Fährt man auf den Spuren des Fußballs von Leipzig nach Berlin, gibt es zwei gute Gründe, anzuhalten. Beide in der Nähe einer Ortschaft, die durch einen General des Alten Fritz in die Geschichte Preußens eingegangen ist: Dessau. Aber nicht wegen militaristischer Erinnerungen habe ich die Autobahn verlassen, sondern um »eine der letzten urwüchsigen Auenlandschaften Europas« zu sehen, die Wörlitzer Anlagen, ein Weltkulturerbe, von den reformfreudigen Dessauer Fürsten im 18. Jahrhundert angelegt. Eine sehr romantische Parklandschaft, wie geschaffen, um dort Gedichte zu schreiben. Ich fuhr einige Kilometer über eine Rüttelpiste bis zur Elbe. Ein idyllisch gelegenes Lokal am Ufer versprach Räucheraal und andere Fische aus dem Rauch. Doch Aal gab es nicht, der sei zu teuer für die Gäste. Dafür hatten sie Forellenfilets, aber die stammten natürlich nicht aus der Elbe, und da es nur Sprudelwasser gab, fuhr ich wieder zurück. War nichts mit der Lyrikproduktion.

Das nächste stille Wasser fand ich in der von der Schweizer Restaurantkette Mövenpick bewirtschafteten Autobahnraststätte nördlich von Dessau. Ich glaubte zu träumen: Hier wurde demonstriert, was auch möglich ist an unseren Autobahnen. Ein grandioses Angebot mit allem, was man in Landgasthäusern vermisst. Frisch und appetitlich, angerichtet von geschultem Personal. Sogar im Toilettenbereich wartet eine Überraschung auf den Fußballreisenden: Dort sind die Wände mit Reproduktionen berühmter Maler dekoriert, von Botticelli bis Warhol, Hopper und Schlemmer, ein weiteres Weltkulturerbe, wenn es denn Originale wären.

In Berlin etwas Originales zu entdecken ist nicht schwer. Man muss nur der Nase folgen. Die berühmte Currywurst verrät sich durch ihren unverwechselbaren Geruch, der an vielen Buden zum Gestank wird, wenn dort Fritten im Altöl brutzeln. Angeblich existieren unterschiedliche Versionen dieser Fast-Food-Krippen, von denen die Bude am Kurfürstendamm 195 am spektakulärsten sein soll. Weil hier schon Prominente gesichtet wurden, für die der Würstebrater sogar Champagner vorrätig habe. Außerdem würden die Würste nicht auf Papp-, sondern auf Porzellantellern serviert. Es stimmte alles. Nur ist es keine Bude, sondern ein in eine Ladenfront integrierter überdachter Unterstand, vor dem kleine Tische aufgebaut sind. Ich nahm also meinen ganzen Mut zusammen, ging zur Theke und äußerte unmissverständlich meinen Wunsch nach einer der Currywürste, wie sie vor mir in geruchlosem Fett lagen. Daraufhin ergriff der Brater wortlos eine Zange, fischte damit eine Wurst aus einer Reihe anderer Würste und platzierte sie auf eine Papierserviette, welche auf einem Porzellanteller lag.

Der Mann arbeitete so schnell und so geschickt wie der Percussionist einer karibischen Band. In seine großen Hände nahm er zwei überdimensionale Streudosen, stieß sie gegeneinander wie Rumbakugeln und bestreute meine Wurst mit ihrem Inhalt, einem braunen Pulver. Dann griff er zu Messer und Gabel und schnitt die Wurst blitzschnell in Stücke, worauf er eine Flasche ergriff, in der so etwas wie Himbeerpudding war, womit er die Wurststücke der Länge nach dick überzog. Abschließend piekte er eine blaue Plastikgabel in den bunten Haufen und fragte: »Brötchen?« Das Backwerk legte er, da ich bejahend genickt hatte, aufs Papier neben die Wurst. Ich zahlte zwei Euro fünfzig und verzog mich mit meinem Teller an einen der Stehtische, wo ich ein Stück Wurst in den Mund steckte. Es schmeckte süß, war aber nicht scharf, und wieso das nun Currywurst genannt wird, blieb mir verborgen. Nicht aber, dass da etwas in meinen Magen geraten war, was dort nicht hingehörte aber leider noch lange bleiben würde.

Eine Kategorie höher ist die Kalbsleber Berliner Art angesiedelt, die aß ich anschließend im Desbrosses. Das ist eine französische Brasserie im Hotel Ritz-Carlton am Potsdamer Platz. Man betritt sie direkt von der Straße aus, muss also nicht durch die Halle des noblen Hotels. Sie ist authentisch dekoriert, allerdings gibt es hier keine Kutteln und andere Igittereien, vor denen Anhänger von Hertha sich mehr fürchten als vor Bayern München. Aber Austern habe ich hier schon gegessen, und wäre die Kalbsleber nicht mit gebratenen Zwiebeln beladen gewesen (das ist die »Berliner Art«), hätte sie auch in Paris kein Aufsehen erregt. Dass sie hier den Salade niçoise mit Kartoffelscheiben servieren, sollte erlaubt sein, das machen sie auch in Marseille. Ordentliche Weine und viele Brotsorten tragen zum angenehmen Eindruck bei, den ein Besuch im Desbrosses hinterlässt.

Sonst hat sich in der Berliner Gastronomie seit meinem letzten Besuch nur wenig verändert. Wie überall befinden sich die besten Restaurants in den besten Hotels. Die Brasserie Borchardt in Berlin-Mitte ist nach wie vor der überfüllte Treffpunkt von Leuten, die sich wichtig finden, die Paris Bar arbeitet trotz der Pleite weiter, als wäre nichts geschehen, und dem Palast der Republik gehen sie mit der Abrissbirne zu Leibe, was sie beim Olympiastadion, das im »Dritten Reich« gebaut wurde, nicht gewagt haben. Die hauptstädtischen Baustellen sind nicht weniger geworden, dabei stehen am Potsdamer Platz schon die ersten Büroetagen leer.

Das Restaurant des Regent-Hotels trägt den bizarren Namen »Fischers Fritz«, und dort habe ich eine Neuigkeit entdeckt: eine Hummerpresse. Tollkühne Feinschmecker, die sich in den Pariser Tour d’Argent gewagt haben, werden dort mit der Entenpresse Bekanntschaft gemacht haben. Das ist ein dramatischer, silberner Apparat, in dem die gebratene Ente zwecks Saucengewinnung ausgepresst wird. Das machte damals, als ein Gourmet-Menü gern auch zeremoniell sein durfte, großen Eindruck auf die Esser, welche anschließend ein Zertifikat bekamen, mit dem sie beweisen konnten, dass sie die Ente Nummer soundsoviel gegessen hatten. Da das Essen im Tour d’Argent immer überschätzt wurde, zementierte dieses Spektakel das Renommee des Lokals über ein Jahrhundert.