Neben Beatrix Altmeyer kommt man sich selbst frisch geduscht immer noch ungepflegt vor. Die junge Frau hat die sehr reine, sehr helle Haut von Menschen, die niemals rauchten und täglich mindestens fünf Liter stilles Wasser trinken. Sie verströmt einen leichten Veilchenduft. Ich sitze ein wenig unsicher in einem der weißen Stühle an ihrem Maniküretisch im Berliner KaDeWe. Erstmals in meinem Leben habe ich beschlossen, meine Hände einer Maniküre zu unterziehen. Und das kam so: Bis vor kurzem war eine professionelle Nagelbehandlung etwa so angesehen wie ein Sonnenstudiobesuch. Aber jetzt machen überall Nagelstudios auf. Es scheint, als sei die Zeit, in der Frauen lange Nägel höchstens zum Fasching trugen, vorbei. Von einem Wachstum um 40 Prozent in Europa sprechen führende Hersteller von Nagelprodukten, wie die European Nail Factory mit Sitz im rheinland-pfälzischen Dieblich. Die Firma Alessandro International, für die Beatrix Altmeyer arbeitet, vermeldete im letzten Geschäftsjahr 2005 knapp 30 Millionen Euro Umsatz. Insgesamt beläuft sich die Zahl der deutschen Nagelstudios auf 15.000, von denen Alessandro 3000 beliefert. Geschäftsführerin Silvia Troska schätzt, dass sich der deutsche Markt in diesem Jahr noch einmal um die Hälfte vergrößern wird. BILD

Was in Thailand bereits am Flughafen zu haben ist und in den USA zum Standard-Look gehört, beginnt sich jetzt vor allem in den Berliner Bezirken Prenzlauer Berg, Friedrichshain oder Kreuzberg zu etablieren. Dort finden sich jetzt die Filialen von American Nails oder nails&more. Vier Studios sind allein seit Jahresbeginn in einem Radius von 100 Metern rund um den S-Bahnhof Schönhauser Allee entstanden. Vor allem kindlich aussehende vietnamesische Frauen kürzen, feilen und verlängern hier die Nägel ihrer Kundinnen. Und es ist immer voll.

»Mittlerweile gehören gepflegte Hände, wie das Haarwaschen, wieder mit zum guten Ton«, meint Beatrix Altmeyer in ihrem Laden im KaDeWe. Nicht der grelle, auffallende Look, sondern ein gepflegtes natürliches Styling sei heute gefragt. »French Style« nennt sich das dann: weiße, eckige Nagelspitzen und ein klarer Lack.

Sie wolle es sich »einmal richtig gut gehen lassen«, sagt die Kundin neben mir, sie heißt Mandy Heyder, ist etwa Mitte dreißig, dezent gekleidet im grauen Anzug. Dafür bezahle sie gern mehr als 60 Euro pro Sitzung. In den Studios am Prenzlauer Berg sind viele der Kundinnen arbeitslos, sie gönnen sich das Feilen am eigenen Nagel trotzdem. Vielleicht auch, um sich davon abzulenken, dass sich die wirklich wichtigen Dinge, Gesundheit zum Beispiel, in Zukunft nicht jeder wird leisten können. Gepflegte Nägel hingegen schon eher. Vielleicht ist der Aufschwung der Nagelstudios überhaupt ein Krisenphänomen. Wer dorthin geht, kann sich schon ab 20 Euro jene Aufmerksamkeit erkaufen, die der Hausarzt längst nicht mehr für einen Patienten aufwenden kann. Wer sich zum Beispiel auf einem der Behandlungsstühle von Beatrix Altmeyer niederlässt, macht die Erfahrung, dass für die Dauer von zwei Stunden alle Aufmerksamkeit auf ihm allein ruht.

Während behandschuhte Hände meine Nägel mit einer rosa Nagelfeile bearbeiten, verschwindet das kindliche Trauma, dass die Mutter beim Nagelkürzen plötzlich den Finger abschneiden könnte. Ganz leicht schwimmen meine Hände im schaumigen Nagelbad, das ein wenig nach Pfefferminz duftet. Nägel nie mit der Schere schneiden, lerne ich, und zum Schluss sogar noch etwas über mich. »Sie sind«, sagt Frau Altmeyer, während sie an mir feilt, »ein sehr sensibler Mensch mit weichen, leicht brüchigen Nägeln.«