Sie standen starr und Schulter an Schulter, und manche lachten etwas scheu und manche weinten fast, schließlich froren sie und standen auf einer Brücke über den Rhein oder am Brandenburger Tor und waren Teil von etwas. Sie waren auf Plakaten und im Fernsehen. Leute, in weiße Nationaltrikots gestopft, ein Bild, dem man in den Wochen vor der WM nicht entkommen kann. Sie waren Teil der T-Com-Kampagne, einer der größten Werbekampagnen vor der WM. Teil einer Bewegung, eines neuen Mannschaftsbildes, das sich Deutschland rechtzeitig zur WM zugelegt hat: eine ziemlich heterogene Mannschaft, aus Dicken und Dünnen, Kindern und Rentnern, die zwar nicht besonders erfolgversprechend aussieht, aber immerhin scheint der Mannschaftsgeist zu stimmen. Auch wenn sie in Wirklichkeit nur einen Telefontarif gemeinsam haben. Deutschland vor der WM: Welches Bild hat das Land von sich selbst, welches möchte es nach außen vermitteln – und wie kommt es an? Schuhgrößen vor dem Kanzleramt: Diese Skulpturen sind Teil der Imagekampagne »Land der Ideen« BILD

Das Neue an der T-Com-Kampagne war: Niemand macht sich Sorgen, wenn die Deutschen sich in einer Reihe aufstellen, die mindestens zur polnischen Grenze reicht. »Da war eine total ungebrochene Begeisterung«, sagt Andy Horchler.

Economia heißt die Agentur, die sich für die Telekom die »größte Nationalmannschaft aller Zeiten« ausgedacht hat. Eine Million Menschen haben mitgemacht. Wer eines der WM-Trikots haben wollte, der musste einen speziellen T-Com-Tarif kaufen. Der Trick war, dass das eher wie eine Art Beigabe wirkte. Eigentlich, so schien es beim schnellen Hinschauen, ging es um selbstbewusste Menschen in einem selbstbewussten Land. Eigentlich schien es so, als sollte diese Kampagne die Marke Deutschland verkaufen.

»Nein, nein, nein«, sagt Hans Albers, aber er muss das sagen, schließlich hat ihn für seine Idee nicht die Bundesregierung bezahlt. Albers und Horchler sind die Geschäftsführer der Hamburger Agentur, sie tragen Kordsakko und Brille, Halbglatze und Polo-Shirt. »Erstens geht es darum«, sagt Albers, »ich bin stolz darauf, Deutschland mein Gesicht zu geben. Und zweitens, ich bin total geil darauf, im Fernsehen zu sein.« Im Grunde ist es ganz einfach: Die WM findet statt, aber keiner kann hin – es geht also, wie schon bei allen Formen des Mitmachfernsehens, um einen Existenzbeweis des Durchschnittsbürgers.

So wird zur WM ein neues Bild von Deutschland gemacht. Es ist fröhlicher, aber oberflächlicher, weniger bedrohlich, aber kommerzieller. Sind wir so?

Reality-Check an dem Ort, an dem das alte, steinerne, schwere Deutschland zu Hause ist, im Berliner Olympiastadion. 2000 Besucher stehen jeden Tag Schlange, um hineinzukommen, bevor es vor der WM gesperrt wird, Schulklassen, Firmengruppen. Ein Dutzend Fernsehteams wollen jeden Tag hier drehen. Christian Lütcke, 40, Harley-Davidson-T-Shirt, Sonnenbrille, hat seine Eltern zu der Führung eingeladen, es ist eine der letzten vor der WM. Eine Touristenführerin läuft vorneweg, eine Treppe hinauf. »Hitler wollte für die Olympischen Spiele 1936 das größte Stadion der Welt haben«, sagt sie. »100.000 Leute passten früher hinein.« Christian Lütcke hat seinen Eltern die Karten zu Weihnachten geschenkt, doch die größte Freude hat Lütcke sich selbst gemacht. Er ist Polizist in Berlin und wird oft Dienst haben, wenn die anderen Fußball gucken. Dabei ist er einer der wenigen, die wirklich an die eigene Mannschaft glauben, »eigentlich der Einzige neben Klinsmann. Die Deutschen sind so schlecht drauf.« Sie brauchten ein bisschen mehr Leichtigkeit, Optimismus. Ein bisschen weniger Hitler.

Am liebsten wäre er mit seinen Eltern noch auf den Rasen gelaufen. Hätte nach oben geblickt, sich die Euphorie der 74.000 vorgestellt, die heute hier Platz haben. Verboten. Sein Vater hat inzwischen unter den Pfeilern eine Tür entdeckt. Er löst sich aus dem Pulk, wo die Frau in der Sportjacke gerade erzählt, sie halte den Rummel um die Fußball-WM für »ein bisschen überstrapaziert«. Lütckes Vater rüttelt vorsichtig am Griff. Die Tür bleibt zu.