Kinderbuch Was bleibt vom Apfel? Bild oder Butzen?
Die Jury von ZEIT und Radio Bremen stellt vor: Sharon Creechs große Geschichte »Herznah«
Annie läuft. Barfuß, jeden Tag dieselbe Strecke über Wiesen, durch den Park, zwischen Bäumen. Oft kommt Max dazu, läuft mit ihr im gleichen Rhythmus, doch meist macht er Tempo, ist unzufrieden mit der Zwischenzeit, wenn sie sich auf der Bank ausruhen. Max trainiert, Annie bewegt sich, Max will ankommen, Annie will laufen.
Die Autorin Sharon Creech hatte mit Herznah kein amerikanisches Lola rennt im Sinn, sie folgt der zwölfjährigen Annie auf ihren ungepflasterten Wegen, zwischen Erinnerung und Hoffnung, zwischen dem langsamen Verdämmern ihres Großvaters und der Geburt ihres kommenden Bruders Joey, zwischen den Erwartungen der anderen und ihren eigenen Gefühlen. Das könnte ein wohlmeinender Adoleszenzroman werden, voll mit lebenssatten Ratschlägen und Mut machenden Resümees, wäre da nicht der Humor der Erzählerin, die Form der freien Prosa, die Offenheit der leeren Zeilen, die Luft zum Atmen lässt.
Fast unerlaubt idyllisch wirkt Annies Familie: ein Vater, der seine Frau liebt, eine Mutter, die sich auf ihr Kind freut, dazu der Grandpa, der bei ihnen wohnt und den sie pflegen, eine Nachbarin, der »Annie-Bananie« den Rasen mäht und die Veranda putzt, Lehrer, deren Ideen bei den Schülern auf fruchtbaren Boden fallen. Doch ist die Idylle fester Hintergrund für ein fragiles Alter, das seine Träume behalten will und gleichzeitig sehen muss, dass nichts bleiben wird. »Er sagt, er geht kaputt, / jeden Tag funktioniert irgendetwas anderes / nicht mehr, / und sein Gehirn ist / aus Rührei.« Was werde ich vergessen, wenn ich älter bin, fragt sich Annie angesichts ihres Großvaters, was wird aus meinen Geschichten, Gedanken und Träumen, und ist dann alles so, als sei es nie geschehen?
Bei Sharon Creech finden diese öberlegungen auf weißen freien Flächen Platz, das Buch wird zum imaginären Notizbuch, und mit der Zeit häufen sich die Fragen, sodass sie in ihrer Summe beruhigend wirken und kaum nach einer Antwort verlangen. Wichtig ist das Augen-, Ohren- und Herzöffnen für Fragen, den Rest darf man dem Kopf überlassen. Hundert Bilder von einem Apfel sollen die Schüler zeichnen, jeden Tag eins, hundert Tage lang, gibt Miss Freely, die Kunstlehrerin, zur Aufgabe. Wird sich das Bild vom Apfel verändern? Werden die Schüler Ungewöhnliches sehen oder sich nur wiederholen? Und was bleibt am Ende vom echten Apfel? Das Bild oder der Butzen?
Die unauffällige Kunst der Sharon Creech liegt darin, Methoden aufzudecken und sie zugleich lächelnd anzuwenden. Einmal gibt Mr. Welling den Schülern eine Liste mit leeren Wörtern und Phrasen vor, die sie nicht mehr verwenden sollen (»sehr/ganz, also, irgendwie, ich sag mal, äh, Zeug, echt, und so, ja, klar«) und bringt sie dann »irgendwie sehr« zum Stolpern, ein anderes Mal fordert er sie auf, das Synonym-Wörterbuch zu benutzen, oder lehrt sie die korrekte Verwendung von Fußnoten, Vorgaben, die von der Autorin dann sofort genüsslich ausgenutzt werden. Es ist diese Mischung aus leicht pädagogisch angehauchtem Inhalt und dem Talent, den Leser wie nebenbei zu verführen, die schon Sharon Creechs Roman Der beste Hund der Welt viel Preis und Lob eingebracht hat (unter anderem den LUCHS 195 und die Nominierung zum Deutschen Jugendliteraturpreis).
Heartbeat heißt das Buch treffend im Original. «Der Herzschlag passt zu meinen Schritten«, sagt Annie und läuft, weil ihr Laufen Spaß macht, nicht weil sie gewinnen will. Das klingt fast wie eine Lebensweisheit. Und so soll es auch sein.
Sharon Creech: Herznah Aus dem Englischen von Adelheid Zöfel; Fischer Schatzinsel, Frankfurt am Main 2006; 189 S., 12,90 € (ab 10 Jahren)
LUCHS 231 wurde ausgewählt von Gabi Bauer, Marion Gerhard, Hilde Elisabeth Menzel, Andreas Steinhîfel und Konrad Heidkamp. Am 11. 5, 16.40 Uhr, stellt Radio Bremen-Funkhaus Europa das Buch vor (Redaktion: Christiane Schwalbe). Das Gespräch zum Buch ist abrufbar im Internet unter www.radiobremen.de oder als /podcast/luchs
DIE LUCHS-JURY EMPFIEHLT AUSSERDEM:
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Aus dem Englischen von Nicola T. Stuart;
Gerstenberg Verlag, Hildesheim 2006; 32 S.,
12,90 € (ab 4 Jahren)
Einer der wunderbarsten Geschichtenerzähler mit einem taufrischen Bilderbuch
von 1969
Norton Juster: Milos ganz und gar unmögliche Reise
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Eirik Newth/Hildegard Müller (Ill.):
Die Krähe, die nicht bis 5 zählen konnte
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Auch für hoffnungslose Fälle ein hochvergnüglicher Mathematik-Muntermacher
- Datum 11.05.2006 - 14:00 Uhr
- Quelle DIE ZEIT 11.05.2006 Nr.20
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