Ulrich Schleicher ist ein baumlanger Kerl, den nichts so leicht umwerfen kann. Doch als er anfing mit dem Job, da hatte er schon Muffensausen. Man stelle sich vor: 50000 Zuschauer im Stadion, Dutzende Kameras, Mikrofone, Sportreporter, deren Finger auf den Tasten der Laptops vibrieren. Dann ein Tritt, ein Schrei, ein Pfiff, Foul. Der Doktor muss aufs Feld. Jetzt muss er die Verletzung des Spielers sofort erkennen, behandeln – vielleicht sogar heilen. Was geht vor in diesen ein, zwei Minuten auf dem grünen Rasen, wenn das Spiel unterbrochen wird und der Auftritt des Arztes gekommen ist? "Man muss die Ruhe bewahren und das Richtige tun", sagt Schleicher. Acht Jahre ist er inzwischen Mannschaftsarzt bei Hertha BSC, heute deutlich abgeklärter als zu Beginn, ein Routinier der Rundlederheilkunst.

Das Richtige tun: schön formuliert. Aber genau das fragt man sich, wie das geht. Ein Spieler liegt und leidet, der Doktor rennt, ein Trick, ein Spray, ein Ruck am Fuß, schon kann der Mittelstürmer wieder stehen und seine Mannschaft zum Sieg schießen. Intensivmedizin in zwei Minuten.

Die Wahrheit ist, wie immer, komplexer. Die Wahrheit beginnt damit, dass sich der Fußballarzt an Regeln halten muss. Wenn er auf den Rasen will, "dann muss das der Schiedsrichter zulassen", sagt Thomas Pfeifer, Schleichers Kollege von Bayer Leverkusen. Tatsächlich seien die Mannschaftsmediziner noch vor fünf, sechs Jahren viel häufiger aufs Feld gerannt, mitunter habe sich der eine oder andere Spieler einfach eine ärztlich begleitete Erholungspause gegönnt, aber heute werde der Einsatz des Arztes vom Schiedsrichter strenger kontrolliert und nur noch bei echten Verletzungen erlaubt. "Es ist nicht so, dass wir einfach wild das Feld stürmen", sagt Pfeifer.

Irgendwann aber stürmen sie dann doch. Manche stürmen mit Arztkoffer, andere ohne. Zu den Nicht-Koffer-Stürmern gehört der Arzt des FC Bayern und der Nationalmannschaft, Hans-Wilhelm Müller-Wohlfahrt. Seit gut drei Jahrzehnten ist Müller-Wohlfahrt in der Branche dabei und trotz seiner mehr als 60 Jahre immer noch bekannt für seine pfeilschnellen Sprints aufs Feld. Es ist natürlich nicht so, dass er nur mit seinen Händen heilte. Der Masseur eilt ihm mit dem Koffer hinterher, während der Arzt selbst das Nötigste in den Taschen seiner Jacke trägt, "am Mann", wie er sagt – um noch schneller sein zu können. Zu seiner körpernahen Ausrüstung gehören das schmerzstillende Eisspray, Desinfektionsmittel, Pflaster und Riechstäbchen, getränkt mit Ammoniak. Der beißende Stoff lässt manchen benebelten Spieler wieder aus dem Dämmer erwachen.

Kleinere Wunden werden mit Metallklammern zugetackert

Früher kannte man Müller-Wohlfahrt in einem alten Bundeswehr-Parka. Die Vorzüge des Parkas, sagt er, hätten eben genau darin gelegen, dass er seine Utensilien in den vielen Taschen so gut habe verstauen können. Im Parka hat Müller-Wohlfahrt auch einen seiner berühmtesten Einsätze geleistet. Es war im DFB-Pokalfinale des Jahres 1982, als der Bayern-Mittelstürmer Dieter Hoeneß mit einem Gegenspieler zusammenstieß, sich an der Stirn verletzte und kräftig zu bluten begann. Müller-Wohlfahrt legte ihm einen Kopfverband an, Hoeneß köpfte mit dem Turban noch den Siegtreffer zum 4:2-Endstand, und obwohl der Fernsehkommentator schon Zeter und Mordio geschrien hatte, "war das eine ganz harmlose Geschichte", beteuert Müller-Wohlfahrt. Im Grunde eine banale, wenn auch stark blutende Kopfplatzwunde von 1,7 Zentimeter Länge, wie man sie von jedem Schuljungen kennt.

Dennoch ist fraglich, ob ein Spieler heute mit der gleichen Blessur zurück aufs Spielfeld dürfte. Die Schiedsrichter dulden – schuld sind HIV und Co. – schlicht keine blutenden Wunden auf dem Rasen mehr. In jedem ordentlichen Fußballarztkoffer sind daher Tamponaden und blutstillende Pflaster, Druckverbände – und Tacker. Die Klammerapparate sind recht beliebt unter den Fußballärzten. "Wenn man einen harten Spieler hat, kann man eine blutende Wunde einfach tackern", sagt Pfeifer. Klipp-klapp, das Metallklämmerchen bohrt sich durch die Haut, und zu ist die Wunde.