Maria Kostova lächelt, wenn man sie nach ihrer Tochter fragt. Dann geht sie zu dem Regal über dem Fernseher, greift nach einer Klarsichthülle und nimmt ein abgegriffenes Foto heraus. Damit kniet sie sich vor den Campingtisch in der Mitte ihres Zimmers; sie fröstelt, durch die zersprungenen Fensterscheiben zieht die Winterluft. Vor drei Wochen habe sie dem Richter den letzten Brief geschrieben, sagt Maria Kostova, und dann hat sie gebetet und gewartet. Was soll sie schon tun? Sie wickelt ihren Rock fester um die nackten Füße. Dann blickt sie auf das Foto, auf ein Baby mit schwarzem Schopf: »2500 Gramm« hat jemand mit Bleistift daneben geschrieben. Brazil, sagt Maria und zieht an ihrer Zigarette. Das Foto ist alles, was ihr geblieben ist. Elternglück gegen Geld: Mindestens 20 Babys wurden in Paris verkauft, sagt die Polizei BILD

Maria Kostova ist 28 Jahre alt und schmal wie ein junges Mädchen, sie trägt ein goldenes Kreuz um den Hals und ihre Haare im Nacken zusammengebunden. Vor drei Jahren ist sie mit ihrem Mann Miroslav und den beiden Söhnen nach Frankreich aufgebrochen, 2000 Kilometer ohne Rückfahrschein, Sofia–Paris in einem überfüllten Reisebus. Jetzt hockt Maria in der Pariser Vorstadt Le Blanc-Mesnil in einem Abbruchhaus; durchs Fenster rauscht der Verkehr der Ausfallstraße, der Dreijährige nuckelt an einer Colaflasche, im Fernseher läuft eine türkische Sitcom. Es gab schon schlechtere Tage in Marias Leben. Eben erst hat sie aufgeräumt, jetzt breitet sie eine Wolldecke über die zerschlissenen Laken und serviert Kaffee, vorhin hat der Franzose von nebenan Butter gebracht.

Es sind nur wenige Monate vergangen, seit die Abendnachrichten über Maria Kostova berichteten. Maria, hieß es im Fernsehen, habe Unverzeihliches getan. Es sei ein Skandal. Wie könne eine Mutter so etwas tun? Maria will ihren wirklichen Namen nicht in der Zeitung lesen. Deshalb, und vielleicht auch, weil sie sich schämt.

Im Herbst hatte die Pariser Polizei einen Ring ausgehoben, der in der Banlieue mit bulgarischen Babys handelte; es war der größte Fall von Kinderhandel, der je aufgedeckt wurde in Frankreich. Sondersendungen berichteten von Bulgarinnen, die ihr Kind weggaben, und Paaren, die sich für ein paar tausend Euro Elternglück kauften. Mindestens 20 Babys haben den Besitzer gewechselt, 5000 Euro für ein Mädchen, 6000 für einen Jungen. Es sei ein Handel im Schattenmilieu der Vorstädte gewesen, sagte die Polizei. Die Mütter, die ihre Neugeborenen verkauften, seien zu arm, diese großzuziehen, ihre Abnehmer, meist ebenfalls Bulgaren, verteidigten sich, zu einer Adoption gebe man ihnen keine Chance.

Es ist noch früh am Morgen in der Vorstadt Le Blanc-Mesnil, am Ende des Nachmittages wird Maria Kostova betrunken sein. Sie sagt, dann müsse sie sich nicht wieder und wieder fragen, ob sie den größten Fehler ihres Lebens begangen habe, weil sie von einem Haus in Bulgarien geträumt habe und von Lederschuhen für die Kinder, oder ob das Schicksal es gewollt habe, dass ihr die Zigeunerin Maya über den Weg lief.

Eines Tages plötzlich war Maya da und zog zu ihnen in das Quartier der Obdachlosen, erzählt Maria. Maya war erst 22, aber sie kam aus Sofia wie sie, und wenn Maya morgens von der Arbeit kam, redeten sie. An den Abenden fuhr Maya mit der S-Bahn nach Saint-Denis und wartete vor den Bars, bis die Männer sie mitnahmen ins Warme, bis sie sich erleichtert hatten an ihr, dreimal, viermal, wenn es gut lief in einer Nacht.

Eines Morgens klagte Maya, dass es schlechter laufe, ihr Bauch werde immer runder. Sie sei verzweifelt, doch sie habe eine Lösung gefunden: Ein Bekannter wolle sie reich machen, 2000 Euro für das Problem in ihrem Bauch, ein Gottesgeschenk.