Ein Film über Bettina Buri könnte mit einer Luftaufnahme des Frankfurter Stadtteils Neuberesinchen beginnen. Man sähe aus der Vogelperspektive eine Plattenbausiedlung – ein paar Hochhäuser, ein paar fünfstöckige Riegel mit großen Balkonen und Sonnenschirmen. Blühende Frühlingsbäume, ausgedehnte Grünflächen. Ein Einkaufszentrum, auf dessen Vorplatz bunte Marktstände leuchten. Gruppen von Jugendlichen, die in der warmen Maisonne ein Bierchen trinken, so, wie sie es im Urlaub tun würden. Bettina Buri BILD

Erst die Nahaufnahme würde Risse zeigen. Risse in den Mauern leer stehender Wohnhäuser; Gestrüpp, das verfallene Kindertagesstätten überwuchert, zerschlagene Fenster; Gesichter von jungen Leuten, die eben nicht in die Urlaubssonne blinzeln, sondern immer frei haben, zu oft in die Flasche schauen und schnell eine drohende Miene aufsetzen, wenn man ihnen in die Quere kommt.

Plötzlich käme rund um einen Flachbau ein kleiner Menschenauflauf ins Bild. Geklapper, Gelächter, Bewegung und mittendrin eine Frau mit rotem Haarschopf und selbstbewusstem Blick. Bettina Buri, in Frankfurt (Oder) aufgewachsen, ist 38 Jahre alt und leitet das Jugendhaus ragbag, Lumpensack, eine Einrichtung der offenen Jugendarbeit in der Trägerschaft des Internationalen Bundes für Sozialarbeit (IB). Das Gewusel rund um den Eternit-und-Beton-Kasten verursachen an diesem Nachmittag die jugendlichen Stammgäste und die Betreuer, die ihrem Haus einen neuen Anstrich verpassen wollen: Alte Graffiti und dreckige Ecken werden apricotfarben, lindgrün und himmelblau übermalt. Jugendliche, die mindestens eine Stunde pro Tag beim Streichen helfen, bekommen ein kostenloses Mittagessen. »Kostenloses Essen ist ein Anziehungspunkt«, sagt Bettina Buri. »Wenn wir das anbieten, sind unsere Aktionen immer gut besucht.« In den Familien der Zwölf- bis Siebzehnjährigen, die ins ragbag kommen, wird nur noch unregelmäßig gekocht: aus Gleichgültigkeit, häufig auch aus Geldnot. »Armut ist heute für uns ein größeres Thema als vor zehn Jahren«, sagt Buri, die 1994 ihre Arbeit als Lehrerin für Deutsch und Geschichte aufgab und die Leitung des Jugendhauses übernahm. Zurück in die Schule würde sie nicht mehr gehen wollen, auch wenn das einen erheblichen Einkommensverzicht bedeutet. Sie ist jemand, den die ganz existenziellen gesellschaftlichen Probleme faszinieren und herausfordern. »Heute muss ich den Teilnehmerbeitrag für Freizeitaktivitäten schon Mitte des Monats einsammeln, sonst kann ich fast sicher sein, dass ich das Geld nicht mehr bekomme«, sagt Buri. Auf Beiträge ganz verzichten kann und will die Einrichtung nicht. »Zum einen gilt leider: Was nichts kostet, ist auch nichts wert«, sagt Buri, »zum anderen bekommt unser Träger nur 90 Prozent der Kosten von der Kommune erstattet. 10 Prozent müssen wir selbst erwirtschaften, und das ist genau das Geld, das wir für Projekte und Ferienfahrten brauchen.« Also die kleinen und großen Extras, die über das Pflichtprogramm hinausgehen: nicht nur Tischtennis, sondern auch einheitliche T-Shirts für die Mannschaft; nicht nur Kickern, sondern auch mal ein Besuch im Reichstag.

Neuberesinchen verzeichnet eine Arbeitslosenrate von 22,8 Prozent – und ein nicht bezifferbares Lebensgefühl der Lähmung. Seine Bewohner richten sich in einer immer kleineren, beschränkteren Welt ein, bleiben in ihren Wohnungen mit Fernseher, DVD-Player, Handy; warten darauf, dass es irgendwann irgendwie besser wird. »Und aus dieser Lethargie müssen wir die Jugendlichen herausholen«, sagt Buri. »Wir wollen, dass sie feste Persönlichkeiten werden, mit eigenen Zielen, die ihr Leben im Griff haben.« Sie selbst kämpft für dieses Ziel mit der ganzen Stärke ihrer eigenen Persönlichkeit – und doch mit einem erheblichen Einfühlungsvermögen in Jugendliche, die nicht so klar, geradlinig und zielstrebig sind wie sie selbst.

Zu ihren Schützlingen gehören Steve und Denise, Maddy, Vicy, Marco, Nancy, Benni, Norman, Janine, Kevin, Elli, Tobi, Anne, Christoph – alle bereit, sich, damit sie herkommen dürfen, den strengen Regeln des Hauses unterzuordnen: totales Alkohol- und Rauchverbot, Verbot von Gewalt und Pöbeleien in jeder Form; Einhaltung von Verabredungen; höfliche und respektvolle Umgangsformen. Die meisten tauchen gleich nach der Schule auf, essen, nehmen die angebotene Hausaufgabenhilfe in Anspruch. Zum gelinden Erstaunen der Betreuer – neben Bettina Buri ein zweiter Sozialpädagoge, drei ABM-Kräfte und zwei Arbeitslosengeld-II-Empfängerinnen mit 1,50-Euro-Jobs – stürzen sie sich mit Begeisterung auf Angebote wie den »Rappa«, den ragbag-Punkte-Pass. Darin wird mit Fleißpunkten belohnt, wenn man sich an Turnieren und Veranstaltungen beteiligt, beim Saubermachen und bei der Pflege der Außenanlagen hilft oder – höchstes Lernziel! – eigene Initiativen entwickelt. Wer bis Ende Juli 23Punkte zusammenhat, wird vom ragbag-Team zu einer kostenlosen Ferienfreizeit eingeladen. »Viele Familien hier fahren niemals in den Urlaub«, sagt Bettina Buri.

Liebevoll zusammengestellte Chroniken ihrer »Kids« mit Zeitungsausschnitten, Fotos, Eintrittskarten und errungene Urkunden dokumentieren die Erschöpfung auf der Radtour, die Grillparty, den Triumph beim Tischtennis. Es sind Familienalben, denn was den Jugendlichen hier geboten wird, ist eine Art Familienleben. Ein Mindestmaß an Tagesstruktur, Zuwendung, Interesse. Ein paar Regeln. Gemeinsame Erlebnisse.

Die Jugendlichen suchen Nähe – zueinander und zu den Betreuern. Beim Kommen und Gehen begrüßen Jungen und Mädchen einander mit einem Kuss auf den Mund. Es wird viel und heftig geknutscht. Aufklärungsveranstaltungen gehören fest in den Veranstaltungskalender des ragbag, vorletztes Jahr brachte der Weihnachtsmann jedem Jugendlichen ein Aufklärungsbuch. Kondome sind im Büro erhältlich.