gestartet hat. Sie ist nach »Du bist Deutschland« die zweitgrößte Kampagne, mit der Deutschland im Vorfeld der WM versucht hat, sein Image im Ausland zu polieren, 22 Millionen Euro hat sie gekostet. Ein weithin sichtbares Zeichen dieser Kampagne ist eine meterhohe Aspirin-Tablette in Silber, die derzeit in Berlin zwischen Reichstag und Spree steht, eine von sechs Riesenskulpturen, die den deutschen Einfallsreichtum sichtbar machen sollen. Zur Kampagne gehört auch ein Reiseführer, an dem 365 »Orte der Innovation« vorgestellt werden, aber für die meisten WM-Touristen werden es am Ende ein halbes Dutzend Monumente sein, die ihre Wahrnehmung erreichen werden, zumal sie vor den touristischen Brennpunkten der Stadt platziert sind.

Die Weltpresse recherchiert im Großbordell in Stadionnähe

An der Aspirin-Tablette lehnt Marcus Walker, 32, einer von sechs Deutschland-Korrespondenten des Wall Street Journal, Auflage von zwei Millionen, plus 770.000 Internet-Leser. Für amerikanische Manager und Wirtschaftsleute ist es die Zeitung, die sie zuerst lesen. Und Amerika ist der größte Auslandsinvestor in Deutschland. Wie Marcus Walker über Deutschland schreiben wird, ist also wichtig. Er hat sich die Skulpturen angesehen: »…einen Audi, einen adidas-Schuh, die Aspirin-Tablette, einen Bücherstapel: Deutschland stellt sich dar als ein Land, dessen Ideen aus der Zeit von 1500 bis 1990 stammen.« So werde leider vermittelt, dass die Deutschen das Informationszeitalter verpasst hätten, »ein Klischee über Deutschland als Produzent von Konsumprodukten der Old Economy«.

Und welches Bild von Deutschland werden Walker und seine Kollegen mit ihren Berichten im Ausland vermitteln? »Ich denke, ich werde auf jeden Fall eine Geschichte schreiben über Prostitution und Menschenschmuggel. Die Tatsache ist mittlerweile weltweit bekannt, dass viele Fans nach Deutschland kommen, um hier Sex zu haben. Ich kann mich an kein Großereignis erinnern, an dem das Sexthema so groß gespielt wurde.« So groß, dass das Thema sogar schon im Weißen Haus angekommen ist. George W. Bush und Angela Merkel unterhielten sich vergangene Woche in Washington angeregt über die deutsch-amerikanischen Unterschiede im Umgang mit der Prostitution.

Dass es einen Prostitutionsboom während der WM geben wird, daran zweifelt keiner. Zum Beispiel in einem der größten Bordelle Deutschlands, dem Artemis, das im September vergangenen Jahres in Berlin eröffnet hat, zu Fuß ein paar Minuten vom Olympiastadion entfernt. Zur WM-Zeit würden hier 100 Frauen arbeiten, sagt die Artemis-Pressesprecherin. Im Moment arbeiten allerdings auch viele Journalisten hier. Die Pressesprecherin hat viel zu tun: Aus Frankreich, Russland, Schweden und Lettland seien schon Journalisten gekommen, »fast jeden Tag« führe sie einige von ihnen durchs Bordell.

Ist es das, woran sich die Welt nach der WM erinnern wird: Deutschland, das Land, das sich früher durch seine wichtigen Erfindungen hervorgetan hat und heute durch seinen liberalen Umgang mit käuflichem Sex? Der Brite Simon Anholt hat einen Nations Brand Index entwickelt, mit dem er das Image von Ländern bewertet. Das deutsche Außenministerium gehört zu seinen Abonnenten, außerdem berät er die englische Regierung bei etwas, das die Engländer »öffentliche Diplomatie« nennen. »Ich bin normalerweise sehr kritisch, was Länderkampagnen betrifft«, sagt Anholt, »meine Erfahrung hat gezeigt, dass es eigentlich nicht möglich ist, das Image eines Landes durch Propaganda zu verändern. Sogar Gastgeber eines Großereignisses zu sein wird das Image ihres Landes an sich nicht verändern.«

Die Deutschen gelten zwar als langweilig, aber vertrauenswürdig

In Sydney sei es zwar durch die Olympischen Spiele extrem gut und nachhaltig gelungen, das Bild eines Landes zu prägen, das geistig am Puls der Zeit sei und außerdem voll toller Menschen. Aber die Australier hätten es vergleichsweise leicht gehabt. »Die Leute erinnern sich immer an die letzten interessanten Geschichten. Und in Deutschland sind da nun mal der Mauerfall und Hitler«, sagt Anholt. Deutschland stehe aber auch ohne WM-Effekt gut da. In seinem Image-Ranking, in dem er nach der weltweiten Anerkennung von Produkten, Regierung, Wirtschaft, Bildung, Kultur, Einwohner, Tourismus fragt, sind die Deutschen fast im Halbfinale – Platz sechs. Es gäbe nur in zwei Bereichen etwas zu verbessern, sagt Anholt: »Tourismus und Kultur. Es ist ein Skandal, wie schlecht der Ruf der Deutschen in diesen Bereichen ist, vor allem in Asien.«

Dass die Bewohner des Landes den Ruf hätten, langweilig zu sein, sei imagetechnisch kein Problem. »Langweiligkeit ist die Nachbarin der Verlässlichkeit, und Verlässlichkeit ist die Nachbarin des Vertrauens. Unsere Ergebnisse zeigen, dass die Menschen zwar nicht so gern mit einem Deutschen befreundet sein wollen. Aber sie würden ihn einstellen.«

Eigentlich könnte man sich zurücklehnen. Die anderen finden uns langweilig aber vertrauenswürdig, und die WM wird weder an der Selbst- noch an der Fremdwahrnehmung viel ändern. Also könnte Mario Gündel sich jetzt entspannen. Der Tiefbauingenieur ist Projektleiter des Berliner Senats, zuständig für eine sehr zentrale Baustelle: Unter den Linden, zwischen Humboldt-Uni und Staatsoper. 160 Meter Asphalt wurden hier aufgerissen, uralter Stein, deutsche Geschichte. Gündel hat Rohre verlegen lassen, hat die Gehwege verbreitert nach historischem Vorbild. Zwei Fahrspuren sind gesperrt, Gehwege unterbrochen. Aber alle wollen hier durch. Bis zur WM soll die Baustelle verschwunden sein. Für alle Arbeiten östlich der Humboldt-Uni zahlt der Bund, westlich davon Berlin. Zwei Etats, Gündel schreibt jede Rechnung doppelt. So deutsch, so umständlich, so zeitraubend. Aber diese Baustelle ist für ihn »die Visitenkarte des Landes«. Das gilt als reformmüde, nicht ganz zu Unrecht, findet Gündel. Er will der Welt etwas beweisen: »Es gibt gute Handwerker. Es ist Geld da. Wir Deutsche können’s noch.«

Er hat Berliner Firmen angeheuert, sicher ist sicher, sonst stünden auf den Baustellen eventuell unzuverlässige Subunternehmer aus Polen und Tschechien herum. Einmal zweifelte er, ob er es schaffen werde, im Januar, der Winter war gegen ihn. Gündel ließ ein beheizbares Zelt aufstellen. Damit, wenn die Welt zu Besuch bei Freunden ist, sie nicht schlecht von uns denkt. Gündel will der Welt deutsche Tugenden zeigen. Er hat schon für den DDR-Magistrat gearbeitet, das Alte und Neue ist bei ihm in den richtigen Händen. Noch ist der Mittelpunkt der Hauptstadt eine Baustelle, Gündel bleiben nur ein paar Wochen.

Ob er rechtzeitig fertig wird? »Ganz sicher«, sagt er.

 
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