Es gibt Texte, bei deren Lektüre einen das Gefühl eines lang ersehnten Verstehens überwältigt. Es ist ein Klarheitsrausch. Doch manchmal steht am Ende die Ernüchterung: Hat man nur eine besonders einfache Erklärung erhalten? Das neue Buch von Hans Magnus Enzensberger erzeugt so einen Rausch. Und so eine Ernüchterung. Himmelswahn: Maher Khbeisheh hat in Nablus 15 Menschen mit in den Tod gerissen BILD

Enzensberger hat einen Essay über die Figur des »radikalen Verlierers« geschrieben. Er nimmt sich dessen an, was seit Auschwitz das Meisterklärte und zugleich Unerklärlichste dieser Zivilisation ist – der durch kein Kalkül mehr gedeckten Gewalt. Er entwirft ein Psychogramm jener Menschen überall auf der Welt, für die die Gewalt zum Selbstzweck geworden ist: der prügelnden Jugendlichen und Amokläufer und, nicht zuletzt, der islamistischen Selbstmordattentäter. Enzensberger wirft das alles in einen Topf, und das ist die Stärke des Textes. Zunächst.

Der Tod des Selbstmordattentäters entspricht seinem Selbsthass

Was sagt Enzensberger? Der Verlierer, der zum Gewalttäter wird, hat sich damit abgefunden, ein Verlierer zu sein. Zugleich fantasiert er sich in eine Überlegenheitsfiktion hinein, die er dann in der Gewalt realisiert. Er genießt die Rolle des Allmächtigen. Und der eigene Tod – der Selbstmordattentäter und der Amokläufer, der im Kugelhagel stirbt – entspricht seinem Selbsthass. So weit, so gut beobachtet: Schon 1966 schrieb Jean Améry in dem Essay Die Tortur, die Gewalt des Nazismus sei kein Mittel gewesen, sondern sein eigentlicher Zweck. Und jüngst zeigte der Soziologe Ferdinand Sutterlüty in einer Studie über Gewaltkarrieren von Jugendlichen, dass das rauschhafte Erlebnis zu einer Gewaltsucht führen kann (ZEIT Nr. 15/06), einer reinen Lust am Quälen und Sterbenlassen, wie Michael Haneke sie uns in seinem Film Funny Games vorgeführt hat.

Das Problem ist: Enzensbergers Beschreibung hat etwas Tautologisches. Natürlich wird Gewalt oft als lustvolle Überlegenheit erlebt; natürlich sehen Menschen, die andere hassen und in der Gewalt auch ihre eigene Existenz vernichten, sich als Verlierer. Aber auch dieser Begriff ist problematisch. Man kann ja auch Lust an der Gewalt haben, wenn man erfolgreicher Student ist, Familienvater oder Multimillionär wie Osama bin Laden. Wenn man von Verlierern spricht, darf man es also nicht allein im Sinne des Sichtbaren, man muss es psychologisch meinen – Menschen, die sich wertlos fühlen, egal, was sie im Leben »gewinnen«: Status, Familie, Wohlstand. Damit wird indes der Begriff des Verlierers unscharf. Besser wäre vielleicht der Begriff des Verletzten.

Enzensberger hilft sich damit, dass er ganze Staaten und Völker als Kollektive von Verlierern erkennt, unabhängig vom Status des Einzelnen. So seien die Araber, die seit 400 Jahren keine eigene Erfindung hervorgebracht hätten, ein Kollektiv von Verlierern. Ebenso die Deutschen nach 1918. (Und die Männer, die ihre Vormachtstellung eingebüßt haben, sowieso.) Gewiss. Dennoch braucht man die psychologische Kategorie der Verletzung des Einzelnen, sonst lässt sich nicht erklären, warum nur eine Minderheit zur Gewalt greift und die Mehrheit nicht.

So wie Enzensberger die private Seite der Gewaltgenese unterschlägt, unterschätzt er auch die Rolle des Bewusstseins. Er denkt sich den Gewalttäter nur als Verlierer mit Überlegenheitsfiktion, einen Sadisten auf der Suche nach einem Sündenbock – niemals als einen, der auch leidet an seinem Mitgefühl für die Opfer der Gewalt anderer, der möglicherweise selbst ein Opfer ist. Enzensberger verliert kein Wort zur Gewalt der Besatzer arabischen Territoriums, die als Kontinuität kolonialer Gewalt erlebt wird. Das irritierend »Gute« im Bösen, und sei es nur eine Zutat von vielen, kommt bei Enzensberger nicht vor, nur als »Projektion« ohne eigene Ursächlichkeit. Kriminologen sprechen von einer »Böses-verursacht-Böses-Täuschung«. Denn natürlich kann das Böse auch aus dem Guten sich nähren, aus Empathie und Rechtsempfinden.