Das Buch ist klein, doch riesenlang. Der Inhalt bestimmt das Format, der Buchmarkt die Verpackung. Gefaltet misst das Leporello zwischen festen Deckeln 16,5 mal 17,5 Zentimeter, ausgefaltet 2,54 Meter! BILD

Wo anfangen bei dieser Länge? Beim ersten Satz.

»In seinem Garten lag einmal ein Mann.« Die Besitzangabe ist wichtig, denn wachsen darf jeder. Wenn er damit aber Grenzen überschreitet oder eben den Zaun durchbricht, dann wird das Spektakel auch zum Ärgernis. Die Beine des Mannes wachsen weiter, ihre ungewöhnliche Länge ergibt komische Situationen. Doch Thomas Rosenlöcher weiß, dass Weiter- und Weiterwachsen rasch zu Wiederholungen führt. Da müssen Ordnungshüter her, die Anstoß nehmen am Vorstoß der Beine. Die wachsen etwa durch ein Fenster in ein Klassenzimmer hinein, und schon fragt der Lehrer: »Wer hat seine Füße auf das Pult gelegt?« Weil die Kinder ihre Füße noch bei sich haben, beklagt er sich allgemein über Disziplinlosigkeit und gibt »den unbekannten Füßen eine Sechs in Betragen«. Fragen des Benimms und der Korrektheit hatten in der Kinderliteratur der DDR einen weit höheren Stellenwert als in der BRD. Da ist der Text des ehemaligen Studenten am Literaturinstitut Johannes R. Becher in Leipzig keine Ausnahme. Hinzu kommt, dass Rosenlöcher seine Geschichte als Vorlesetext veröffentlichte (Insel, 2002). Die Beinlänge hätte nur Beschreibungen abgegeben, während die Reaktionen zu witzigen Dialogen führen. Das wiederum war auch die große Chance für eine Inszenierung im Bilderbuch.

Jacky Gleich hat nicht einfach nur meterlange Beine gemalt. Gekonnt – und praktisch zum Lesen – gliedert sie Doppelseiten, setzt neu an, akzentuiert die Einzelszenen: den das Match entscheidenden Auftritt der Beine auf dem Fußballplatz, beim Grenzübertritt den Posten am Pfosten und so weiter. Die Beine wachsen schließlich rund um die Welt, bis der Mann »einen heftigen Schlag am Hinterkopf verspürte«. Die Heimkehr der Füße ist aber nicht das Ende der Geschichte. Der Mann spürt jetzt ein Ziehen im Hals. Wir kennen das Ziehen in den Beinen vom Anfang und sind nicht erstaunt, dass das letzte Bild den Erdball zeigt, beinumspannt und aus dem All vom Mann bestaunt, dessen Hals da hinaus wächst.

Andere Illustrierende hätten die Geschichte vielleicht auf die Rückseite des Leporellostreifens ausgedehnt. Anders Jacky Gleich. Sie erzählt hier die Geschichte der Beine nochmals; ohne Text, dafür mit Klischees von Ländern, Landschaften und Leuten wunderbar spielend und mit Bildideen, die zeigen, was überlegte Illustration kann: Szenen ausbauen, weiterspinnen, neue Bilder finden. Die schwarzen Hosenbeine werden da zum Straßenband, die Knie zu Bergspitzen. Die Bilder machen das langgestreckte Wunder zum doppelten Wunder.