Weltwährungen Ruhe vor dem großen Sturm
Der US-Währungsexperte Martin Feldstein rechnet mit einer kräftigen Abwertung des Dollar. Ein Gespräch
DIE ZEIT : Professor Feldstein, hat der große Dollarrutsch begonnen?
Martin Feldstein:
Man kann immer nur schwer vorhersagen, wie schnell sich ein Preis bewegt. Der Dollar hat ja zuletzt schon etwas an Wert verloren. Könnte er in den kommenden Monaten auf ähnlich rapide Weise fallen wie zur Mitte der 1980er Jahre? Das könnte passieren. Könnte er diesmal noch schneller fallen? Das wissen wir einfach nicht, dafür haben wir keine Präzedenzfälle.
ZEIT : Schon die Dollaranpassung des Jahres 1985 war sehr rabiat. Von 1985 bis 1987 verlor der Dollarkurs gegenüber den wichtigsten Währungen im Schnitt 38 Prozent. Glauben Sie, dass Notenbanken einschreiten würden, um einen freien Fall zu verhindern?
Feldstein: Das ist denkbar – wenn sie die Kosten dafür tragen wollen. Ich bezweifele allerdings, dass Interventionen heutzutage wirklich etwas bewirken können, wenn die Märkte sich zu einer grundsätzlichen Anpassung der Dollarkurse entschieden haben.
ZEIT: Warum glauben so viele Ökonomen und Marktbeobachter, dass die Anpassung jetzt unmittelbar bevorsteht? Das Leistungsbilanzdefizit und die Staatsverschuldung steigen doch schon seit Jahren. Gleichwohl ist der Dollarkurs im vergangenen Jahr gestiegen.
Feldstein: Das stimmt. Fundamental hat sich nichts geändert.
ZEIT: Warum folgen die Märkte nicht der ökonomischen Logik? Haben sie versagt?
Feldstein: Die Händler, die Leute in diesen Märkten, orientieren sich fast ausschließlich an kurzfristigen Differenzen in den Zinsraten. Alle Experten sind sich einig, dass der Dollarkurs erheblich nach unten korrigiert werden muss. Das wird auch passieren. Doch ein Händler erzielt kurzfristig größere Gewinne, wenn er (wegen der höheren Zinsraten, Anm. der Redaktion) trotzdem auf den Dollar setzt und ihn im Fall einer Anpassung schleunigst wieder abstößt. Das ist die Mentalität dieser Händler.
ZEIT: Sie haben kürzlich gefordert, Washington solle sich von seiner erklärten Politik eines starken Dollar abkehren.
Feldstein: Die amerikanische Rhetorik vom »starken« Dollar wirft zwei Dinge durcheinander. Das eine ist ein starker Dollar daheim, also eine konstante Kaufkraft im Inland. Das andere ist der internationale Wert des Dollar, den wir anpassen müssen, damit unser Leistungsbilanzdefizit schrumpft. Ich spreche da von einem "wettbewerbsfähigen Dollar".
ZEIT: Kann man denn beides gleichzeitig haben? Wenn der Dollar fällt, werden alle importierten Güter teurer.
Feldstein: Der Inflationsdruck wäre gar nicht so groß. Wenn sich die Anpassung des Dollar über ein paar Jahre erstreckt und die Notenbank auch noch gegen die Inflation steuert, wird es nicht schlimm. Nach der Dollaranpassung 1985 ist die Inflation auch nicht wesentlich gestiegen.
ZEIT: Die Anpassung des Jahres 1985 ist nicht ganz von allein erfolgt. Damals gab es das so genannte Plaza-Abkommen. Führende Industrieländer einigten sich auf eine konzertierte Aktion, um den Dollar abzuwerten, vor allem gegenüber dem Yen. Auch jetzt gibt es wieder Forderungen nach einem solchen Abkommen.
Feldstein: Ja, und das hat vor allem psychologische Gründe. An den Finanzmärkten glauben die Händler, dass einige Regierungen entschlossen sind, einen festen Wechselkurs des Dollar zu bewahren…
ZEIT: …und notfalls einzuschreiten und so jeden Händler zu bestrafen, der auf einen fallenden Dollar setzt.
Feldstein: Ja, das gilt sicher für die Chinesen und womöglich auch für die Japaner und Europäer. Eine Erklärung der G7-Nationen oder des IWF oder ein neues Plaza-Abkommen wären zwar aus meiner Sicht nicht notwendig, um das aus der Welt zu schaffen, sie könnten aber helfen. Es müsste nicht einmal eine einzige Erklärung sein, die G7 und die Chinesen und andere Schlüsselwirtschaften könnten einfach ihre eigenen Erklärungen abgeben. Das Ziel wäre nicht, die natürliche Marktentwicklung zu ändern, sondern den Marktteilnehmern zu signalisieren, dass sich Regierungen oder Zentralbanken bei einer Anpassung des Dollar nicht in den Weg stellen.
ZEIT: Einige Regierungen und Zentralbanken haben aber offenbar ein erhebliches Interesse daran, dass der Dollar gegenüber ihren Währungen nicht fällt. Die stützen den Dollar schon seit Jahren und halten so den Dollarkurs gegenüber ihren eigenen Währungen künstlich stabil – allen voran die Chinesen oder die Koreaner.
Feldstein: Das gilt selbst für die Japaner. Die japanische Notenbank hat zwar schon vor einigen Jahren aufgehört, zugunsten des Dollarkurses zu intervenieren. Doch ich vermute, dass heimlich das staatliche Postbanksystem und andere Quasiregierungs-Institutionen intervenieren und Dollar kaufen.
ZEIT: Welche Aufgabe fiele der Europäischen Zentralbank und den Europäischen Regierungen bei einer Dollaranpassung zu?
Feldstein: Wenn der Dollar fällt und das amerikanische Leistungsbilanzdefizit schrumpft, heißt das, dass die USA weniger importieren beziehungsweise mehr exportieren. Unsere Handelspartner geraten also unter Druck. Die Chinesen sehen das sehr klar. Sie wollen ihre Regierungsausgaben für Bildung, Erziehung und Regionalförderung deutlich erhöhen, um das an Wirtschaftsleistung zu ersetzen, was ihnen in der Exportwirtschaft verloren gehen würde. Wenn man aber zurzeit mit europäischen Wirtschaftspolitikern redet, hört man viel davon, wie sie die Produktivität erhöhen wollen oder wie der Arbeitsmarkt flexibler gestaltet werden soll. Doch kurzfristig betrachtet, muss Europa erst einmal einen Weg finden, um den Nachfrageausfall aus Amerika auszugleichen.
ZEIT: In Deutschland steht aber eine Erhöhung der Mehrwertsteuer an, die der Binnennachfrage sicher nicht hilft. Die Konsolidierung des Staatshaushaltes steht weit oben auf der Agenda.
Feldstein: Das ist langfristig gesehen eine gute Ideen, aber kurzfristig ist ein ganz anderes Problem zu lösen, nämlich ein erheblicher Nachfrageausfall.
ZEIT: Was würden Sie stattdessen tun?
Feldstein: Ich mische mich nicht gerne in die Wirtschaftspolitik anderer Länder ein. Aber da Sie schon einmal hier sind: Man sollte vielleicht durch Steuererleichterungen private Investitionen stimulieren oder den Hausbau.
ZEIT: Einer Stimulation der Wirtschaft durch höhere Schulden sind in Europa Grenzen gesetzt. Etliche Länder, darunter Deutschland, sind längst am Limit dessen, was der Stabilitätspakt erlaubt.
Feldstein: Der Stabilitätspakt ist eine gute Sache, solange er verhindern soll, dass hohe Defizite sich dauerhaft festsetzen. Doch es ist etwas ganz anderes, mit Hilfe zusätzlicher Defizite kurzfristige Wirtschaftseinbrüche abzufedern. Genau das ist es, was Europa jetzt zu erwarten hat. Es ist ein Grund für eine zeitlich begrenzte Stimulierung der Wirtschaft.
ZEIT: Das heißt, wenn der Dollar erst fällt und der Euro steigt, plädiert Martin Feldstein für ein zeitweises Aussetzen des Stabilitätspakts?
Feldstein: Richtig.
ZEIT: Das ist schon das zweite Mal, dass man in diesen Tagen eine Abkehr von der ökonomischen Orthodoxie aus der Harvard-Wirtschaftsfakultät zu hören bekommt. Ihr Kollege Larry Summers hat Schwellen- und Entwicklungsländern davon abgeraten, allzu große Dollardevisenreserven aufzubauen.
Feldstein: In den vergangenen Jahrzehnten haben viele Länder gelernt, dass man einen Schutz vor spekulativen Attacken an den Finanzmärkten braucht. Deshalb haben sie erhebliche Dollarberge angehäuft. Doch müssen diese Berge immer höher wachsen, wie es zurzeit in vielen Ländern der Fall ist? Sollte man alles wie üblich in kurzfristige Regierungsanleihen stecken? Das ist wegen der geringen Zinsen sehr teuer. Oder sollte man, wie es die Chinesen begonnen haben, ein gemischteres Portfolio aufbauen, in dem auch Unternehmensanteile enthalten sind? Und warum nur Dollar? Viele Länder haben jetzt angekündigt, mehr Devisenreserven in anderen Währungen anzulegen.
ZEIT: Reden wir hier vor allem vom Euro?
Feldstein: Der Euro kommt als Reservewährung sicher gleich an zweiter Stelle hinter dem Dollar. Doch der Yen könnte zurzeit noch eine viel bessere Anlage sein.
ZEIT: Manche reden davon, dass der Euro bei einem starken Fall des Dollarkurses den Dollar als führende Leit- und Reservewährung ersetzen könnte.
Feldstein: Das kann ich mir nur schwer vorstellen. Der Euro wird den Dollar nicht ersetzen, sondern unsere Vorstellung einer einzigen Reservewährung wird schwinden. Ich glaube, dass Devisenreserven in Zukunft aus einer Vielfalt von Währungen gebildet werden.
Martin Feldstein ist Harvard-Professor und Exberater von Ronald Reagan. Das Gespräch führte Thomas Fischermann
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- Datum 11.05.2006 - 14:00 Uhr
- Quelle DIE ZEIT, 11.05.2006
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