In diesem Theater hat schon Beethoven dirigiert, aber das ist den Jungs egal. Was sie nervös macht, ist ihr Einsatz. Monatelang haben sie geübt, den Morgen zu verkünden, wie Mozart es komponiert hat, in dieser Stadt vor 215 Jahren. Für das Knabentrio in der neuen Wiener Zauberflöte werden gleich drei verschiedene Besetzungen einstudiert.

Nun sitzen alle neun Jungs vorn auf der Bühne, zappelig, ängstlich, gleich sind drei von ihnen dran, zum ersten Mal mit Orchester. Sie sehen runter zum Dirigenten, der jünger ist als ihre Väter, ein Typ mit Brille und mittelkurzen Haaren. Der greift sich das Probenmikro und sagt mit tiefgelegter Monsterstimme: Seid braaav! Da müssen sie lachen. Dann geht es los, und es geht bestens. Und einer der Jungs, die noch nicht dran sind, singt spontan die Partie der Pamina dazu.

Auswendig!

Der Maestro, der hier für Entspannung sorgt, hat das Knabenalter selbst gerade mal erst zwei Jahrzehnte hinter sich. Jetzt ist Daniel Harding 30. Mit 8 oder 9 wusste er, der Sohn gebildeter englischer Amateurmusiker, dass er Musiker werden wollte. Aber was für einer?

Ich bin eigentlich faul, meint er. Und als ich mal zu dirigieren versuchte, war es das Erste, das sich nicht wie Arbeit anfühlte. Also blieb ich dabei Es ist viel Arbeit daraus geworden. Harding startete so steil wie selten zuvor ein Dirigent. Mit 15 lotste er ein Schülerensemble in Oxford durch Schönbergs Pierrot Lunaire, schickte mit Bitte um Rat ein Demoband an Simon Rattle, und damit begann, was Harding heute, immer noch selbst verwundert, eine Märchengeschichte nennt.

Rattle wurde hellhörig. Bald holte er Harding als Assistenten nach Birmingham. Nach glanzvollem Debüt des 19-Jährigen übernahm ihn der nächste Meister. Mein kleines Genie nannte Claudio Abbado den Jüngling, als der sich auch mit den Berliner Philharmonikern bewährte.

So etwas macht schnell die Runde. Da Harding noch jünger aussah, als er ohnehin war, schmal und blass, machten ihn die Medien umso lieber zum Wunderknaben und zum Harry Potter der britischen Musik. Wobei oft überhört wurde, dass hier einer klug erarbeitete, was ihm scheinbar zuflog und worum es ihm ging. Die Beethoven-Ouvertüren, die er als 22-jähriger Chef der Kammerphilharmonie Bremen aufnahm, sind ein Gegenentwurf zum Großklang der Traditionsorchester.