Politisches Buch Der Club der Erasmier
In seinem neuen Buch zeichnet Ralf Dahrendorf das Porträt einer Generation von Intellektuellen, die den Anfechtungen des Totalitären widerstanden
Als liberaler Vordenker scheint Ralf Dahrendorf bedauerlicherweise nur noch eine altmodische Figur darzustellen. Denn die – so der Titel eines Buches von Udo di Fabio – droht zu einer faden neokonservativen Mixtur aus Deregulierungslitaneien und Bellizismen gegen das Böse in der Welt zusammenzuschmelzen.
Vielleicht erklärt dies, warum der soziologische Nestor in seinem neuen Buch nicht mehr die aktuelle Tauglichkeit liberaler Begriffe, sondern die Haltung ihrer intellektuellen Protagonisten vor totalitären Gefahren überprüft. Gegen die intellektuellen Mitläufer und Opportunisten, die einst der totalitären Versuchung nicht widerstanden, gründet Dahrendorf einen fiktiven »Club der Erasmier«, den er mit weitgehend immun gebliebenen Intellektuellen aus der »Sozialisationskohorte« der zwischen 1900 und 1910 Geborenen bestückt. Die Rede ist von Geistesgrößen wie Isaiah Berlin, Raymond Aron oder Karl Popper, die, von ähnlichen Erfahrungen geprägt, nicht zu einem neuen Glauben konvertierten und die intellektuelle Freiheit als Preis für das »Brot der Millionen« opferten.
Als Ahnherr des »Clubs« entdeckt Dahrendorf den Philosophen Erasmus von Rotterdam, über den es heißt, er habe das reformatorische Ei gelegt, das Luther sodann ausbrütete. Als der Schweizer Mitstreiter Ulrich von Hutten dem in den Niederlanden fremd gewordenen Querdenker Mangel an öffentlichem Engagement für die neue Sache vorhielt, machte Erasmus aus seiner Reserve keinen Hehl: »Ich liebe die Freiheit, und ich will nicht und kann nicht irgendeiner Partei dienen.« Jenes Bekenntnis gerät so recht nach dem Geschmack des Lords und Mitglieds im britischen Oberhaus, der sich auf hiesigen Podien häufig genug die törichte Frage gefallen lassen musste, ob er noch ein halber FDPler oder ganzer Deutscher sei.
Mit Widersprüchen und Konflikten zu leben, sich als engagierter Beobachter nicht vereinnahmen zu lassen und leidenschaftlich die Partei der Vernunft ergreifen – das sind die Maßstäbe für einen erasmischen Intellektuellen, dem der Ruf vorauseilt, »in erregten Zeiten einen kühlen Kopf zu bewahren«. Der klassische Erasmier ist nämlich kein bramarbasierender Heißsporn, der sich in der Hochzeit der großen Umbrüche missionarisch berufen fühlt, sondern eher ein kalter Fisch, der kaum als sympathischer Zeitgenosse erscheint, wie Dahrendorf konzedieren muss.
Auf einer Haltungsskala zwischen Angepasstsein, innerer Emigration und Renegatentum überprüft der Autor eine Reihe von erasmischen Club-Kandidatinnen und Kandidaten, darunter den italienischen Philosophen Norberto Bobbio, der sich als Jungakademiker den »offenen Opportunismus« leistete, in einem Brief an den »Duce« gegen den karriereschädigenden Ruf des Antifaschisten anzuschreiben. Oder den deutschen Politikwissenschaftler Theodor Eschenburg, der während des »Dritten Reiches« ein Lehrbeispiel für eine Anpassung als »bewusste Überlebensstrategie« geliefert habe. Man sieht: Das Kapitel Liberale im Widerstand taugt hierzulande nur für eine kleine Ausstellungsvitrine.
Der Philosoph Jan Patocka, geistiger Vater der Charta ’77, steht dagegen für ein »Leben in der Amplitude« nach mühsam überwundener innerer Emigration. In der Regel zahlt der Erasmier jedoch für die Freiheit den Preis der Isolation. Nicht das Leben riskieren, lautet seine Maxime, sondern klaren Kopf bewahren, wie Raymond Aron, der sich als studentischer Zeuge der Bücherverbrennung von 1933 eher belustigt zeigt, weil er sie für eine »lächerliche Inszenierung« hält. »Zucht, Tat, Leiden und Tod«, für die Bonhoeffer und die Seinen standen, stellen für Ralf Dahrendorf, den Sohn des sozialdemokratischen Widerstandskämpfers, »nur eine Version der ›positiven Freiheit‹« dar.
Nach 1945 sind es seine »Erasmus-Intellektuellen«, welche die »kulturelle Freiheit« als publizistisches Pilotprojekt angehen; 1968 sind sie jedoch »fast ausnahmslos befremdet, dann entsetzt, ja empört« ob des »langen Karnevals«. Und 1989? Die meisten der überprüften Erasmier erleben das Ende des Totalitarismus nicht mehr. Nachfolger sind unter den intellektuellen Führern der »sanften Revolution« kaum in Sicht, in der demokratischen Normalität endet bald ihre Zeit.
Auch Dahrendorf sieht die Gefahr eines schleichenden Verlustes an liberalen Grundwerten seit dem 11. September 2001. Signalisieren die Debatten um Foltermethoden und innere Militäreinsätze die Anfänge eines »neuen Autoritarismus«? Erleben wir die »Resurgenz« des Islams? Und wer hält dagegen, solange erasmische Intellektuelle so besonnen und reserviert sind, wie von Dahrendorf luzide beschrieben? Immerhin gelingt es dem Autor am Ende seiner brillanten Haltungsstudie doch noch, die kämpferischen Defizite seiner Erasmier mit den Tugenden couragierter Geister unter einen Hut zu bringen: Wo immer das Neue an die Stelle der Tyrannis trete, bedürfe es »der Leidenschaft der Kämpfer ebenso wie der Vernunft der engagierten Beobachter«.
- Datum 11.05.2006 - 14:00 Uhr
- Quelle DIE ZEIT 11.05.2006 Nr.20
- Kommentare 2
- Versenden E-Mail verschicken
- Empfehlen Facebook, Twitter, Google+
- Artikel Drucken Druckversion | PDF
-
Artikel-Tools präsentiert von:




Mein Hauptvorwurf an die Intellektuellen und solchen wie Dahrendorf insbesondere ist, dass sie die Freiheit, sich zu äussern über andere Werte stellen.
Um zu verstehen, dass in vielen Gesellschaften im ehemaligen politischen Osten die Leute heute das vorherige System besser fanden als das jetzige demokratische, braucht man kein Intellektueller zu sein. Diese Tatsache müsste für einen Jeden im Westen eine Herausforderung sein, sich zu fragen ob die Ausfuhr der westlichen Demokratie, die richtige Lösung für alle Länder ist. Wenn aber die Intellektuellen wie Dahrendorf, nach wie vor das vorherige System verdammen, zeigt nicht an die intellektuelle Unabhängigkeit, sondern den eigenen Egoismus.
Etwas vereinfacht: Der Intellektuelle in Osten hat die Freiheit gehabt sich zu äussern oder nicht und er konnte in etwa voraussehen was ihn dann erwartet. Heute, ein Unterprivilegierter hat keine Wahl zu entscheiden ob er Arbeit hat ob er umsonst zum Arzt gehen kann oder ob er in der Nacht frei ist, ohne Angst, überfallen zu werden.
Deswegen ist die Bemerkung, dass den Intellektuellen ihre Freiheit mehr wert ist als »Brot der Millionen«, richtig.
Also das muss an schon hinkriegen: Eschenburg (FDP) zu loben, der sich durchs Dritte Reich mehr oder weniger durchmogelte, ohne das Ermächtigungsgesetz zu erwähnen und die Zustimmung der damaligen Liberalen unter Theodor Heuss zu diesem Gesetz und z.B. ohne eine Wort über Otto Wels (SPD) zu verlieren, der mit seiner Rede gegen dieses Gesetz ein Ruhmesblatt deutscher Parlamentsgeschichte schrieb.
Ach, Wels war kein Intellktueller, sondern ein kleinbürgerlicher Soz? Na dann ... wundert mich nichts mehr, und dem Lord sei empfohlen, sich weiterhin mehr seiner Selbstdarstellung im britischen Oberhaus zu widmen als uns Vorbilder zu liefern, die - mit Verlaub - kein sind.
Bitte melden Sie sich an, um zu kommentieren