Dieter Hahn hält nur 493 Aktien der Deutschen Bank. Doch diese 493 Aktien sind wertvoll. Nicht nur, dass ihr Kurs in den vergangenen Monaten stark gestiegen ist. Sie erlauben Hahn, der ein enger Weggefährte von Medienunternehmer Leo Kirch ist und lange Jahre ein Topmanager in dessen Imperium war, im gemeinsamen Kampf gegen die Deutsche Bank und deren Exchef Rolf Breuer eine neue Front zu eröffnen. In Zeitungsanzeigen und im elektronischen Bundesanzeiger umwirbt Hahn seit vergangener Woche andere Aktionäre, sich ihm anzuschließen und Breuer per Gerichtsverfahren zu Schadensersatzzahlungen zu zwingen.

Es ist ein Schritt, wie ihn Deutschlands Wirtschaft in dieser spektakulären Form noch nicht erlebt hat. Möglich macht ihn eine Änderung des deutschen Aktienrechts Ende 2005. Sie setzte den Schwellenwert, von dem an Minderheitsaktionäre Klagen gegen das Topmanagement anstrengen können, deutlich herab – auf ein Prozent des Grundkapitals.

Formal ist an Hahns Vorgehen nichts auszusetzen. Faktisch aber instrumentalisiert er das Aktienrecht. Er und Kirch machen Breuer bis heute für den Niedergang des Medienimperiums verantwortlich. In einem Fernsehinterview im Jahr 2002 hatte Breuer, damals Vorstandssprecher der Deutschen Bank und Kopf des Bundesverbandes deutscher Banken, dem hoch verschuldeten Kirch-Konzern fast unverblümt die Kreditwürdigkeit abgesprochen. Zwei Monate später beantragte KirchMedia Insolvenz.

Gleich mehrfach hat Kirch seitdem gegen Breuer und die Deutsche Bank geklagt, die damals zu den Kreditgebern einer Konzerngesellschaft zählte. Anfang 2006 urteilte der Bundesgerichtshof, Breuer habe zumindest teilweise eine unerlaubte Handlung begangen. Grundsätzlich sei die Bank schadensersatzpflichtig, ebenso Breuer persönlich. Denn er habe die Pflicht gehabt, "alles zu unterlassen, was die Deutsche Bank einem Schadensersatzanspruch" aussetzen könnte. Im April verkündete Breuer seinen Rückzug als Aufsichtsratschef der Deutschen Bank.

In seinem Begehren schlüpft Aktionär Hahn nun überraschend in die Rolle eines Beschützers der Deutschen Bank. Mit seinen Äußerungen habe Breuer der Bank "immensen Schaden zugefügt", so Hahn in den Anzeigen. Den solle der ehemalige Vorstandssprecher nun der Bank ersetzen. Das von Hahn angestrengte Verfahren zielt – wie es im Vertrag der eigens zu diesem Zweck mit Kirchs Ehefrau Ruth gegründeten Gesellschaft heißt – "auf Zahlung an die Deutsche Bank". Damit folgt Hahn den Buchstaben des Aktiengesetzes. Paragraf 148 erlaubt es Aktionären nicht, sich selbst gütlich zu tun, sondern nur im Namen des Unternehmens Ansprüche geltend zu machen – sofern das Unternehmen selbst nicht aktiv geworden ist. Sollte also der Deutschen Bank Geld zufließen – theoretisch bis zu mehreren hundert Millionen Euro –, würde Hahn als Aktionär in Form höherer Aktienkurse oder Dividendenzahlungen nur mittelbar davon profitieren.

Im Paragrafen 148 geht es ums Prinzip. Auch Kleinaktionären soll es möglich sein, gegen allzu enge Bande der Topmanager vorzugehen und Schaden vom Unternehmen abzuhalten. Zu oft verzichteten Konzerne früher darauf, ehemalige oder aktive Führungskräfte für die Folgen eklatanter Fehlentscheidungen oder gar strafbarer Handlungen haftbar zu machen. Ein still vereinbarter Verzicht auf eine Abfindung war oft schon das Äußerste.

Zwar steht seit einem Gerichtsurteil von 1997 der Aufsichtsrat stärker in der Verantwortung. Erst die Gesetzesänderung von 2005 aber erhöhte die Gefahr, auch als Aufsichtsratsmitglied von den eigenen Anteilseignern belangt zu werden, sollte man seiner Verantwortung nicht nachgekommen sein. Auch deshalb nehmen Schadensersatzklagen gegen ehemalige Vorstände zu, so wie jüngst beim Kreditinstitut AHBR, beim Handelskonzern Rewe oder der Landesbank WestLB. Auch VW prüft offenbar Ersatzansprüche gegen den im Zuge der Betriebsratsaffäre abgetretenen Vorstand Peter Hartz. Nicht ohne Grund verfügen Manager heute häufig über spezielle Haftpflichtversicherungen.