SachbuchDie Bombe Mensch

Hans Magnus Enzensberger und seine »Schreckens Männer«: Warum diese Studie des Bösen schillert und scheitert

Es gibt Texte, bei deren Lektüre einen das Gefühl eines lang ersehnten Verstehens überwältigt. Es ist ein Klarheitsrausch. Doch manchmal steht am Ende die Ernüchterung: Hat man nur eine besonders einfache Erklärung erhalten? Das neue Buch von Hans Magnus Enzensberger erzeugt so einen Rausch. Und so eine Ernüchterung.

Enzensberger hat einen Essay über die Figur des »radikalen Verlierers« geschrieben. Er nimmt sich dessen an, was seit Auschwitz das Meisterklärte und zugleich Unerklärlichste dieser Zivilisation ist – der durch kein Kalkül mehr gedeckten Gewalt. Er entwirft ein Psychogramm jener Menschen überall auf der Welt, für die die Gewalt zum Selbstzweck geworden ist: der prügelnden Jugendlichen und Amokläufer und, nicht zuletzt, der islamistischen Selbstmordattentäter. Enzensberger wirft das alles in einen Topf, und das ist die Stärke des Textes. Zunächst.

Der Tod des Selbstmordattentäters entspricht seinem Selbsthass

Was sagt Enzensberger? Der Verlierer, der zum Gewalttäter wird, hat sich damit abgefunden, ein Verlierer zu sein. Zugleich fantasiert er sich in eine Überlegenheitsfiktion hinein, die er dann in der Gewalt realisiert. Er genießt die Rolle des Allmächtigen. Und der eigene Tod – der Selbstmordattentäter und der Amokläufer, der im Kugelhagel stirbt – entspricht seinem Selbsthass. So weit, so gut beobachtet: Schon 1966 schrieb Jean Améry in dem Essay Die Tortur, die Gewalt des Nazismus sei kein Mittel gewesen, sondern sein eigentlicher Zweck. Und jüngst zeigte der Soziologe Ferdinand Sutterlüty in einer Studie über Gewaltkarrieren von Jugendlichen, dass das rauschhafte Erlebnis zu einer Gewaltsucht führen kann (ZEIT Nr. 15/06), einer reinen Lust am Quälen und Sterbenlassen, wie Michael Haneke sie uns in seinem Film Funny Games vorgeführt hat.

Das Problem ist: Enzensbergers Beschreibung hat etwas Tautologisches. Natürlich wird Gewalt oft als lustvolle Überlegenheit erlebt; natürlich sehen Menschen, die andere hassen und in der Gewalt auch ihre eigene Existenz vernichten, sich als Verlierer. Aber auch dieser Begriff ist problematisch. Man kann ja auch Lust an der Gewalt haben, wenn man erfolgreicher Student ist, Familienvater oder Multimillionär wie Osama bin Laden. Wenn man von Verlierern spricht, darf man es also nicht allein im Sinne des Sichtbaren, man muss es psychologisch meinen – Menschen, die sich wertlos fühlen, egal, was sie im Leben »gewinnen«: Status, Familie, Wohlstand. Damit wird indes der Begriff des Verlierers unscharf. Besser wäre vielleicht der Begriff des Verletzten.

Enzensberger hilft sich damit, dass er ganze Staaten und Völker als Kollektive von Verlierern erkennt, unabhängig vom Status des Einzelnen. So seien die Araber, die seit 400 Jahren keine eigene Erfindung hervorgebracht hätten, ein Kollektiv von Verlierern. Ebenso die Deutschen nach 1918. (Und die Männer, die ihre Vormachtstellung eingebüßt haben, sowieso.) Gewiss. Dennoch braucht man die psychologische Kategorie der Verletzung des Einzelnen, sonst lässt sich nicht erklären, warum nur eine Minderheit zur Gewalt greift und die Mehrheit nicht.

So wie Enzensberger die private Seite der Gewaltgenese unterschlägt, unterschätzt er auch die Rolle des Bewusstseins. Er denkt sich den Gewalttäter nur als Verlierer mit Überlegenheitsfiktion, einen Sadisten auf der Suche nach einem Sündenbock – niemals als einen, der auch leidet an seinem Mitgefühl für die Opfer der Gewalt anderer, der möglicherweise selbst ein Opfer ist. Enzensberger verliert kein Wort zur Gewalt der Besatzer arabischen Territoriums, die als Kontinuität kolonialer Gewalt erlebt wird. Das irritierend »Gute« im Bösen, und sei es nur eine Zutat von vielen, kommt bei Enzensberger nicht vor, nur als »Projektion« ohne eigene Ursächlichkeit. Kriminologen sprechen von einer »Böses-verursacht-Böses-Täuschung«. Denn natürlich kann das Böse auch aus dem Guten sich nähren, aus Empathie und Rechtsempfinden.

Enzensberger hat sich entschieden, das Böse aus dem Bösen, aus der individuellen Bitterkeit des Täters zu erklären – in Umkehrung des Gewaltverständnisses der siebziger Jahre. »Wenn aber sein Leben keinen Wert mehr hat, wie sollte ihn das Leben anderer kümmern?« Mit dieser rhetorischen Frage erledigt er das Empathieproblem – Rätsel in jedem Gerichtsverfahren, Rätsel auch des Holocaust. Des »Bösen« überhaupt. Es ist eben deshalb so schwer zu lösen, weil wir es in der Regel nicht mit »eiskalten« Psychopathen zu tun haben. Die meisten Täter gehen mit anderen Menschen als denen, die sie zu Opfern machen, liebevoll um, mitunter gar mit ihren Opfern selbst.

Vollends vereinfacht nun stellt Enzensberger die Entstehung von Gewaltbewegungen und Systemen dar. Wenn der radikale Verlierer auf eine Ideologie, eine Bewegung treffe, die ihm eine Heimat gebe, potenziere sich »die destruktive Energie, die in ihm steckt«. Richtig daran ist der Gedanke der Kontingenz: Die Ursachen der Verletzung des Einzelnen (etwa die Missachtung durch den Vater oder die eigene Arbeitslosigkeit) und die offiziellen Gründe einer radikalen Bewegung (»der Imperialismus des Westens«) müssen nichts miteinander zu tun haben.

Doch was den Weg von der Bitterkeit des Einzelnen zur Gewalt einer Bewegung angeht, kommt es bei Enzensberger zum Kurzschluss. Jeder Verlierer finde schon seine passende Ideologie und Bewegung. »Wie die Geschichte zeigt, hat es an solchen Angeboten nie gefehlt.« Nein, muss man entgegnen, es hat häufig an passenden Ideologien und Bewegungen gefehlt. Zum Glück. Verlierer und Verletzte gab es immer zuhauf. Doch die meisten blieben die meiste Zeit friedlich. Die Apokalypse geht keineswegs unmittelbar aus der Psyche des radikalen Verlierers hervor. Sie ist Ergebnis eines langes Prozesses, und meistens bricht der Prozess vorher ab. Man könnte sogar sagen: Die Geschichte ist eine Geschichte der Gewalt, die nie ausgeübt worden ist.

Enzensberger aber spricht von einem »chaotischen, undurchsichtigen Prozess«, in dem aus dem gewöhnlichen Verlierer der radikale, gewalttätige werde, der still auf seine Stunde warte. Er drückt in dem Moment auf den Auslöser, als der radikale Verlierer fix und fertig aus der Black Box seines »undurchsichtigen Prozesses« tritt und zuschlägt.

Das Spektakel der Medien reizt den Amokläufer zu seiner Tat

Der einzige Faktor, den Enzensberger, wie immer, gebührend wertet, sind die Medien. Amoklauf, Randale und Attentat besäßen einen viel höheren Anreiz, seit ihnen ein Spektakel ohnegleichen folge. Das ist treffend, aber nicht neu. Interessant wäre die Frage gewesen, ob »die Verhältnisse« immer mehr Verlierer produzieren, wie Enzensberger meint, oder der Anreiz eines nationalen oder globalen Medienechos nur aus Verlierern und Verletzten immer mehr Gewalttäter macht.

Und darin stecken Enzensbergers Grundfragen: Was ist vom kleinen Mann zu halten? (Warnung, Entwarnung, Warnung.) Und welche Rolle spielen dabei die Medien? (Eine große, sehr große, noch größere.) Mit 15 Jahren erlebte Enzensberger das Ende des Nationalsozialismus. 1957 beschrieb er in dem Gedicht An einen Mann in der Trambahn einen Jedermann, der jederzeit wieder zum SS-Schergen werden kann. »Und ich sehe den Mord in deinem / Aug, in der Trambahn, mir gegenüber«. Längst hat Enzensberger seine Beobachtung auf die Verlierer-Völker der ganzen Welt ausgedehnt.

Der neue Text, der in Kurzfassung im Spiegel erschien und in einer Langfassung nun als Suhrkamp-Sonderdruck vorliegt, ist letztlich vor allem als Sprechakt interessant. Der größte Intellektuelle des Landes erklärt uns eines der größten Probleme der Welt – weil sämtliche professionellen Erklärer, die Sozialwissenschaftler, daran gescheitert seien. Enzensberger schreibt: »Statt in tausend Gesichtern zu lesen, halten sich die Soziologen an ihre Statistiken.« Und: »Die Ursachenforschung verläuft im Sand.« Keiner blickt durch, außer ihm.

Was den Klarheitsrausch bei der Lektüre Enzensbergers auslöst, ist genau dies: das Gefühl, sich über Gewalt und Gewalterklärer gleichermaßen zu erheben. Mit Enzensberger gehören wir für einen Moment nicht mehr zu den radikalen Diskursverlierern, die nach jedem Amoklauf und Attentat einen kleinen Teil der Ohnmacht der Überlebenden nachempfinden müssen, schon weil keine Erklärung befriedigt. Jetzt haben wir verstanden, wir wissen endlich, was die Täter treibt. Enzensberger liefert ein eindrücklich formuliertes Psychogramm. Doch die diskursive Überlegenheit ist Fiktion. Die Erklärung der Gewalt aus Selbsthass und Gewaltlust ist an sich so erhellend, wie inmitten eines Sturms von starkem Wind zu reden. Die schwierigen – und interessanteren – Fragen lauten: Wie hat sich der Sturm gebildet? Warum hier und nicht woanders? Warum jetzt?

 
Leserkommentare
  1. 1. @colon

    Die aus Leere und Selbsthass resultierende Gewalt ist ein Erklärungsmuster unter mehreren - eines, das häufig unterschlagen wird, wenn vor dem Hintergrund "sinnloser" Gewalt immer noch nach "Motiven" (dabei Selbstarhaltungs-Rationalität unterstellend) oder "gesellschaftlichen Ursachen" (dabei den Kampf für eine gerechte Sache voraussetzend) gesucht wird. Von daher ist es gut, das HME dieses lange vernachlässigte Erklärungsmuster noch einmal in Erinnerung ruft.

    Ob man damit nun konkret islamistische Gewalt erklären kann, vermag ich nicht zu beurteilen. Dazu kenne ich mich wie wohl die meisten aus der westlichen Welt stammenden Menschen zu wenig mit den islamischen Ländern aus. Auch scheint mir die von Enzensberger herangezogene Charakterisierung eher auf den abendländisch-säkularisierten Täter zuzutreffen als auf Menschen, die immerhin überwiegend noch im Einklang mit ihrer Religion aufgewachsen sind.

    Aber wie verhält es sich mit anderen Deutungsversuchen: Religiöser Fanatismus? Kampf der Kulturen? Folgen ökonomischer Ausbeutung während und nach der Kolonialzeit? Ausdruck von Klassenkonflikten innerhalb der islamischen Gesellschaften? Ausdruck von Generationenkonflikten innerhalb der islamischen Gesellschaften? Auflehnung junger Männer gegen ein "drohendes" neues Rollenbild der Frau in den islamischen Gesellschaften? (Habe ich etwas vergessen?)

    Vielleicht von allem ein bisschen, aber auch diese herkömmlichen Erklärungen können kaum überzeugen. Von daher ist HMEs Perspektive zumindest eine Bereicherung.

  2. Eine zentrale These Enzensbergers ("Aussichten..."; inwieweit er sie jetzt verändert oder in Konzentration auf islamischen Terrorismus herausgenommen hat, weiß ich nicht), war die, dass etwas von der (selbst-)zerstörerischen Kraft auch bei uns zu finden ist. Nicht nur bei Jugendlichen in Pariser Vororten, rechtsradikalen Skinheads in Ostdeutschland oder Amokläufern, sondern beispielsweise auch bei Graffitisprayern, die über 100.000 mal ihr Symbol auf den Wänden ihrer Stadt verteilen, bei gesetzten Bürgern, die wegen eines unbedeutenden Nachbarschaftsstreit "notfalls bis vor den Europäischen Gerichtshof" ziehen wollen etc. etc.

    Allen gemeinsam ist, dass sie ihr eigenes Leben offenbar als leer betrachten, dass sie die Hoffnung und den Versuch aufgegeben haben, es mit Sinn zu füllen und nicht mehr bereit sind, für sich oder (etwas) andere(s) Verantwortung zu übernehmen. Bestenfalls der diffuse Wunsch, wahrgenommen zu werden (oder "es" irgendwem "zu zeigen"), dient noch als Antrieb. Oft entzündet sich die tatsächliche Gewalt dann an realen Missständen; aber im Gegensatz zu früheren Kämpfen geht es nicht mehr wirklich um deren Behebung, sondern diese Missstände dienen nur noch als willkommener Anlass, endlich die letzten Hemmnisse der Zivilisation abzuschütteln und sich ungebremst seinem (Selbst-)Hass hinzugeben.

    In diesem Zusammenhang ist übrigens Sebastian Haffners "Geschichte eines Deutschen" (1939) interessant. Er meint beobachtet zu haben, dass viele Deutsche in den Jahren 1924-29 die Chance, in geordneten politischen und wirtschaftlichen Verhältnissen ihr eigenes Leben zu gestalten, mutwillig ausschlugen. Die Aufregungen von Krieg, inneren Kämpfen und Hyperinflation waren ihr Lebenselexier geworden, und nun langweilten sie sich, anstatt ihrem je eigenen Leben einen erfüllenden Sinn zu verleihen.

  3. Man sollte Enzensberger halt nicht "wie die Bibel" lesen, sondern als eine unter vielen Deutungsalternativen der (als sinnlos empfundenen) Gewalt. Ich selbst habe seinen neuen Essay nicht gelesen, wohl aber "Aussichten auf den Bürgerkrieg" von 1993. Und für mich trug dieses in zwei Stunden zu lesende Werk deutlich mehr zum Verständnis der Gewalt bei als so ziemlich alles, was nach dem Elften September in allen Medien gewichtig zur Erklärung herangezogen wurde. Mehr auch als das kürzlich erschienene Buch "Hass" von Andre Glucksmann, dass m. E. zu bildungsbürgerlich die Anlehnung an einige klassisch-literarische Motive sucht und dann ohne Not den Untersuchungsgegenstand auf Antisemitismus, Antiamerikanismus und Frauenfeindlichkeit beschränkt.

    Enzensberger kritisiert die klassischen Erklärungsmuster (konservativ: der Werteverfall ist schuld; sozialdemokratisch: die Verhältnisse, nie die Täter, sind schuld). Er liefert eigene Erklärungsmuster: "Selbstlosigkeit" (im Sinne, dass es ihnen auf ihr eigenes Leben nicht ankommt), innere Leere, Enttäuschung über die nicht erfüllten Versprechungen der Moderne. Warum nicht auf dieser Basis weiter diskutieren?

    • Colon
    • 11.05.2006 um 15:35 Uhr

    Bravo, Herr Hillenkamp, Sie haben ihr Unbehagen an Enzensbergers modischer "Verlierer" - Analyse deutlich formuliert.

    Diese seltsame Leidenschaft, angeblich bisher ungenau, unpräzise und unbefriedigend beschriebene gesellschaftliche Probleme kurz essayistisch aufzugreifen und mit der Attitüde eines überlegenen Erkenntnisanspruchs abzuhandeln, ergreift in den letzten Jahren so manche Intellektuelle, die ehemals eher kritisch und durch Fragen geleitet solche Themen aufgriffen.

    Die Motive sind undeutlich, aber das Verfahren fast immer gleich. Soziologie, Psychologie und alle weiteren Gesellschaftswissenschaften liefern vorgeblich keine befriedigenden Erklärungen. Auch literarisch, wie fatal, sei zum jeweiligen Thema (z.B. Terror, Demografie, Migration, soziale Verwerfungen) nicht viel beigetragen worden, nun komme die, vom thesensüchtigen Publikum (Domäne des "Spiegel", seit geraumer Zeit) sehnlichst erwartete glaubwürdige, angemessen von Komplexität befreite, kurze und entschiedene Interpretation.

    Vielleicht ist es Überdruß oder Langeweile selbst differenzierter Geister an der Unterscheidung, vielleicht ist es die Fixierung selbst dieser "Aufgeklärten" an der Bilderflut und Bilderwut der Medien, vielleicht ein untergründiger Wunsch disparate und aufstörende Phänomene schnell unter eine Formel zu fassen und damit endlich wieder Fuß zu fassen in der allgemeinen öffentlichen Debatte? - Jedenfalls verdienen solche Vereinfachungstendenzen kritische Nachfragen.

    • Colon
    • 14.05.2006 um 22:46 Uhr

    ad Der Terrorist in uns allen MANNOMANN
    Ganz nahe am Kern, den wenn viele unterschiedliche Gewaltakte mit einer Formel erklärlich wären, bräuchten weder Enzensberger, noch Fanon, noch Haffner, dessen Buch tatsächlich von aussergewöhnlichen Einsichten geprägt ist, je zu schreiben. - Ich bin jedenfalls für klare Unterschiede, je nach Motivation und Situation.
    Ein jungeTerroristin mit Sprengstoffgürtel hat komplett andere Motive und eine sehr andere Situation, als z.B. die Terroristen der Organisation Consul in der Weimarer Republik.
    Deren Entscheidung für Gewalt unterscheidet sich wiederum grundsätzlich von den Formen, die viele Deutsche gegenüber Juden, Linken und Nachbarländern für angemessen und
    sogar für sich selbst als Ausführende, willige Täter, als akzeptabel, in Anspruch nahmen. - Wenn wir nicht unterscheiden, ändern wir nichts.
    Im Bezug auf den "islamistischen" Terrorismus gilt das natürlich auch. Daher bleibt die Enzensberger Formel von den"radikalen Verlierern", seltsam leer.

  4. Was, kein Töpfchen? Seltsam! Ach ja, es geht ja auch um weltweite Gewalt.

    Ich beglückwünsche Sven Hillenkamp zu seinem ausgewogenen Artikel. Er zeigt, dass Hans Magnus Enzensberger weniger der "größte Intellektuelle des Landes" ist, als viel mehr ein begnadeter Provokateur, der Leute wie Sven Hillenkamp zum Selber-Denken anregt.

    Die Textstelle, die mir die ergiebigste für weiterführende Überlegungen scheint, ist die, an der nach Ideologie und Bewegung gefragt wird. Alter Streit: wer hat das Primat? Ich denke, Enzensberger irrt (bewusst?), wenn er behauptet, das "Böse" (Definition?) fände zwangsläufig und unausweichlich seine Form. Das tut es nicht. So wenig, wie das "Gute" (Definition?) zwangsläufig und unausweichlich seine Form findet. In den meisten Fällen muss man beidem vielmehr ganz gewaltig auf die Sprünge helfen.

    Immer wieder ärgere ich mich z.B. über die Behauptung, der Neonazismus sei ein (rein) ostdeutsches Phänomen. Wer derartige Thesen propagiert, übersieht (absichtlich oder fahrlässig) zwei wesentliche Punkte: In der DDR hatte das Fremde wegen der "Insellage" des Landes in weiten Teilen der Bevölkerung weniger den Ruf des Bedrohlichen, als viel mehr den des exotisch-interessanten. Dabei gab es zwei Gruppen von Ausländern. Der einen gegenüber fühlte sich die Mehrheit haushoch-überlegen, der anderen gegenüber kultivierte man einen zurückhaltenden Neid. Drastisch geändert hat sich das mit der Asyl-Debatte der frühen 90-er Jahre. Damals wurde unter den unzufriedenen jungen "Proleten" der fünf neuen Länder eine Menge "Entwicklungshilfe" geleistet. Selbst das "richtige" Binden der Schnürsenkel hat man den ostdeutschen Nachwuchs-Nazis damals beibringen müssen. Von Strukturen, Hierarchien und Theorien ganz zu schweigen. Die Exotik ist jedenfalls seither weitgehend verschwunden. Geblieben sind nur die Neid- und die Überheblichkeitsgefühle. Sie sind wohl auch in der "neuen" Gesellschaft noch "up to date".

    Man kann den ostdeutschen Neonazis eine Menge vorwerfen. Vor allem, dass sie weder im Stande noch Willens sind, das selbständige Denken zu lernen. Dass es zum Aufspringen auf einen vorbeifahrenden Zug allerdings eines solchen bedarf, ist nicht ihre Schuld. So wenig, wie es ihre Schuld ist, dass die Gesellschaft sich oft aus ihrer Verantwortung stielt (und sei es -wie im Fall Enzensberger- dadurch, dass sie das Böse wie einen x-beliebigen maroden Staatsbetrieb privatisiert). Und wenn beispielsweise die Thüringer Landesregierung sämtliche Alternativprogramme ausschließlich noch mit Sonntagsreden fördert, dann tut sie das auch mit Blick auf "befreundete" Bundesländer westlich der ehemaligen Grenze. Toleranz ist eben noch immer eine Frage gemeinsamer Werte.

    Man darf sich eben auch nicht darauf verlassen, dass es im entscheidenden Moment tatsächlich an passenden Ideologien und Bewegungen fehlt. Wir alle wissen mittlerweile: Wo ein Bedarf diagnostiziert werden kann, wird in aller Regel auch ein Angebot unterbreitet. Und manchmal wird der Bedarf sogar extra geschaffen. Man kann diesen Umstand schulterzuckend zum Naturphänomen erklären und man kann versuchen, mit ihm umzugehen. Man kann beispielsweise eigene, bessere Angebote unterbreiten. Vorausgesetzt, man will überhaupt noch in das Klientel der potentiellen "Schreckens-Männer" investieren. Wenn man nur eine Ausrede für das eigene Nichtstun sucht, ist man bei Enzensberger vermutlich richtiger.

    Das Gute, dieser Satz steht fest, ist stets das Böse, das man lässt. Oder war es doch umgekehrt? Egal. Ich wünsche der Thüringer Landesregierung jedenfalls künftig etwas mehr Augenmaß und Weitsicht bei ihren Streichbemühungen. Und Hans Magnus Enzensberger wünsche ich viele solche Leser, wie Sven Hillenkamp einer ist.

    • Colon
    • 15.05.2006 um 1:52 Uhr

    Ich habe jetzt verstanden was Sie meinen. Nur, Enzensberger will in seinem neuen, Ihnen wie sie selbst anführen, unbekannten Essay, gerade nicht einen neuen Blickwinkel oder eine bestimmte, bisher unbeachtete Kategorie erläutern und beschränkt sich ausdrücklich nicht mit seinem Bild des "radikalen Verlierers" auf Europa oder den Westen. Aber Sie hatten es in Ihrem ersten Statement gesagt. Enzensberger ist nicht die "Bibel" und selbst wenn er biblische Texte schriebe, würden wir die Köpfe zusammenstecken, sie hin und her wenden und uns um Auslegungen streiten. Grüße.

    • Colon
    • 14.05.2006 um 18:24 Uhr

    Für Spiegel-Leser mag Enzensbergers knapper "Essay" ja ein epochales Werk des zeitgeistigen Diskurses sein und für den Autor spricht der Satz, dass "wer vieles sagt, manchmal etwas sagt". - Aber die These von den "radikalen Verlierern" ist nicht nur halbgar serviert, sondern auch, wie es bei Enzensberger gerne geschieht, ohne Namensnennung aus den Schriften Frantz Fanons abgekupfert. Das sind Trouvaillen der 60er Jahre. - Bei Fanon wird übrigens auch aufgezeigt, wie eine Besserung aussehen könnte.

    Eine Anfangsthese Enzensbergers ist natürlich völlig falsch. Er behauptet, persönliche Verliererakte hätten zugenommen.Zumindest für unsere Gesellschaft ist das nachweisbar genau umgekehrt, auch wenn die mediale Beachtung solcher Geschehnisse enorm gewachsen ist.

    Ganz persönlich fällt mir auf, wie sehr Enzensberger die ganz unterschiedlichen Motivationslagen
    und Leiderfahrungen, die in unterschiedlichen Gesellschaften und aus unterschiedlicher persönlicher Situation entstehen, verquickt, um eine elegante These zu produzieren. Das geht, mit Berechtigung, oder eher nicht, nur mit Abstand und Unkenntnis.
    Ob das zur Analyse, ausreicht, wage ich zu bezweifeln.

    Allerdings erwarte ich weder von der Literatur, noch von der Wissenschaft die Lösung der Probleme, sondern ganz bescheiden mehr Differenzierung und angemessene Vorschläge zur Besserung, die der Autor der "Freisprüche für Revolutionäre" in dem angesprochenen "Essay" leider nicht leistet.
    Er schreibt mit der Attitüde eines "Obergutachters", dessen Standpunkt höchstens einen kurzen und nicht zu heißen Sommer verträgt.

    Besonders "halbgar" ist, die Ursachen persönlicher Verzweiflungstaten mit den Motiven und Hintergründen ganz unterschiedlicher Terrorismen zu verquicken, nur um eine elegant vorgetragene Generalthese zu erzeugen. - Natürlich schafft Gewalt Macht und begründet politisches Handeln! Das galt für Algerien, wie für die US Bomben auf Bagdad, für die Intifada, wie für die abscheulichen Terrorbomben in London und zuletzt für die Brandnächte in Frankreich.

    Aber Gewalt schafft keinen neuen Raum für ein zufriedenstellendes Zusammenleben. Die Dauer ist, was "Selbstorganisation" verlangt und letztlich die Abkehr von der terroristischen Gewalt möglich macht. - Wir werden es im Falle Palästinas hoffentlich noch miterleben.

    Dem Spiegelautor in seinen Thesen von den radikalen Verlierern zu folgen, wäre für mich ein Erkenntnisrückschritt.

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