Computer Einer gegen Google
Nach seiner Schulzeit in Lüneburg machte er Microsoft Konkurrenz und wurde zum Multimillionär. Jetzt will Marco Börries der Internet-Firma Yahoo zum Sieg über den Rivalen Google verhelfen – mit einer Software, die das Handy zum Universalcomputer macht
Tom kommt. Um halb elf soll er in der Cafeteria erscheinen, dem Café URL’s. Alle sind aufgeregt bei Yahoo. In Schlangen stehen sie an, lange bevor Tom Cruise eingetroffen ist, an diesem wolkenverhangenen Tag, der die Frage aufwirft, womit der kalifornische Ort Sunnyvale seinen Namen verdient hat. Später wird man lesen, dass Cruise mit dem Motorrad vom Flughafen herbeigesaust kam, um sich mit dem Yahoo-Chef Terry Semel im Armdrücken zu messen.
Marco Börries hat davon nichts mitbekommen. Er war zu beschäftigt; keine Zeit, in der Cafeteria vorbeizuschauen, nicht mal zum Mittagessen. »Ich bin nicht der größte Tom-Cruise-Fan unter der Sonne«, sagt Börries, während er an einem Energieriegel knabbert – sein Ersatzmittagessen. Dass Semel als ehemaliger Boss des Hollywood-Studios Warner Bros. Kontakte in die Glamour-Welt hat, sei »ein angenehmer Nebeneffekt bei Yahoo«, findet er. »Dadurch kann man vielleicht ein paar Sachen machen, die ein bisschen außergewöhnlicher sind.«
Aber viel mehr interessiert ihn, den lebenslangen Computermann, dass Yahoo heute schon 450 Millionen registrierte Nutzer hat – mehr als irgendein anderer Internet-Dienst auf der Welt. »Was mein Herz höher schlagen lässt«, sagt er, »ist das Potenzial, dass wir wahrscheinlich die Ersten sein werden, die eine Milliarde Nutzer haben, die wir connecten können. Das ist etwas, was mich begeistert.«
»Connecten« soll heißen: Menschen jederzeit und überall mit den Informationen verbinden, die ihnen wichtig sind – ihre E-Mail zum Beispiel, aber auch Bilder, Musik, Videos, Dokumente. Eben alles, was der moderne Mensch auf seinem Computer sammelt und was zusammengenommen eine Art digitales Abbild seines Lebens ergibt. Deshalb trägt die Abteilung, die Börries leitet, den Namen Connected Life Division. Es gibt sie erst, seit Börries vor ein paar Monaten zu Yahoo gestoßen ist, um dabei zu helfen, verlorenen Boden gegenüber dem Konkurrenten Google gutzumachen.
Der 37-jährige Ex-Amateurradrennfahrer ist geübt darin, das Feld von hinten aufzurollen: Die längste Zeit seines Lebens verbrachte er damit, Microsoft Marktanteile abzujagen – mit schlichter Textverarbeitung, später mit dem Büro-Software-Paket Star Office, aus dem Open Office wurde, der ernsthafteste Konkurrent von Microsoft Office.
Die Geschichte beginnt mit einem Schüleraustausch, der 1984 den Gymnasiasten Marco Börries aus dem niedersächsischen Städtchen Lüneburg ins kalifornische Palo Alto führt. Dort lebt er ein Jahr lang mitten im Silicon Valley und wird vom Computervirus infiziert. Er sieht, wie um ihn herum junge Menschen junge Firmen großziehen und denkt sich: Das kann ich auch! Nur mit Mühe gelingt es den Eltern, den Sohn nach Lüneburg zurückzulocken. Sie müssen ihm versprechen, dass er sein Konfirmationsgeld – 2000 Mark – dafür verwenden darf, seinen Traum in die Tat umzusetzen. Der 16-Jährige heuert einen befreundeten Programmierer an, um Star Writer zu entwickeln – eine Textverarbeitung, die beinahe so viel kann wie die etablierten Konkurrenten, aber nur einen Bruchteil kostet. »Was heute kaum noch einer weiß: Word hat in Deutschland mal 1500 Mark gekostet – mit der Begründung, dass die Übersetzungskosten so hoch sind«, sagt Börries und lacht. Er wusste: Nicht die Kosten sind hoch, sondern die Gewinnspannen, denn in den USA hatte er Word für die Hälfte gesehen. Er überlegte sich: »Was brauchen die Leute und zu welchem Preis, damit sie es kaufen und nicht raubkopieren. So haben wir angefangen, so sind wir groß geworden.«
Das Leben als Frühpensionär platzte mit der Internet-Blase
Er sagt immer noch »wir«, obwohl er, streng genommen, seit Jahren mit alledem nichts mehr zu tun hat. Anfang August 1999, vier Tage nach seinem 31. Geburtstag, verkaufte der Unternehmer Marco Börries seine Firma Star Division an den Großcomputer-Hersteller Sun und wurde über Nacht zum Multimillionär und Angestellten. Knapp zwei Jahre lang half er Sun, aus Star Office das kostenlose Büropaket Open Office zu machen – eine populäre Software, die bis heute von ehemaligen Star-Division-Programmierern in Hamburg weiterentwickelt wird (unterstützt von Freiwilligen, die sich aus Idealismus an dem Open-Source-Projekt beteiligen). Dann stieg Börries aus. »Ich war an einem Punkt, an dem ein Abschnitt zu Ende war«, sagt er. »Ich wollte mehr Zeit für mich und meine Familie haben.«
Es fällt schwer, sich diesen immer durch den Tag eilenden Mann vorzustellen, wie er daheim auf der Couch liegt und faulenzt – trotz der Beteuerung: »Ich kann abschalten, ich döse auch gern.« Wie zum Beweis erzählt er, dass er gerade im Urlaub war, eine Woche in der Karibik, mit seiner Frau Andrea und den drei Kindern. »Das Handy war dabei. War aus«, sagt er triumphierend. »Ich hab’ kein Problem damit.«
Das mit dem Herumsitzen zu Hause in Los Altos Hills, wo Familie Börries seit 1998 wohnt, ging trotzdem nicht lange gut. Papas Leben als Frühpensionär fiel zusammen mit dem Platzen der Internet-Blase. »Viele gute Leute kamen auf den Markt«, erinnert sich Börries, und passenderweise hatte er gerade eine neue Idee: die von Connected Life. Dahinter steckt der Gedanke, dass die meisten Menschen inzwischen mehr als nur ein Gerät benutzen, um sich durch den digitalen Alltag zu kämpfen: Man schreibt seine E-Mail auf dem PC, verschickt Textnachrichten vom Mobiltelefon, verwaltet Adressen hier wie da, besitzt zusätzlich noch einen Laptop und vielleicht einen Organizer wie den Palm Pilot – nur um festzustellen, dass man die Dokumente und Informationen, die man braucht, oft genug doch nicht dabeihat.
Dazu kommt das Problem mit dem Ordnunghalten: Die Daten auf den unterschiedlichen Geräten zu koordinieren, sie zu »synchronisieren«, ist oft ein kompliziertes Unterfangen, das Zeit und Nerven kostet. »Heute mit zwei Telefonen zu leben ist ein Riesenaufstand«, seufzt Börries. »Mit zwei PCs zu leben ist der Tod.«
Muss ja nicht sein, sagte sich der Lüneburger im Silicon Valley, dessen Bankkonto durch den Star-Division-Verkauf üppig genug gefüllt war, um seine neue Firma Verdisoft mit 20 Millionen Dollar aus eigener Tasche zu finanzieren. Seinen Programmierern diesseits und jenseits des Atlantiks gab er den Auftrag, alles so einfach zu machen wie beim iPod, Apples Musikspieler, der längst auch Adressen verwalten sowie Fotos und Videos anzeigen kann. »Ich habe jeden iPod gehabt, vom ersten bis zum neuesten, und meine Einstellungen sind immer da«, schwärmt Börries. Wie das technisch funktioniert, »darüber muss ich mir gar keine Gedanken machen«.
Verdisoft stand eigentlich nicht zum Verkauf, aber als die Software fertig war, zeigte sich, dass alle, mit denen Börries sprach, »die Technik besitzen wollten, statt sie zu lizensieren«. So sitzt er nun seit Monaten zum zweiten Mal als Angestellter in einem typischen Silicon-Valley-Großraumbüro: vierter Stock, hinten links, kein eigener Raum, aber immerhin Fensterblick.
Der auf der Verdisoft-Technik basierende Service macht alles, was Yahoo-Nutzer vom PC kennen, übers Handy erreichbar: E-Mail, Chat, Adressbuch, Fotos, Nachrichten, Wetter – alles mit den persönlichen Einstellungen, die automatisch übernommen werden, wenn man zum ersten Mal »Yahoo Go« aufruft. Börries’ Software sorgt dafür, dass neue E-Mail-Nachrichten, die in der Yahoo-Mailbox eingehen, automatisch an das Handy weitergeschickt werden – ein ähnlicher Effekt wie beim beliebten Blackberry. Adressen, die man auf dem Telefon eingibt, tauchen später genauso auf dem PC auf. Fotos, die mobil geknipst werden, lassen sich mit einem Knopfdruck auf die persönliche Website stellen. »Ausgesprochen praktisch«, lobt Charles Golvin, Mobilfunk-Experte der Unternehmensberatung Forrester Research. »Yahoo Go ist recht leistungsfähig, alles passiert automatisch, ohne dass man sich darum kümmern muss.«
Allerdings erfordert der Service nicht nur eine schnelle mobile Internet-Verbindung, sondern auch ein spezielles Handy – bisher läuft die Software nur auf bestimmten Nokia-Modellen. »Das schränkt die Reichweite deutlich ein«, sagt Golvin. Google setzt mit seinem Mobildienst auf eine simplere Lösung: Wer von unterwegs zum Beispiel »Gmail-Nachrichten« abrufen will, wählt sich über den Handy-Browser bei Google ein. Das funktioniert ohne Spezial-Software auf jedem Mobiltelefon, das einen Internet-Zugang besitzt. »Es gibt eine Milliarde solcher Telefone auf der Welt«, sagt Deep Nishar, Produktchef für Google Mobile, »und alle können problemlos auf Googles Internet-Dienste zugreifen.« Der Nachteil dieses einfacheren, offenen Systems ist, dass das Handy nicht automatisch benachrichtigt werden kann, wenn eine neue E-Mail eintrifft.
Mit dem Mobiltelefon geht es bald ganz selbstverständlich ins Internet
Die nächste Version von Yahoo Go ist in Arbeit, denn in allem, was sich jenseits des PC-Browsers tut, sieht die Firma die Zukunft. Dazu gehört das Wohnzimmer, das Börries mit einem Software-Angebot für »Multimedia-PCs« erobern will, mehr noch aber das Mobiltelefon. »Die Rechnung ist ganz einfach«, sagt er. »Es gibt eine Milliarde PCs auf der Welt, aber jetzt schon zwei Milliarden Handys.« In manchen Ländern sei zu erwarten, dass die Menschen überhaupt nie per PC ins Internet gehen, sondern von Anfang an über ihre Mobiltelefone, die sich mehr und mehr in tragbare Minicomputer verwandeln. »Das Potenzial ist langfristig gigantisch«, schwärmt Börries, auch zum Geldverdienen: Google hat vorgemacht, wie sich mit Anzeigen, die neben Suchergebnissen aufgelistet werden, Milliarden scheffeln lassen. Ähnlich soll das auch mobil funktionieren, wenn jemand nach einem Restaurant oder der nächstgelegenen Tankstelle sucht. Zahlen soll immer der Händler, dem Yahoo, Google & Co. die Kunden in die Arme treiben – die Dienste selbst sollen kostenlos bleiben.
Mit seinen Plänen will der Mann aus der Lüneburger Heide seinen neuen Arbeitgeber an die Spitze schießen – auch hierzulande, wo Yahoo mit 5,4 Millionen Suchmaschinen-Nutzern weit hinter Google und Microsoft liegt. »Unser Ziel ist es, mit Yahoo Go der führende Mobildienst-Anbieter in Deutschland zu werden«, sagt er. »Diese Führungsposition weiten wir dann auf ganz Europa aus.«
Er hat es sich genau überlegt. Börries will nach ganz vorn. Er müsste nicht mehr arbeiten, er hat längst bewiesen, dass ein Junge aus Deutschland im weltweiten Computergeschäft mitmischen kann. Aber dabeisein ist für ihn nicht alles. »Meine Motivation«, sagt Börries, »ist ja nicht, etwas zu machen, wo ich dann unter ›ferner liefen‹ ankomme. Ich will auch erfolgreich sein.«
- Datum 13.11.2006 - 03:04 Uhr
- Quelle DIE ZEIT, 11.05.2006
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Daß seine Firma Yahoo aus reiner Geldgier an der Unterdrückung eines Teils der Menschen, die Börries zu erreichen ja so toll findet, mittels Zensur und Weitergabe von Emaildaten an die chinesische Polizei fleißig mitwirkt und dadurch bereits etliche Dissidenten und Journalisten von dort für viele Jahre ins Gefängnis gebracht hat, ist dem smarten Jungunternehmer anscheinend gleichgültig. Andere Yahoo-Mitarbeiter können dagegen wenigstens glaubhaft anführen, das sie auf das Geld angewiesen sind.
Der Zeit-Journalist hat das Thema aber wohl auch nicht für wichtig gehalten und gar nicht nach sowas gefragt.
Schließlich war der Auftrag ja "Portrait cooler Unternehmer und Info über ein neues fun-gimmick für das Taschentelefon"
Für hehre Worte zu Menschenrechten muß halt der Platz in den Leitartikeln reichen. Lieber noch ein bißchen Zeilen damit verbraten zu prahlen, daß man beinahe Tom Cruise gesehen hätte.
Dabei wäre das Thema hier durchaus relevant gewesen: wer, der noch ganz bei Groschen ist, gibt denn einer Firma wie yahoo, die schon gezeigt hat, daß man sich auf Vertraulichkeit nicht verlassen kann und ggf. von ihr im Wortsinn ans Messer geliefert wird, Zugriff auf seine ganzen persönlichen oder sogar Firmendaten? Das wird von vielen doch schon bei blackberry und google für problematisch gehalten, und die haben nicht soviel Dreck am Stecken.
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