Im niedersächsischen Wildeshausen ist selbst der Marktplatz nicht mehr sicher vor den Riesenbohrern. Wir müssten bald auf Sauergas stoßen, sagt Franz Straßer, Bohrleiter und seit 26 Jahren als Erdöl- und Erdgassucher im Dienste von ExxonMobil unterwegs. Hinter ihm brüllt der Förderturm: ein Ungetüm, knapp 60 Meter hoch, auf dem ein Dutzend Männer in verschmierten Blaumännern Rohr um Rohr in der Tiefe versenken. Mehr als vier Kilometer Bohrgestänge muss der große Haken in der Turmspitze heben und senken.

Tatsächlich steht Straßers Bohrturm nicht auf dem mittelalterlichen Marktplatz, sondern zwei Kilometer südlich, auf einem Acker. Von dort aus lenkt Straßer den Bohrmeißel unter den Wildeshausener Stadtkern, dahin, wo das Gasreservoir lockt: 3800 Meter unter den Schichten von Buntsandstein, Tonstein, Muschelkalk, Keuper und eben unter dem Marktplatz von Wildeshausen.

Straßer, der Bayer, zieht mit der Maschine durch den Norden Deutschlands wie ein Zirkusdirektor mit seinem Zelt. 120 Tage dauert die Vorstellung. Rund um die Uhr wird in drei Schichten gebohrt, gespült, betoniert. Dann zieht der Turm nach Vechta, Oldenburg oder ins Emsland um.

20 Milliarden Kubikmeter, ein Fünftel des hierzulande verbrauchten Gases, wird in Deutschland gefördert. Aber das, sagt Straßer, wird immer aufwändiger. Niedersachsen ist so ausgepumpt, dass er nun auch die schwierigen Lagen anzapft. Einst gab es hier offene Teerkuhlen, Öl galt als Heilmittel. Täglich drei Löffel einnehmen, dies ist die edelste Feuchtigkeit, die hilft, wann die Nerven vertrucknet, rieten Quacksalber vor Hunderten von Jahren. Inzwischen ist die Ölförderung vom Festland auf die Nordsee ausgewichen. Und an Land sind seit den sechziger Jahren aus Ölsuchern Gassucher geworden.

Gleich hinter dem Bauernhof steht ein kleines Kraftwerk

Bis heute haben sie 800 Milliarden Kubikmeter gefördert, die verbleibenden Gasreserven in Niedersachsen werden auf 240 Milliarden Kubikmeter geschätzt. Spätestens in 25 Jahren werden sie versiegen.

Dann versiegt auch eine Einnahmequelle für Niedersachsens Bauern: Pachten für Gasleitungen und Bohrungen auf ihren Feldern.