Als der Indio Evo Morales jüngst seine Antrittsreise als Präsident Boliviens rund um den Globus im Ringelpulli absolvierte, zeigte sich das Heer der Diplomaten noch leicht amüsiert. Jetzt ist ihnen das Lachen vergangen. Der neue Präsident hat vergangene Woche 56 Gasförderanlagen ausländischer Konzerne im Lande vom Militär besetzen lassen. Und auf der größten Förderanlage verkündete der Staatschef mit Bauhelm und Soldaten-Eskorte: »Wir haben gerade erst begonnen.« Die Staatschefs Kirchner (Argentinien), Lula da Silva (Brasilien) und Chavez (Venezuela) BILD

Vielen Beobachtern erscheint dies als Beginn einer Entwicklung, die weit über Bolivien hinausreicht: Linke »Revolutionsgespenster« macht nicht nur die Neue Zürcher Zeitung aus. Experte Roger Maurer aus dem US-Pentagon beklagt, die »Revolution« in Bolivien könne »so weitreichende Konsequenzen haben wie die kubanische Revolution 1959«.

Tatsächlich ist in Lateinamerika eine Revolution der besonderen Art im Gange. Im vergangenen Herbst hat auf dem Kontinent ein einjähriger Marathon von 14 Wahlen begonnen – und ob Bolivien oder Chile, Brasilien oder Venezuela, der seit Jahrzehnten von Konservativen und Militärdiktatoren beherrschte Kontinent scheint plötzlich wie ein Dominospiel, bei dem alle Steine nach links fallen.

Mag die Konsequenz dieses Trends schon verblüffen, ist das Überraschendste am Linksruck Lateinamerikas jedoch sein Zeitpunkt. Nicht ein wirtschaftliches Desaster befördert die Umwälzungen – der Kontinent boomt. Kurz gesagt: Lateinamerika wird immer reicher und immer linker. Dieser Doppeltrend wirft Fragen auf: Nutzen die neuen Führer diese einmalige Chance für Investitionen in die Zukunft ihres Kontinents? Oder wird sie verspielt von Populisten, die auf Bohrinseln den Haudegen geben?

Lateinamerikas »Jojo-Ökonomien« wuchsen seit 1999 im Schnitt ein mageres Prozent pro Jahr, bis 2004 die Wende kam: Seitdem legen sie teils acht bis neun Prozent Wachstum vor, der Schnitt liegt bei gut fünf Prozent, so viel wie seit 25 Jahren nicht. Dem frisch entfachten Rohstoffhunger von China und Indien sei Dank. Ob Boliviens Gas oder Venezuelas Öl, ob Chiles Kupfer oder Brasiliens riesige Fleischberge – Rohstoffe aller Art sind weltweit gefragt wie nie. Und Lateinamerika boomt mit.

Aufbruchstimmung herrschte entsprechend im April auf dem Weltwirtschaftsforum für Lateinamerika in São Paulo, einem Ableger des jährlichen Treffens im Schweizer Davos. Augusto Lopez-Claros, Chefökonom des Forums, pries das window of opportunity, die einmalige Chance für den Kontinent. Ökonom John Williamson vom Institute for International Economics in Washington schwärmte von künftig sinkenden Zinsen und steigenden Kapitalzuflüssen, »die Richtung ist eindeutig positiv«. Doch droht die Euphorie der Ökonomen zu verpuffen?

Bereits Ende des Monats könnte die Stichwahl in Peru Evo Morales einen weiteren Vasallen bescheren: Die erste Runde um das Präsidentenamt ging an den Kandidaten Ollanta Humala, der verkündete, »wichtige Wirtschaftszweige« künftig staatlich zu dirigieren. Vieles deutet zugleich daraufhin, dass in Brasilien »Arbeiterpräsident« Lula erneut die Wahlen gewinnt und selbst der engste Freihandelspartner der USA – Mexiko – Anfang Juli vor einem Wechsel in linksnationaler Richtung steht. Die Wiederwahl von Venezuelas Linkspopulisten Hugo Chavez gilt ohnehin als ausgemacht. Soldaten bewachen eine Tankstelle in La Paz BILD