Es ist der schwärzeste Tag der Black Mamba. Auf der Probe zu ihrer Hochzeitsfeier fällt die schwangere Auftragsmörderin ihren garstigen Kollegen zum Opfer. Das Letzte, was sie sieht, ist die Mündung eines Revolvers. Schnitt, Szenenwechsel. Uma Thurman, alias Black Mamba oder auch The Bride, liegt komatös auf einer Intensivstation. Ihr Körper ist makellos, ihre Augen sind sanft geschlossen, kein Beatmungsschlauch verunstaltet ihr Gesicht, keine Ernährungssonde führt durch Nase oder Bauchdecke.

Jenseits von Killerkomödien wie Kill Bill, in der Realität neurologischer Intensivstationen, präsentiert sich das Koma leider nie so malerisch. Wie sehr Wirklichkeit und Film sich unterscheiden, untersuchten Forscher gleich in zwei Arbeiten. David Casarett, Mediziner aus Philadelphia, ging im British Medical Journal der Frage nach, ob die Prognose des Komas in Seifenopern mit der Realität übereinstimmt (die Patienten überleben im Film signifikant häufiger). Und der Neurologe Eelco F. M. Wijdicks untersuchte den Wahrheitsgehalt der Koma-Darstellung im zeitgenössischen Kino in der aktuellen Ausgabe der Zeitschrift Neurology. Nur in zwei von 30 Filmen, folgerte der Arzt von der Mayo Clinic im US-amerikanischen Rochester (Minnesota), sei der Bewusstseinsverlust wenigstens halbwegs richtig getroffen worden. Die verzerrten Darstellungen in Film und Fernsehen würden sich in unrealistischen Erwartungen von Angehörigen und der öffentlichen Meinung niederschlagen. Die Aussichten realer Patienten, wie der zwangsernährten Terri Shiavo, würden zu optimistisch eingeschätzt. Aufklärung sei dringend geboten.

Vier Jahre dauert das Koma der Black Mamba, noch immer liegt sie auf der Intensivstation, leicht verschwitzt, aber ansonsten schön wie Schneewittchen. Da sirrt ein Moskito durch den Raum und bohrt seinen Rüssel in die zarte Haut der Patientin. Dieser Reiz genügt, um die schlafende Schönheit schreiend aufschrecken zu lassen. Sofort rasen der Braut die letzten Details ihrer vermeintlichen Hinrichtung durch den Kopf. Die Mamba sinnt auf Rache. Noch sind ihre Beine geschwächt, dafür funktionieren die Arme umso besser. Bereits wenige Minuten nach dem Erweckungserlebnis hat sie zwei Männer getötet und sich mit einem Rollstuhl zu einem quietschgelben Truck bugsiert. Dort bringt sie ihre Gliedmaßen mit Beharrlichkeit und gutem Zureden wieder in Schwung.

Das Koma-Sujet ist verlockend für Drehbuchschreiber. Vorübergehend fällt der Betroffene aus Raum und Zeit, was allerlei überraschende Zeitsprungeffekte ermöglicht. Die Koma-Patienten "verschlafen" wie im Parkinson-Drama Awakenings Jahrzehnte, sie verpassen historische Ereignisse wie den Fall der Mauer in Good Bye Lenin!, und wenn sie dann wieder wie in Kill Bill aus dem Nichts auftauchen, sind alle verblüfft.

Nur leider sind echte Koma-Opfer nach dem Aufwachen nie so wach. Nach so langer Bewusstlosigkeit würden die medizinischen Experten auch verkrampfte Extremitäten erwarten, Muskelschwund oder einen Spalt im Hals, über die der Patient beatmet wird. Auch sind reale Koma-Patienten meistens desorientiert und antriebsarm. Ihr Kurzzeitgedächtnis funktioniert nicht mehr richtig. Undenkbar, dass so jemand gleich nach dem Erwachen auf einen Rachefeldzug geht.

Zugegeben, Kill Bill ist ein besonders surreales Werk. Aber auch das deutsche Good-Bye Lenin, scheinbar realistischer, verbreitet Blödsinn. Eine glühende sozialistische Aktivistin erleidet noch in der DDR einen Herzinfarkt, sinkt zu Boden und wird zu spät wiederbelebt. Ihr ungenügend durchblutetes Hirn aber bleibt abgeschaltet. Erst nach acht Monaten wacht die Aktivistin im Nachwende-Deutschland wieder auf. Kaum 90 Sekunden wach, stellt sie ihrem Sohn schon bohrende Nachfragen über die genauen Umstände ihrer Ohnmacht.

Auch das können Experten kaum glauben. Tatsächlich erleiden Menschen nach Einschätzung des Vorsitzenden der Deutschen Gesellschaft für Neurorehabilitation, Eberhard Koenig, häufiger einen Hirnschaden durch Herzinfarkte und Schlaganfälle als durch Verkehrsunfälle oder Schussverletzungen – "obwohl uns genaue Zahlen darüber fehlen". Besonders nach diffusen Hirnschäden, wie nach einer generellen Minderdurchblutung im Hirn bei einem Herzinfarkt, sei das Gedächtnis häufig getrübt, sagt Koenig. "Wir hatten mal einen Patienten, der fand zwar nicht wieder auf die Station zurück, konnte sich aber ohne Hilfe nach Hause durchschlagen."