Film

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Der deutsche Film feiert Erfolge - mit einer enorm vielfältigen Produktion, Festivalpreisen und hohen Marktanteilen im Inland. Aber wie wird dieses Kino im Ausland wahrgenommen? Vor der Verleihung des Deutschen Filmpreises am 12. Mai antworten vier prominente internationale Kritiker

Ohne Komplexe, aber kritisch

von Gérard Lefort, Frankreich

Gute Nachricht: Das deutsche Kino ist wieder da! Man schaue sich nur an, wie viele deutsche Filme inzwischen auf der Berlinale laufen. Allein in diesem Jahr waren es mehr als fünfzig. Umso unverständlicher wirkt wieder einmal die Abwesenheit des deutschen Kinos im offiziellen Programm der Filmfestspiele von Cannes. Schließlich ist der deutsche Kinoerfolg keineswegs nur ein Heimspiel, sondern ein internationales Phänomen. Gerade in Frankreich waren Filme wie Andreas Dresens Halbe Trepp e oder der unvermeidliche Good Bye, Lenin! echte Kassenerfolge. Mit Good Bye, Lenin! erreichte der deutsch-französische Kulturkanal Arte im vergangenen Jahr sogar einen Zuschauerrekord (Frankreich: 1,1 Millionen Zuschauer, Deutschland 1,7 Millionen).

Auch die jungen Regisseure der so genannten Berliner Schule stießen in Frankreich auf reges Publikumsinteresse: Christian Petzolds Die innere Sicherheit (sein neuer großartiger Film Gespenster lief leider noch nicht in Frankreich), Henner Wincklers Klassenfahrt oder auch Angela Schanelecs Film Marseille und Jan Krügers Unterwegs.

Nun, es war eine lange Durststrecke. Vor weniger als zehn Jahren verbanden das französische Publikum und die französische Kritik mit dem deutschen Kino bestenfalls wehmütige Erinnerungen an die großen Kinofiguren der siebziger und achtziger Jahre. Von der aktuellen Produktion schwappten nur altherrenhafte Komödien oder mühselige Psychostudien nach Frankreich.

Warum nun diese neue Begeisterung? Weil dem deutschen Kino eine kleine kulturelle Revolution gelungen ist. Die interessantesten »Gesellschaftsfilme« kommen meiner Ansicht nach von Autoren aus der zweiten und dritten Generation türkischer Einwanderer. Um nur Thomas Arslan zu nennen und natürlich Fatih Akin mit seinem Berlinale-Gewinner Gegen die Wand.

Diese Erneuerung ist wiederum nicht zu trennen von der neuen Sicht des deutschen Kinos auf die deutsche Geschichte. Die Auswirkungen dieser Neulektüre auf den nicht gerade unkomplizierten deutsch-französischen Gefühlshaushalt sollte man nicht unterschätzen. Mehr als zehn Jahre nach dem Fall der Mauer begab sich Good Bye, Lenin! auf eine humoristische Reise in das lange ignorierte und verachtete »andere Deutschland«. Sophie Scholl von Marc Rothemund erinnert an einen der wenigen Fälle von Widerstand gegen die Nazis. Das Leben der Anderen von Florian Henckel von Donnersmarck schildert den Einbruch der Stasi in das Leben eines Paares während der achtziger Jahre. All diese Filme erzählen ohne Komplexe und dennoch kritisch von der Vergangenheit eines Landes, das im 20. Jahrhundert die beiden schlimmsten Totalitarismen erlebte: Nazismus und Kommunismus. Ist nun nach den Jahrzehnten der Scham und der Reue die Zeit der Reflexion angebrochen?

Ein französischer Zuschauer kann gar nicht anders, als sich berührt zu fühlen von dieser Neulektüre der deutschen Geschichte. Allein schon, weil sich das französische Kino bis auf wenige Ausnahmen völlig unfähig gezeigt hat, auf die beiden großen nationalen »Verletzungen« zu reagieren: die Kollaboration der vierziger Jahre und den Algerienkrieg.

Der Autor ist Filmredakteur der Tageszeitung »Libération«

Komisch geht auch

Von Peter Bradshaw, England

Jahrelang war das deutsche Kino für die Filmszene hier in England ein großes Mysterium. Neben unseren eigenen Produktionen und der täglichen Flut aus Hollywood erreichen uns französische Filme – sehr viele französische Filme. Einige davon sind brillant, einige hoffnungslos schlecht. Es laufen argentinische Filme. Türkische Filme. Filme aus Iran. Aus Bollywood. Sie laufen massenhaft in Programmkinos und vor Minderheitenpublikum.

Man kann nicht behaupten, dass viele deutsche Filme darunter sind. Aus irgendeinem Grund werden sie als düster eingestuft, und die Verleiher haben bei ihnen keine großen Gewinnerwartungen. Es gibt keine deutsche Amélie der deutsche Film wird von der Kinoszene in diesem Land nicht wahrgenommen. Obwohl die britischen Medien jedes Jahr gewissenhaft zu den Berliner Filmfestspielen anreisen, wo sie überwältigende neue Filme zu sehen bekommen, ist Berlin nicht so beliebt wie Cannes oder Venedig. Ich fürchte, dass wir verwöhnten Reporter uns einfach stärker von der Côte d’Azur und dem Lido angezogen fühlen und vor der schrecklichen Winterkälte des Potsdamer Platzes im Februar zurückschrecken.

Natürlich dringt der eine oder andere Film trotzdem durch. Zum Beispiel Werner Herzog, der mit seinem großartigen Dokumentarfilm Grizzly Man wieder auf dem kulturellen Radarschirm aufgetaucht ist; jedoch mit einem englischsprachigen Film, der in Nordamerika spielt. Und dann sind da natürlich noch zwei Filme, die in Großbritannien sensationell gute Kritiken erhielten: Oliver Hirschbiegels Der Untergang und Marc Rothemunds Sophie Scholl. In beiden sah man herausragende Schauspieler, beide sind gut inszeniert . Aber beide spielen in der Nazizeit, und ich habe das ungute Gefühl, dass dies in der Sprache der Werber immer noch den unique selling point des deutschen Kinos in Großbritannien darstellt. Es sieht so aus, als ob nichts der großen Tragödie des Zweiten Weltkriegs den Rang ablaufen könnte. Die britische Boulevardpresse ist berüchtigt für ihre Besessenheit bezüglich dieser Periode. Leider hat die Welt des Kinos ebenfalls eine Schwäche für das einzigartige Drama dieses Krieges.

Es gab jedoch einige grandiose deutsche Filme, die sich mit anderen Themen befassten und die eine Schneise in unseren britischen Filmgeschmack geschlagen haben: Die fetten Jahre sind vorbei war ein kraftvoller Film mit einer leidenschaftlichen Haltung, was bei den Filmen jüngerer britischer Regisseure nicht oft vorkommt. Good Bye, Lenin! war ein Film, der bewies, dass die Deutschen sehr wohl Komödien drehen können, und ich liebte Oskar Roehlers Die Unberührbare eine eindringliche Parabel über das Deutschland nach dem Fall der Berliner Mauer.

Wenn ich einen Regisseur nennen sollte, der Großbritanniens engstirnige Vernachlässigung des neuen deutschen Films vor Augen führt, dann wäre das Christian Petzold. Ich bewunderte seine letzten drei Filme: Toter Mann,Wolfsburg und Gespenster, eisige, bezwingende Dramen mit einem beunruhigenden Unterton metaphysischer Angst. Aber ich konnte Petzolds Filme nur auf der Berlinale oder im Rahmen des kleinen, jährlich stattfindenden deutschen Filmfestivals in London sehen. Warum muss das so sein? Wenn ich an all die langweiligen und mittelmäßigen Importe denke, die ihren Weg auf unsere Leinwände finden, stöhne ich auf und erinnere mich an Petzolds knappe, elegante Thriller. Ich frage mich, warum niemand auf die Idee kommt, sie in diesem Land herauszubringen. Das neue deutsche Kino ist reif für seine Entdeckung.

Der Autor ist Filmkritiker bei der britischen Tageszeitung »The Guardian«

Kino der Debatten

Von Mirito Torreiro, Spanien

From a distant observer – der Leser sieht mir hoffentlich nach, dass mir bei diesem kurzen Text über das deutsche Kino – von Spanien aus gesehen – der Titel eines berühmten Werkes des Filmhistorikers Noel Burch über das japanische Kino durch den Kopf schießt. Tatsächlich war das deutsche Kino während eines Großteils der achtziger und neunziger Jahre in Spanien mindestens so entlegen wie das japanische. Egal ob es um Unterhaltungs- oder Autorenfilme ging, deutsche Produktionen kamen nur sporadisch in die Kinos. Dadurch fiel die Lücke, die der neue deutsche Film der siebziger Jahre hinterlassen hatte, noch schmerzlicher auf (einzige Ausnahme war der ins amerikanische Exil abgewanderte Wim Wenders). Gut, gelegentlich brachte ein unabhängiger Verleih ein neues Werk von Volker Schlöndorff oder Margarethe von Trotta heraus, aber ohne großen Erfolg – im Übrigen waren auch deren Filme häufig außerhalb von Deutschland entstanden.

Natürlich hatte nicht nur das deutsche Kino mit dem mangelnden Interesse des spanischen Publikums zu kämpfen. Das Kino der europäischen Nachbarn wurde Opfer der Umbrüche des weltweiten Verleih- und Abspielsystems (Konzentration auf einige wenige Blockbuster, Gleichschaltung der Ästhetik, Brutalisierung der amerikanischen Werbekampagnen). So kam uns Spaniern auch das italienische Kino abhanden und ein Gutteil des französischen. Diese Verarmung der Kinolandschaft betraf nicht nur die paar jungen Regisseure, die kontinuierlich eine nationale Filmkultur erneuern, sondern auch die berühmten Namen. Umso überraschender wirkt aus unserer Perspektive jene Hand voll deutscher Filme, die in den letzten Jahren, beflügelt von Auslandserfolgen, Festivalteilnahmen und Oscar-Nominierungen, neuen Schwung ins deutsche Kino brachten. Aber auch diese Filme waren in Spanien höchstens Achtungserfolge. Mit Ausnahme von Der Untergang und den Polemiken gegen die Humanisierung des Diktators durch das Kino, bleibt das deutsche Kino weiter beschränkt auf den engen Kreis der Cineasten und Untertitelfreunde.

Dabei sind Filme wie Gegen die Wand, Sophie Scholl, Good Bye, Lenin! oder Die fetten Jahre sind vorbei nicht einfach nur gut gemacht. Sie tauchen in die eigene Tradition ebenso ein wie in die eigene Gegenwart. Sie betreiben historische Spurensuche und stellen sich furchtlos all den Verletzungen und sozialen Spannungsfeldern, die eine nationale Kinematografie erst rechtfertigen. Vor allem aber stoßen sie Debatten an, die über filmische Fragen weit hinaus in die Gesellschaftsanalyse gehen – angefangen bei der Aufarbeitung des Nationalsozialismus bis hin zur präzisen Reflexion türkischer Lebensweisen in der neuen Heimat. Es gehört zur ganz besonderen Stärke dieses Kinos, der eigenen Vergangenheit immer neue Aspekte abzutrotzen. Und sich eben nicht wie unser heimisches Kino im Umgang mit dem Spanischen Bürgerkrieg auf immergleiche Klischees und Moralvorstellungen einzupendeln.

Aber so lebendig das neuere deutsche Kino auch sein mag und sosehr es die Deutschen ärgert, immer wieder auf die große Zeit des neuen deutschen Films der siebziger Jahre zurückgeworfen zu werden – ich komme dennoch nicht umhin, zu gestehen: Es ist wieder einmal der gute alte Rainer Werner Fassbinder, der dem deutschen Kino kürzlich den stärksten Auftritt beim spanischen Publikum verschafft hat. Durch die aggressive Kraft und ungebrochene Gültigkeit seines Werks. 25 Jahre nach seinem Tod liefen seine Filme in Madrid und Barcelona erneut im Kino. Seine Arbeiten liegen nun auch in hervorragenden DVD-Editionen vor. Für die nächsten Generationen spanischer Cineasten.

Der Autor ist Redakteur und Filmkritiker der spanischen Tageszeitung »El País«.

Die ganze Reife

Von Eddie Cockrell, USA

Neulich wurde mir klar, dass ich mein halbes Leben lang zur Berlinale fahre. Seit ich 1982 zum ersten Mal von meinem damaligen Arbeitgeber, dem amerikanischen Filminstitut, aufgefordert wurde, nach Filmen Ausschau zu halten, habe ich kein einziges Jahr verpasst.

Schon etwas früher, etwa Mitte der siebziger Jahre, begann ich mich für das deutsche Kino zu interessieren. Damals, als Filmstudent in meiner Heimatstadt Washington D. C., war es ein echter Thrill, den deutschen Expressionismus der zwanziger Jahre zu entdecken und den Einfluss seiner Emigranten auf das Studiosystem in Hollywood. All das war ziemlich exotisch für einen Amerikaner, der damals nicht im Traum daran dachte, einmal in die Welt zu reisen.

Seitdem gibt es für mich etwas, was jeden guten deutschen Film auszeichnet: die Balance zwischen einem präzisen Raum-Zeit-Empfinden, man könnte auch von einem gewissen Regionalismus sprechen, und universellen Gefühlen. Genau dieses Gleichgewicht zeichnete auch das Kino des Rainer Werner Fassbinder aus. (1982, nachdem er mit der Sehnsucht der Veronika Voss den Goldenen Bären gewonnen hatte, traf ich ihn am Abend der Verleihung zufällig im Aufzug. Er presste die Trophäe immer noch an sich. Leider war ich zu versteinert, um irgendetwas zu sagen. Vier Monate später war er tot.) Und obwohl Wolfgang Beckers Good Bye, Lenin! ein tief in seiner Zeit verankerter Kostümfilm ist: Was erzählt dieser Film anderes als die Geschichte eines netten jungen Mannes, der seine Mutter liebt?

Es ist dieses Gleichgewicht, das mich an Reinhard Hauffs Stammheim beeindruckte und Jahre später an Christopher Roths RAF-Film Baader, der mir wie das bessere Gegenstück zu Oliver Stones viel zu spekulativem JFK-Film vorkam.

Und es ist wiederum diese Balance zwischen ganz konkreten deutschen Orten und allgemein verständlichen großen Gefühlen, die auch die Filme von Andreas Dresen auszeichnet – von Nachtgestalten über Halbe Treppe bis zu dem wunderbar leichten Sommer vorm Balkon. Oder auch die Filme von Fatih Akin, beeindruckend genaue Milieuschilderungen, die ihr Herz vor sich her tragen.

Für das Wiedererstarken der deutschen Filmszene sprechen natürlich auch die vielen guten deutschen Filme der diesjährigen Berlinale. Allen voran Hans-Christian Schmid, dessen Wettbewerbsbeitrag Requiem auch für den deutschen Filmpreis nominiert wurde. Unglaublich, wie er sich zwischen seinem harmlosen Internatsdrama Crazy und seinem neuen nervenaufreibenden Exorzismus-Film weiterentwickelt hat.

Es ist einfach eine Schande, dass das amerikanische Publikum von dieser Vielfalt nichts mitbekommt. Es kennt allenfalls ein paar »große« Titel: Lola rennt,Rosenstraße,Der Untergang und Sophie Scholl, das war’s. Dabei handelt es sich nur um die Spitze des Eisbergs. Zu sehen sind diese Filme nur in den Arthouse-Kinos der amerikanischen Metropolen.

Und doch kann es nur eine Frage der Zeit sein, bis ein deutscher Regisseur endlich eine universelle Geschichte erzählt, die auch das große amerikanische Publikum erreicht. Es wird eine Geschichte sein, die über ihre Untertitel hinausweisen, in die amerikanischen Multiplexe einbrechen und den Amerikanern endlich die ganze Reife der neuen deutschen Kinolandschaft vor Augen führen wird.

Der Autor ist Filmkritiker und Deutschlandspezialist der amerikanischen Branchenzeitschrift »Variety«

Übersetzt von Christiane Behrend, Katja Nicodemus, Merten Worthmann

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    • Quelle DIE ZEIT, 11.05.2006
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