Vielleicht ist dieser Winter jetzt wirklich vorbei, er war zu lang, zu kalt, wir haben ja gesehen, wie oben am Brokeback Mountain zwei berittene Schafhirten so gefroren haben, dass sie lieber schwul wurden. Und ich habe mir gesagt, dass ich, fürs erste, nur noch Filme gucken und Bücher lesen will, die in sommerlicheren Gegenden spielen. Hier ist eines.

Die Autorin, zwar in der Ukraine geboren, aber noch als unbewusstes Ding mitgenommen nach Brasilien und dort aufgewachsen, lebte von 1925 bis 1977, das Buch hier, ihr erstes, schrieb sie als 19-Jährige. Es sind Momente aus einer Mädchenkindheit, oder genauer wohl die Erinnerungen einer jungen Frau an Momente aus ihrer Kindheit, vielleicht war sie damals sieben, dann vielleicht neun, elf. Kapitelweise kreuzen diese Erinnerungen sich mit der Gegenwart, die Frau ist verheiratet, man sieht aber bald, dass sie nicht mehr lange mit diesem Mann zusammen sein wird, der lieber zu seiner Freundin von vorher zurückgehen würde, einer weiblicher konturierten Frau.

Die junge Frau sieht sich als Kind und Heranwachsende dem entgegensehnen, was Freiheit sein könnte oder Wahrheit oder mindestens doch das Geheime, das hinter alledem sein muss, von dem die meisten Erwachsenen vorgeben zu sprechen, wenn sie wie welche, die es nun kennen, vom Leben reden. Und jetzt geht es der Verheirateten ganz ähnlich, und eigentlich, so empfindet sie das wohl, sind ihre Erinnerungen an früher dazu da, dass sie sich jetzt mit jener Heranwachsenden verbündet und wieder anknüpft an das, was aus jenem Kind, als es sich noch träumend sehnte und auflehnte, hätte werden sollen. »Es ist wichtig, dachte ich, dass ich nicht vergesse, dass ich glücklich war, dass ich glücklicher bin als man sein kann. Aber ich vergaß es, immer vergaß ich.«

Das Buch hat ein Motto von Joyce: »Er war allein. Er war verlassen, glücklich, nahe dem wilden Herzen des Lebens.« Dahin will wohl die junge Frau, und das Mädchen, das sie war, war auch kein braves Kind, sie log, war böse, wollte böse sein und konnte Diebstähle so schön begründen, dass selbst Lehrer und Pfarrer ihr nichts anhaben konnten.

Das Leben, wie es vielleicht nur einmal gewesen sein könnte

Wenn sie gefragt wurde, was sie denn nun wolle, was aus ihr werden solle, wo sie denn das Gute, das Wahre suche und so weiter, war ihre Antwort, das wisse sie nicht – zweifellos die beste Antwort, die es gibt, die wahrste, die suchendste Antwort, aber eben nicht auf die Fragen, die die anderen so stellen, das ist es.

Und der Leser, was immer aus ihm (anderes, verkehrtes?) geworden sein mag mit der Zeit, wenn er nur überhaupt noch lesen kann, sagt sich immer deutlicher mit jeder der immer mitnehmenderen, in die Freiheit entführenderen Seite dieses Buchs, dass genauso wie dieses Kind, und diese Heranwachsende, wenn nicht er selbst, nein, das vielleicht nicht, aber ganz bestimmt damals der gewesen sein muss (und mit ihm vielleicht doch auch er selbst, der Leser), aber ganz sicher ebender gewesen sein muss, den er einmal so sehr geliebt hat, damals, als noch fast alles möglich war. Und wem, fragt er sich, wem schenke ich jetzt dieses Buch?