Wenn es in München blitzt und kracht, so weiß Stefan Hess zu erzählen, wenn es in Salzburg schon heftig bläst und sich in Wien die Straßencafés leeren, »dann scheint hier am See die Sonne. Und es weht ein lässiger Südwind.« Er ist fast dreimal so groß wie der Chiemsee. Doch sein üppiger Schilfgürtel lässt den Neusiedler See viel kleiner erscheinen BILD

Wenn Hess »lässig« sagt, bei 24 Grad im Schatten drunten am Wasser, Mole West in Neusiedl, schick beim kleinen Braunen oder einer Melange, entspannt man sich gleich ein wenig. Quakenten, Raschelschilf, Fastnackte am Strand, da staunt der Norddeutsche (Hamburg Regen, 8 Grad). Und beneidet den österreichischen Jugendnationaltrainer der Segler, weil er athletisch ist und sonnenbraun. Dabei kommt ein bisschen Bräune, wie er sagt, auch von den ungarischen Genen. Das Burgenland war ja bis 1921 ungarisch. Und man wäre gern ebenso lässig wie Hess und sein Südwind. Schwer ist es allerdings für den Segelamateur, diese Haltung einzunehmen, wenn er festsitzt. Denn gar zu lässig ist der Wind: Es ist windstill. Wir können nicht segeln.

Komisch genug, in Österreich übers Segeln zu plaudern. Als Nichtösterreicher käme man ja nicht drauf, dass dies eine Seglernation ist. Vier Gründe dafür sind auszumachen: erstens Bodensee, zweitens Neusiedler See, drittens ist man in fünf Stunden an der Adria. Und viertens Andreas Geritzer. Als der 2004 in Athen auf einem kleinen Bötchen der Laser-Klasse olympisches Silber gewonnen hat, ging ein Ruck durch die Nation. Auf einmal stand in Neusiedl am See ein piekfeines »Segelkompetenzzentrum« von segelförmigem Grundriss, wo jetzt die nationale Elite gedrillt wird. Die Clubs freuen sich über mittlerweile 20000 Mitglieder. Und obendrein finden am Neusiedler See bis zum 20. Mai die World Sailing Games statt, die Segler-WM zwischen den Olympischen Spielen. 80000 Besucher werden erwartet, Segler aus 60 Nationen. Mehr Gesegel war hier nie.

Die schlammige Farbe des Sees erinnert an gelbe Erbsensuppe

Treue Fans des Sees werden jetzt seufzen. Wofür musste die Badewanne Wiens nicht alles herhalten! Mit der Erfindung des Sommerurlaubs setzte nach dem Krieg der deutsche Wein-und-Schnitzel-Tourismus ein. Hier fand er Zigeunermusik, Steckerlfisch und eine Ahnung von Puszta, immerhin ist der südliche Teil des Sees ungarisch. Und ach: Schloss Esterhazy in Eisenstadt! Operettenfestivals am Wasser! Lange Zeit war die Region das Anbaugebiet für die seinerzeit beliebten Billigsüßweine. Dann kam der Glykolskandal mit dem schockbedingten Geschmackswandel von süß nach trocken. Plötzlich war hier Qualitätsweinanbaugebiet. Aber auch ein Mekka der Naturschützer und Vogelgucker. Schließlich Edelgastronomie, Ökotourismus und Radlerparadies. Und jetzt das noch: Segler-Eldorado!

Zum Segeln, das leuchtet auch Laien ein, braucht es zweierlei: Wasser und Wind. Wind ist, auch wenn der Augenschein drei Tage lang dagegen spricht, fast immer da. Dafür spricht schon der große Windpark gleich im Norden an der Autobahn nach Budapest. Aber Wasser? Eine heikle Sache. Zwar ist der Neusiedler See fast dreimal so groß wie der Chiemsee, doch er fühlt sich kleiner an. Das liegt am Schilfgürtel, der ihn so ausufernd umschließt, dass man sich drin verirren kann. Stefan Hess trieb mal mit einem gebrochenen Ruder hinein und fand nicht wieder raus und glaubte, sein letztes Stündlein hätte geschlagen. Der Gürtel wächst, und vielleicht ist der See irgendwann verschwunden.

Oder er trocknet aus. Der Neusiedler See ist tellerflach, sodass man überall stehen kann, und hat keine ernst zu nehmenden Zuflüsse. Im Juni gibt es vom Weinstädtchen Rust aus ein traditionelles Seedurchwandern. Vor 150 Jahren war er sogar mal komplett ausgetrocknet, die Bauern begannen sich über die Verteilung des Neulands zu streiten. Dann hat es wieder geregnet. Die letzten Jahre sackte der Wasserstand regelmäßig unter die Mindestmarke der Besegelbarkeit. Kommt ein paar Tage Wind aus derselben Richtung dazu, steht das Wasser auf einmal im Süden, in Ungarn auf den Strandwiesen, während man in Neusiedl auf Schlamm blickt. Seit Jahren schon streiten sich Fischer, Bauern, Wassersportler und Tourismusleute mit den Naturschützern, wie man den See berechenbarer machen könnte. Die Idee: Wir legen eine Pipeline zur Donau und sichern so den Wasserstand. Doch das würde die Seeflora und -fauna verändern. Darum sind Grüne und Naturschützer dagegen.