"Was für ein beschissener Mensch, was für ein großer Schriftsteller" – Péter Esterházy wusste im Fall von Céline zwischen Werk und Person zu trennen, und eigentlich schaffen das die Franzosen auch bei poètes maudits. Bei Jean Genet etwa, der für den Sex-Appeal der Nazis schwärmte, oder bei Robert Brassillach, dem militanten Kollaborateur, käme bis heute niemand auf die Idee, ihre Stücke oder Bücher aus dem Verkehr zu ziehen.

Das soll bei Peter Handke jetzt anders werden. Seit 15 Jahren lebt der österreichische Schriftsteller in der Nähe von Paris, mischt sich nicht in französische Debatten ein und scheut jeden öffentlichen Auftritt. Seine Bücher werden regelmäßig übersetzt und in kleinen Auflagen bei Gallimard verlegt; seine Dramen dagegen finden seltene, aber beachtete Aufführungen. Sein 1989 geschriebenes Stück Das Spiel vom Fragen wurde bereits vor zehn Jahren ins Französische übertragen und auch gespielt. Seit 2004 steht es auf der Programmplanung der Comédie-Française für die Saison 2007.

Angesichts dieses Vorlaufs ist die Brüskheit wie auch die Begründung, mit der der Intendant der Pariser Comédie-Française das Stück vergangene Woche vom Spielplan strich, doppelt bizarr: Er sieht in Handkes Teilnahme an der Beerdigung des ehemaligen serbischen Präsidenten Milo∆eviƒ eine Opferbeschimpfung und möchte verhindern, dass dem ohnehin zurückgezogen lebenden Autor überhaupt noch öffentliche Aufmerksamkeit zuteil wird.

Der internationale Protest – von Jelinek bis Kusturica, von Haneke bis Peymann – gegen diese "Wiedereinführung der Zensur" greift freilich zu kurz. Denn es soll nicht nur ein Stück kassiert, sondern ein Autor unter Bann gestellt werden. Gegen das Drama, das vor dem Zerfall des Balkans entstand, hat der Intendant keine Einwände; er weigert sich jedoch, zwischen Autor und Werk zu unterscheiden. Der Eremit aus der Niemandsbucht von Chaville soll aus dem kulturellen Leben verschwinden.

Sicherlich haben Handkes störrische Plädoyers für die serbischen Opfer und seine Relativierungen der Kriegsgräuel Milo∆eviƒs jene Prügel bezogen, die sie auch verdienen. Und gerade in Frankreich, wo Schauspieler 1995 mit einem Hungerstreik gegen das Massaker von Srebrenica demonstrierten, ist der Balkan-Krieg ein unvergessenes Trauma.

Aber was hat die große öffentliche Sensibilität mit dem geringen Differenzierungsvermögen der Comédie-Française im Fall Handke zu tun? Gemäß der französischen Zivilisationsidee war der Staat stets der Garant einer geistigen Norm, keiner Gesinnung. Das hat sich nirgendwo so klar erhalten wie in der Comédie-Française, deren Spielplan bis heute der Thesaurus der französischen Literatur ist. Was vor den strengen Augen des hauseigenen "Lektüre-Komitees" besteht, geht in den Kanon des nationalen Schrifttums ein. Nicht einmal Genet widerfuhr, was jetzt Handke erlebt: ein Ausschluss aufgrund persönlichen Fehlverhaltens. Es ist die Kleinheit der Maßstäbe, an denen große Institution zugrunde gehen.