Draußen ist der Frühling, draußen ist Ursula von der Leyen, draußen ist das große Kinderkriegen und das Liebesversprechen und das Elterngeld und dieser ganze wunderbare Irrsinn. Draußen reden sie viel von Bürokratie, wenn sie Politiker sind, oder von Bugaboo-Kinderwagen, wenn sie prestigeträchtige Eltern sind. Sie reden von Kitas, von Status und Geld. Sie reden wenig von Gefühlen, aber dafür sind ja auch die Literaten da, die drinnen sitzen – gescheitelte, großäugige Wesen, die, das ist der Auftrag, das ist die Arbeitsteilung, etwas mehr vom Leben verstehen sollten als die anderen. Wenn Männer zu viel kuscheln: Steht am Ende der Emanzipation nun die Angst vor der Liebe? BILD

Und glaubt man denen, dann haben wir in Deutschland keine Kinderkrise, wir haben eine Liebeskrise. Vielleicht sogar eine Sexkrise.

Diese drei Schriftsteller zum Beispiel, Rabea Edel, Moritz von Uslar und Matthias Keidtel: Sie schreiben über Menschen, die jung sind und gebildet, die Geld haben und Zeit, die den Tagen zusehen, wie sie werden und welken, die mal Wagner hören und mal nicht, die auf dem Land leben oder in Berlin, die zwischen Mitte zwanzig und Mitte dreißig sind. Alle drei haben gerade ihren ersten Roman veröffentlicht, der von der Liebe handelt oder eben nicht – und das Fazit ist in allen drei Fällen vernichtend: Die Menschen in ihren Romanen sind gefangen in weiblichen Träumereien und männlichem Selbsthass.

Sie stolpern durch die Natur und die Stadt, durch ihr Leben und die Liebe

Da gibt es die schmerztrunkenen Schwestern in Rabea Edels Das Wasser, in dem wir schlafen, die so sehr aufeinander fixiert sind, dass der Mann, den sie beide zu lieben glauben, nicht mehr ist als ein Schatten, der schon längst auf ihren Gemütern ruht. Da gibt es den gegenwartsgehetzten Grübler in Moritz von Uslars Waldstein oder der Tod des Walter Gieseking am 6. Juni 2005 , der durch die Natur streift wie durch die Metropolen wie durch sein Leben, wach, leicht panisch und ohne wirklich etwas zu berühren. Da gibt es den Direktimport aus den fünfziger Jahren, dieses heinzerhardthafte Tantensöhnchen in Matthias Keidtels Ein Mann wie Holm, der mit solcher Biederkeit am Rad der Zeit dreht, dass nicht nur sein Leben, sondern gleich der ganze Roman zum Erliegen kommt.

Und so verschieden diese Bücher sind in Stil und Ort: Ihnen ist gemein, dass in guter deutscher Tradition die Figuren ihre Liebeswehen vor allem auf sich beziehen – dass ihr Leid fast schon so etwas ist wie der eigentliche Erfüllung der Liebe. Es ist eine hermetische, antisoziale Liebe, die hier beschworen wird, eine neuromantisch herangewehte Vorstellung, die den Liebesautismus feiert und den Narzissmus immer gern mit einer Todesnähe vereint, die es sonst nur noch bei dem üblichen verdächtigen Opernkomponisten gibt.

Das ist das eigentlich Merkwürdige an diesen Büchern: die Kindlichkeit, mit der hier die Liebe beschworen und geflohen wird, die Anleihen aus anderen Zeiten und einem Musterkatalog, als Männer noch Männer waren und Frauen noch nicht, der gesellschaftliche und emotionale Stillstand, der aus der Liebe einen jener zwielichtigen »Zwangsklemmangstpanikfinsterfallenräume« macht, vor denen Moritz von Uslars Held Walter Gieseking vergeblich flüchtet. »Das konnte doch kein Mensch aushalten. Liebe als letzte Lösung. Liebe, weil sonst überhaupt nichts mehr ging. Liebe war ja so was von over.«