Porträt Der Mann, den wir »Buc« nannten

Am 19. Mai wäre ZEIT-Gründer Gerd Bucerius 100 Jahre alt geworden. Erinnerungen an einen aufsässigen Verleger und glänzenden Schreiber

Es gibt Menschen, deren Bedeutung sich erst der Nachwelt voll erschließt – wenn die Umrisse des Lebenswerkes nicht mehr verstellt sind vom Blick auf zuweilen verstörende Eigenheiten und Eigenwilligkeiten, auf Momente der Sprunghaftigkeit oder Unentschiedenheit, auf zeitweilige Niederlagen und manches gescheiterte Vorhaben. Zu ihnen gehört Gerd Bucerius, der Gründer und – bis zu seinem Tode 1995 – Eigentümer der der am 19. Mai hundert Jahre alt geworden wäre.

Er war ein ungewöhnlicher Mensch; ein energiegeladenes Bündel von Widersprüchen. Er war zappelig (so charakterisierte ihn Konrad Adenauer) und zugleich zielgerichtet; »sprunghaft, spontan, stark emotional« in den Worten seines Biografen Ralf Dahrendorf, doch dann immer wieder auch stur und von eiserner Entschlossenheit; witzig, warmherzig und wagemutig, wie ihn die meisten kannten, berechnend, kalt und risikoscheu, wie ihn manch andere kennen lernten.

Einen unruhigen Geist, den Geist der Unruhe, nannte ihn Josef Müller Marein, sein erster Chefredakteur, nachdem sich Bucerius 1957 die ungeteilte Herrschaft über den Zeitverlag erstritten hatte. Wenn er, in Cordhose und legerem Wollhemd, im Stakkato-Schritt durch die Korridore des Hamburger Pressehauses hastete, wenn er sich aus schierer Lust am kontroversen Diskutieren funkelnden Auges auf die Schenkel schlug, wenn er im Streit mit seinem Führungsteam seinen Stuhl wutschnaubend auf den Spannteppichboden im Büro des Chefredakteurs stampfte (»Ich mag euch alle nicht mehr«). So zitterte die Nadel seines Temperaments immer dicht am roten Bereich des Drehzahlmessers.

Bucerius war ein Mann vieler Talente. Der Rechtsanwalt wie der Kaufmann, der Politiker wie der Verleger spielte sie gemeinhin gleichzeitig aus: die Schärfe des juristisch geschulten Verstandes, den glanzvollen Schreibstil, die Gabe der sticheln-den, stachelnden, stechenden Polemik, den sprudelnden Einfallsreichtum eines sprühenden Geistes, seinen ungezwungenen Charme wie seine gelegentlich ungebremste Chuzpe. Er dachte mit Leidenschaft kühn und quer – nicht bloß ein kritischer Nörgler, sondern ein Aufsässiger, der immer und überall gern gegen den Strom schwamm.

Für seinen Abituraufsatz bekam Bucerius ein «nicht genügend«

Die wilden Zeitläufte zwangen viele seiner Generation, verschiedene Leben hintereinander zu leben. Er verstand, wann immer er in eine neue Haut schlüpfte, die alten Musterungen und Markierungen mit hinüberzunehmen in die nächste Existenz. So erklärt sich, dass in dem Verleger der späteren Jahre noch immer der Politiker der Fünfziger steckte wie in dem CDU-Bundestagsabgeordneten der Bonner Frühzeit unverändert der Advokat, der er nach seiner akademischen Ausbildung, nach seinen Berufsanfängen und letztlich wohl auch seiner Natur nach war.

Gerd Bucerius wurde am 19. Mai 1906 als Sohn des Rechtsanwalts Dr. Walter Bucerius in Hamm geboren. Die Eltern lebten ein standesgemäßes, doch nach damaliger Art bescheidenes Leben. »In der bürgerlichen Familie gab es Fleisch nur sonntags, den Rest montags; freitags: Fisch«, erinnerte sich Bucerius später. Lange schmeichelte er sich, dass die Familie von Martin Bucer abstamme, dem elsässischen Reformator, der im 16. Jahrhundert aus Bonn verjagt und nach England vertrieben wurde, wo er an der Übersetzung der King-James-Bibel mitwirkte (weshalb all seinen Nachkommen die britische Staatsangehörigkeit zugesichert wurde – eine Möglichkeit, nach der sich der vermeintliche Nachfahr wohl auch einmal erkundigte). In seiner zugleich magistralen, akribisch recherchierten und außergewöhnlich einfühlsamen Biografie hat Ralf Dahrendorf dies als Legende entlarvt – die Familie stammte aus dem Harz. Doch enthüllt der Biograf ein anderes Faktum: Die Großmutter Henriette Elisabeth war Halbjüdin, Tochter des Militärarztes Jonas Goldschmidt. Mutter Maria hingegen war katholisch, Vater Walter ein herber Protestant. Unterschwellige Spannungen wegen dieser konfessionellen Gegensätze bestimmten das Familienleben.

Man mag mehr als einen Zufall darin sehen, dass Bucerius im Herbst 1932 Gretel (»Detta«) Goldschmidt heiratete, die Tochter eines jüdischen Textilkaufmanns (mit der Familie von Großmutter Goldschmidt war sie nicht verwandt). Kein Zufall war es indessen, wie er später begründete, warum er nach dem Kriege in Konrad Adenauers CDU eintrat. »Ein ›nationaler‹ Mann? Nein. Und eben deshalb wollte ich mich ihm anvertrauen. Ich sah in ihm das Versprechen, mir endlich den Streit evangelisch/katholisch vom Halse zu halten.«

Bucerius durchlebte eine unruhige Jugend. Seine Karriere führte den Vater binnen weniger Jahre nach Remscheid, Essen, Hannover – Stadtrat, Dezernent, Beigeordneter Bürgermeister waren die Stufen seines Aufstiegs, ehe er 1922 in Hamburg Direktor bei der Hugo Stinnes AG wurde und, nach deren Zusammenbruch, in der Altonaer Preusserstraße als Anwalt und Notar eine Kanzlei eröffnete. Sechzehn Jahre alt war Gerd Bucerius, als er nach Hamburg kam. Am Heinrich-Hertz-Realgymnasium legte er 1923 die Reifeprüfung ab. Sein deutscher Abituraufsatz zum Thema »Aus welchem Quell schöpfe ich Lebensfreude?« geriet ihm zur polemischen Abrechnung mit dem Kaiserreich (es sei ja nun »zum Heile der Kulturmenschheit zusammengebrochen«) und mit der bürgerlichen Durchschnittsehe (»Tags Zank und Streit, des Nachts treibt die gemeinsame Geschlechtsnot die Gatten zusammen«). Er bekam ein »nicht genügend«.

In anderen Aufsätzen des jungen Gerd Bucerius klangen freilich schon drei Themen an, die ihn nie mehr ganz losließen: Preußentum, Hamburgs Hafenwirtschaft, Pressefreiheit.

Oft stritt er sich mit seiner widerspenstigen Gräfin

Ganz im Banne Oswald Spenglers proklamierte der 18-jährige Schüler: »Wir waren Preußen, wir waren Sozialisten, wir wollen es bleiben um unseres Volkes willen.« Späterhin sah er es ganz anders. Er stellte sich als »Muß-Preuße«, als »Beute-Preuße« hin: »Preußen war ein Raubstaat.« Öfters – und öffentlich – stritt er sich mit Marion Gräfin Dönhoff über deren idealisiertes Preußen-Bild: »Ein Glücksfall jedenfalls ist Preußen für Deutschland nicht gewesen.« Im Laufe seines Lebens wurde er zum waschechten Hanseaten. 1986 erhob die Freie und Hansestadt Hamburg ihn zum Ehrenbürger. Als 19-Jähriger prüfte er in einem intelligenten Hamburg-Aufsatz das Für und Wider einer Hafenstadt als Umschlagplatz oder als Stätte der Weiterverarbeitung importierter Güter. In diesem Essay klingen die ersten Töne einer wirtschaftspolitischen Melodie an, die er nach dem Krieg immer wieder anstimmte. Schon in seinem ersten ZEIT- Artikel, in der Nummer 1 des Blattes, schrieb er: »Vor allen westlichen Völkern liegt als eine der wichtigsten Zukunftsfragen die große Entscheidung für oder gegen Sozialismus und Planwirtschaft.« Von Anfang an sah Bucerius in der Marktwirtschaft eine Säule der Freiheit. Deswegen wurde Ludwig Erhard zu seinem Helden. Auch später blieb er dabei. Sozial sollte die Marktwirtschaft sein, das schon; doch die Unternehmerfreiheit, die schöpferische Initiative des Individuums sollte dadurch nicht beschnitten werden: »Echte Freiheit heißt Risiko.«

Im selben Aufsatz ließ er sich kritisch über das »Fremdenblatt« des Hamburger Broschek-Verlages aus. Durch Annoncen wolle die Zeitung »große Reichtümer« ansammeln; so sei sie nicht länger eine Vorkämpferin für die geistigen Interessen in Politik, Kunst und Wissenschaft; es gehe ihr nicht mehr darum, »für eine große Idee zu kämpfen und das Publikum zu ihr hinaufzuziehen«, sondern sie lege es nun umgekehrt darauf an, »solchen Meinungen zu huldigen«, die der größten Zahl von Abonnenten angenehm seien. Hier zeigte sich zum ersten Mal das Verständnis von Pressefreiheit, das den nachmaligen ZEIT- Verleger mehrfach veranlasste, Inserenten, die sich durch kritische redaktionelle Beiträge beschwert fühlten, die Stirn zu bieten: »Ihrem Hause ist offenbar nicht ganz klar, dass Redaktion und Anzeigenabteilung einer Zeitung ganz klar getrennt sind. Damit sich solche Missverständnisse nicht wieder ereignen, habe ich die Anzeigenabteilung der ZEIT angewiesen, Anzeigen Ihres Hauses nicht mehr entgegenzunehmen.«

Bucerius hasste nach seinem späteren Zeugnis die stinkigen Schulklassen, die spießigen Lehrer und die noch spießigeren Mitschüler. »Also war ich auf der Schule faul, frech und verlogen. Gearbeitet, dann aber hart, habe ich erst auf der Universität.« In Freiburg, Berlin und Hamburg studierte er Jura. Zweimal brachte er in seinen Wanderjahren drei Monate in England zu. Seine Referendarzeit führte ihn nach Altona, Berlin und Kiel. In der Berliner Kanzlei von Alfred Carlebach und Erich Koch-Weser lernte er Gretel Goldschmidt kennen, die Tochter des verstorbenen Textilkaufmanns Jakob Isidor Goldschmidt. Im März 1932 bestand er die Große Staatsprüfung, im September wurde er zum Hilfsrichter in Flensburg bestellt. Vier Wochen darauf heiratete er im dortigen Standesamt seine Gretel – 111 Tage vor der Machtergreifung Hitlers.

Nach der Sprachregelung des braunen Regimes galt Bucerius als »jüdisch versippt«. Die besonders verwerfliche »Mischehe« mit einer Jüdin versperrte ihm den Weg in den Staatsdienst. So trat er 1933 in die Altonaer Kanzlei seines Vaters ein (der wegen seiner nicht lupenrein arischen Abstammung ebenfalls Unannehmlichkeiten hatte und keine Referendare mehr ausbilden durfte). Unverdrossen komplettierte er seine Promotion zum Dr. jur. Und unerschrocken verteidigte er Juden, was ihm 1937 Angriffe in Julius Streichers Hetzblatt Der Stürmer eintrug. Daneben vertrat er bekannte Hamburger Unternehmen in Wirtschaftssachen. Er verdiente gut. Er reiste, privat und geschäftlich, ins Ausland: in die Normandie, nach Klosters zum Skilaufen, nach Österreich und Italien, England und sogar Amerika, immer wieder in die Niederlande. Aber nach der »Reichskristallnacht« zogen sich die Wolken zusehends dunkler über dem Paar zusammen. Bucerius brachte seine junge Frau nach England in Sicherheit, wo sie sich als Dienstmädchen und Kellnerin verdingte.

Dann kam der Krieg. Zwei Monate lang war Bucerius Soldat, dann wurde er – wohl als »wehrunwürdig« – entlassen. Als stellvertretender Betriebsleiter der Diago-Werke dienstverpflichtet, die Sperrholzplatten, Luftschutztüren und Holzbaracken herstellten, schlug er sich durch. »Wir waren nicht mit der Fahne durchs Land gezogen, sondern haben uns ganz schön gebückt, um durch das Gewitter zu kommen«, sagte er viele Jahre später in der Fernsehsendung Das ist Ihr Leben. »Ich war einer, der sich bückte und drückte, aber nicht nachgab.«

Er gab nicht nach. Als in der Endzeit des NS-Regimes jüdische KZ-Insassinnen aus Auschwitz nach Neuengamme verlegt und den Diago-Werken als Zwangsarbeiterinnen zugewiesen wurden, beschwerte er sich brieflich über deren brutale Behandlung – der Brief endet ohne »deutschen Gruß« oder »Heil Hitler« mit »gez. Dr. Bucerius«.

Nach Marion Dönhoffs Urteil war er immer ein »besinnungslos mutiger Mann«. Es war ihr Kommentar zu einer Episode, die sich im Februar 1945 abspielte. Sein Freund Erik Blumenfeld, aus Auschwitz durch die Fürsprache von Himmlers Masseur nach Buchenwald verlegt und schließlich sogar entlassen, war Anfang 1945 neuerlich verhaftet worden und saß im Schutzhaftlager Schulstraße in Berlin ein. Der Anwalt Bucerius erwirkte eine Besuchserlaubnis. In einer unbeobachteten Ecke öffnete er seinen Mantel und zeigte auf zwei Revolver: »Schießen wir uns hier raus!« Entsetzt redete ihm Blumenfeld die Sache aus. Er kam auf seine eigene Weise frei – und in den letzten Kriegswochen versteckte ihn Bucerius samt einigen anderen Regimegegnern in seinem Haus in Altona.

Die Besatzungsmächte verärgerte er mit dem Plan »Murmeltier«

Bucerius hasste die Nazis. »Grund dazu hatte er ja«, schreibt sein Biograf. »Das Regime hatte ihm die Karriere versperrt, die Trennung von seiner Frau erzwungen, deren Familie in den Tod getrieben, ihn selbst und auch seinen Vater immer wieder bedroht.« Ihm war alles recht, was das Ende beschleunigte – sogar die verheerenden britischen Bombenangriffe auf die Hansestadt. Er löste gehörigen Wirbel aus, als er in den achtziger Jahren offenherzig bekannte: »Ich stand an den drei Angriffstagen auf dem Dach meines Häuschens in der Hamburger Vorstadt. Oben flogen die englischen Bomber. Endlich, rief ich immer wieder, endlich!… Endlich kamen sie, die Engländer!… Um wen habe ich während des Angriffs gebangt? Um die Piloten. Sie waren ja tapfer und taten das, was ich von ihnen erhoffte. Ich habe mein Land immer geliebt. Und jetzt musste ich fast den Untergang seiner schönsten Stadt wünschen. Wie ein Monster! Nichts, was ich seitdem sage und tue, kann noch normal sein. Ein schwieriges Vaterland.« So war er. Manche verlangten, ihm die Ehrenbürgerwürde wieder zu entziehen. Aber er blieb unbeugsam.

Seine Nazi-Gegnerschaft hatte sich herumgesprochen. Rasch geriet er nach Kriegsende ins Blickfeld der britischen Besatzungsmacht. Anwälte mit weißer Weste ohne braune Flecken wurden gebraucht, Englisch sprechende zumal (im Kriege hatte Bucerius ein Dolmetscherexamen gemacht). Er war unbelastet. Am 1. Juli erhielt er seine Wiederzulassung. Schon 14 Tage vorher hatten ihn die Engländer mit der Aufgabe betraut, das Hamburger Tageblatt, die Nazi-Parteizeitung, aufzulösen. Als Treuhänder betrat er damals zum ersten Mal das Pressehaus am Speersort. Goebbels hatte es kurz vor Kriegsbeginn eingeweiht, im März 1945 noch war es übel zerbombt worden.

Die Abwicklung des Tageblatts zog sich bis zum Spätherbst hin. Mittlerweile dachten die Briten über die Neugründung deutscher Zeitungen nach. Im Pressehaus fanden sich drei Männer mit Bucerius zusammen: der Verlagskaufmann und Korvettenkapitän a. D. Ewald Schmidt di Simoni; der frühere Chef der Hamburger Illustrierten, Lovis H. Lorenz, Treuhänder der Verlagsdruckerei Broschek, schließlich der Architekt und Schriftsteller Richard Tüngel. Am 25. September 1945 richteten sie ihr Gesuch um eine Zeitungslizenz an die Militär-Pressebehörde. Dem Gesuch wurde stattgegeben: Am 14. Februar erhielten die ungleichen Vier die Lizenz für eine »Zeitung genannt die Zeit« ausgehändigt, eine Wochenzeitung. Die erste Ausgabe erschien zum Erstaunen der britischen Besatzungsmacht schon eine Woche darauf, am 21. Februar 1946 (das andere Lizenzblatt, die Tageszeitung Die Welt, erschien erst am 2. April). Die ZEIT hatte eine Auflage von 20.000 und kostete 40 Pfennig.

»Eines hatten damals [1933] die anderen gemacht«, sagte Bucerius im Rückblick auf seine Anfänge nach dem Krieg. »Das mussten wir jetzt selber machen: die Presse und die Politik.« So wurde er Zeitungsverleger, und so wurde er Politiker. Am Tage nach der Lizenzerteilung schlug der Hamburger Bürgermeister der Militärregierung vor, ihn zum Bausenator zu ernennen – ein wichtiges Amt in der weithin in Trümmern liegenden Stadt. Neun Monate hatte Bucerius dieses Amt inne. Es wurde zum Einstieg in eine politisch bemerkenswerte Laufbahn: 1947 Mitglied des Bizonenrats und Vorsitzender von dessen Lastenausgleichsausschuss, 1948 Vertreter Hamburgs im Frankfurter Wirtschaftsrat, dann 1949 Einzug in den Bundestag, dem er 13 Jahre lang angehörte.

In Bonn teilte Bucerius sein Abgeordnetenzimmer lange mit Adenauers Freund, dem Kölner Bankier Robert Pferdmenges. Mit 480 Silben pro Minute war der Abgeordnete des Hamburger Wahlkreises Eimsbüttel einer der schnellsten Redner des Parlaments. Der erste Bundeskanzler machte sich seine Talente zunutze, entsandte ihn nach Amerika, schickte ihn nach London zu Winston Churchill und setzte ihn als Bundesbeauftragten für die Förderung der Berliner Wirtschaft ein. Doch gerieten die beiden Männer im Laufe der Zeit immer öfter aneinander – und am Ende auseinander.

Die originellen Ideen, die Bucerius produzierte, und seine Hartnäckigkeit waren nicht jedermanns Geschmack. Der Bausenator hatte schon manchen Spott geerntet, als er vorschlug, jeder Hamburger solle monatlich 50 bis 100 Ziegelsteine aus den Trümmern bergen. Er hatte auch gleich den passenden Werbespruch dazu mitgeliefert: »Aufbau ist ein schwer Beginnen? / Steine bergen! Nicht besinnen!« Die Besatzungsmächte hatte er mit dem »Plan Murmeltier« verärgert: Wenn sie nicht genug Lebensmittel lieferten, müssten die Deutschen sich halt in einen kaloriensparenden Winterschlaf versetzen. Und Adenauer ging er mit seiner Grundsätzlichkeit wie mit seiner sturen Unbeirrbarkeit auf die Nerven.

Der Kanzler hielt Bucerius für einen Schwärmer

Als Kurt Schumacher 1949 in einer Nachtsitzung Konrad Adenauer »Bundeskanzler der Alliierten« schimpfte und dafür zu 20 Sitzungstagen Ausschluss aus dem Bundestag verdonnert wurde, wetterte Bucerius öffentlich dagegen: «Wie, der Führer der Opposition soll ein halbes Jahr aus dem Bundestag verbannt werden? Staatskrise!«

Beim nächsten Streit ging es um Berlin. Im Herbst 1956 erstritt Bucerius die Zustimmung der CDU-Fraktion zu einem Antrag, den Sitz der Bundesregierung nach Berlin zu verlegen. »Kompromisse schwebten mir nicht vor. Ich wollte Adenauer und Heuß in Berlin sehen.« Der Kanzler ließ ihn kühl abfahren und bat Pferdmenges, »Herrn Bucerius zu einer realistischeren Auffassung zu bringen«. Für die »gefühlsbetonte Einstellung« des Abgeordneten hatte er kein Verständnis. Er hielt ihn für einen Schwärmer: »Der Bucerius ist kein Politiker, der ist Lyriker«, klagte er. Bucerius antwortete mit einem großartig-bösartigen Bonmot: »Ich knirsche mit den Zähnen, und der Bundeskanzler hält es für ein Gedicht…«

Drei Jahre später kam die nächste Krise. Adenauer beschloss, für das Amt des Bundespräsidenten zu kandidieren, zog aber seine Entscheidung abrupt zurück, als er merkte, welch geringe Befugnisse mit diesem Amt verbunden sind. Per Zeitungsanzeige veranstaltete Bucerius in seinem Wahlkreis eine Umfrage: Billigten die Wähler Adenauers Vorgehen? Rund 92 Prozent missbilligten es. Die Fraktion tobte.

Im Jahre 1961 wurde die Entfremdung total. Die zögerliche Reaktion des Kanzlers auf den Bau der Berliner Mauer empfand Bucerius als Versagen. Unverblümt forderte er den Rücktritt des 85-Jährigen: »Sie haben die CDU so stark gemacht, dass sie das Ausscheiden ihres Gründers überleben wird … Ist es nicht unser aller Pflicht, die von der Natur gesetzten Grenzen zu respektieren?« Als einziges Mitglied der CDU-Fraktion stimmte er nach den Wahlen von 1961 gegen Adenauers vierte Kanzlerschaft. Sein Mann war Ludwig Erhard, der 1963 dann auch ins Palais Schaumburg einzog – ein höchst unzulänglicher Bundeskanzler, wie Bucerius am Ende einsah.

Die formale Trennung kam im Februar 1962. Damals erschien im stern ein Artikel: »Brennt in der Hölle wirklich ein Feuer?« Der CDU-Bundesvorstand missbilligte ihn schärfstens – »als eine Verletzung christlicher Empfindungen«. Bucerius reagierte mit gleicher Schärfe, obwohl er die Kernthese des Artikels, dass die Protestanten in der Union von den Katholiken an die Wand gedrückt würden, »für einen Schmarren« hielt und auch an Einzelheiten wie an dem respektlosen Ton herbe Kritik übte. Bei früherer Gelegenheit schon hatte er Adenauer erklärt: »Ich bin stolz, Verleger eines Blattes zu sein, dessen Journalisten nicht nach der Pfeife ihres Verlegers tanzen müssen. Es gibt neben der äußeren Pressefreiheit auch eine innere!« Jetzt platzte ihm der Kragen. Er legte sein Abgeordnetenmandat nieder und trat aus der Partei aus.

Vor die Wahl gestellt, Politiker zu sein oder Verleger, entschied er sich 1962 für den Verleger. Der war er von nun an mit ungeteilter Aufmerksamkeit – buchstäblich mit Leib und Seele. Wobei er es seinen journalistischen Partnern oft nicht leichter machte als zuvor seinen politischen Freunden. Aber er hatte das Zeug zum großen Verleger: einen natürlichen Geschäftssinn, publizistische Leidenschaft und den Drang, dem Gemeinwesen dienstbar zu sein.

In den Jahren nach der Gründung der ZEIT hatte er sich relativ wenig um das Blatt gekümmert. Doch dann forderten schwierige Auseinandersetzungen mit den Lizenzpartnern und existenzgefährdende wirtschaftliche Schwierigkeiten zunehmend sein volles Engagement.

Als er 1949 in den Bundestag einzog, hatte die ZEIT eine Auflage von 80.000 Exemplaren. Aber in den folgenden Jahren sank der Absatz rapide: auf 44.000 im Jahre 1952. Das Blatt machte Verluste. Wohl hatte die ZEIT 50 Prozent des sterns gekauft und dessen Vertrieb und Anzeigenwesen übernommen. Davon lebte die Zeitung. Aber die ZEIT verlor mehr, als der stern verdiente. Im Januar 1951 konnte der Verlag die Gehälter nur noch in Raten bezahlen. »Ich war so verschuldet, dass mir nicht einmal der Stuhl gehörte, auf dem ich saß«, seufzte Bucerius Jahrzehnte später. Der Betriebsrat verlangte ultimativ die Einstellung des Blattes, Bucerius aber hielt eisern durch.

Einfach war das nicht, denn zugleich stritten sich die Gesellschafter um die Eigentumsrechte an der ZEIT . Sieben Jahre lang trugen sie ihren Streit vor den Gerichten aus. Am Ende obsiegte Bucerius. Am 8. März 1957 sprach ihm ein Hamburger Schiedsgericht das Alleineigentum an der ZEIT zu; am stern besaß er zu dieser Zeit schon 87,5 Prozent. Nun konnte er auch darangehen, die ZEIT wieder auf einen Kurs der parteiunabhängigen liberalen Mitte zu bringen. Unter Chefredakteur Tüngel war das Blatt so weit nach rechts abgerutscht, dass Gräfin Dönhoff, die seit der zweiten Nummer dabei war, im Zorn das Haus verließ. Jetzt holte Bucerius sie zurück. Josef Müller-Marein wurde Chefredakteur, die Gräfin Ressortchefin Politik. Eine neue junge Mannschaft ersetzte die Riege der »magenkranken, krätzebefallenen, immer giftiger werdenden alten Männer« (Dönhoff). Bald ging es aufwärts. Die Auflage kletterte bis 1960 auf 80.000, bis 1970 auf 320.000, bis 1990 auf rund eine halbe Million. Seit 1973 machte das Blatt Gewinne. Es war für Bucerius »zum untrennbaren Teil seiner Lebens-konstruktion und damit zum Zentrum seines Sinnens und Trachtens geworden« (Dahrendorf).

Zur Seite stand ihm in den schweren Jahren Gertrud Bucerius, genannt »Ebelin«, die er 1946 geheiratet hatte. (Die Ehe mit seiner in London lebenden ersten Frau Gretel, die einen neuen Lebenspartner hatte, war das Jahr zuvor in aller Freundschaft geschieden worden.) Er hatte sie während des Krieges in Paris kennen gelernt; seit 1944 lebten sie zusammen. Für »Buc«, wie ihn alle Welt bald nannte, war sie Stab und Stütze. Sie hielt ihn moralisch aufrecht – und die Redaktion bei Laune. Noch in den sechziger Jahren holten die Redakteure ihre Weihnachtsgratifikationen bei ihr ab; zwischen brennenden Adventskerzen drückte sie ihnen die Zuwendung bar in einem Umschlag in die Hand. Auch erfand sie wohl die üppigen Gesellschaften, zu denen ihr Mann in hanseatischem Understatement »auf ein Butterbrot und ein Glas Wein« einzuladen pflegte.

Bucerius blieb auch in seinem nun ganz auf das Verlegerdasein konzentrierte Wirken Bucerius. Er finassierte; er stritt; er machte sich Sorgen – um das Schicksal der Nation und um die Zukunft der ZEIT . Zu den Finessen gehörte sein Drang, dauernd den Verlag umzukonstruieren. Bald hieß er Henri-Nannen-Verlag, bald ZEIT -Verlag, Tempusverlag, schließlich Zeitverlag; abwechselnd war er eine GmbH, eine Kommanditgesellschaft oder eine GmbH & Co. KG. Bucerius ließ nichts aus, was steuerliche Vorteile brachte.

Unablässig plagte ihn, den abgrundtiefen Pessimisten, die Angst, dass die ZEIT von der Konkurrenz an die Wand gedrückt werden könnte. »Ein Blatt wie die ZEIT ist immer gefährdet; schon ihre Existenz ist ein glücklicher Zufall«, war seine Grundeinstellung. Hinter jeder Ecke witterte er Katastrophen, ja den Untergang. Also suchte er ständig neue Engagements und Verflechtungen, tat sich erst mit dem stern zusammen, dann mit Gruner+Jahr, schließlich mit dem Mediengiganten Bertelsmann, bei dem er zuletzt mit 10,7 Prozent beteiligt war. Dazwischen war er kurz mit Rudolf Augsteins Spiegel liiert; der übereilten Eheschließung folgte eine schnelle Scheidung. Auch mit Springer wollte er sich zeitweise zusammentun. Vorübergehend besaß er Anteile am Handelsblatt, gehörten ihm Der Monat und die Wirtschaftswoche, besaß er den Modellhut und das Gießerei-Lexikon. Er wurde zum Imperiumbauer nicht, weil er Ausdehnung anstrebte, sondern weil er Anlehnung suchte. So hat er sich buchstäblich »großgeängstigt«, wie Marion Dönhoff einmal treffend formulierte: »Aus Untergangsvisionen bezieht er Kraft. Die Vorstellung, morgen pleite zu sein, hat ihn mit eherner Konsequenz zum Millionär werden lassen.« Bei der Gründung der ZEIT hatte er 7.500 Reichsmark in das neue Unternehmen eingebracht. Als er starb, hinterließ er ein Vermögen, das 1,5 Milliarden D-Mark überstieg.

Streitbar blieb Bucerius bis in seine letzten Jahre. Und es gab viel Streit. Streit in der ZEIT mit der Redaktion: über eines der ersten – und liberalsten – Redaktionsstatute der Bundesrepublik, Streit mit seinen Chefredakteuren über Stil und Richtung des Blattes oder um die Einführung des farbigen ZEIT magazins . Die Briefe, die er mit dem Führungsteam wechselte, füllen viele Leitz-Ordner (die 2003 veröffentlichte Korrespondenz Bucerius/Dönhoff gibt einen faszinierenden Einblick in das Verhältnis eines interventionsfreudigen Verlegers zu seiner überzeugungsstarken Prinzipalin). Immer wieder kam es zu Hauen und Stechen um Einzelfragen, deutschlandpolitischen wie wirtschaftspolitischen, auch zu handfestem Krach um einzelne Personen und ihre Ansichten. In seiner Kolumne Gerd Bucerius zu Fragen der Zeit knöpfte er sich die schreibenden Kollegen erbarmungslos vor, in den Briefen an die Chefredakteure richtete er sie schriftlich hin.

Auch in der Redaktion schwamm er gern gegen den Strom. Dennoch sah er seine Journalisten nicht wie Bismarck: als Leute, die ihren Beruf verfehlt haben. Eher empfand er eine konstitutionelle Nähe zu ihnen. Abweichenden Meinungen begegnete er am Ende mit einem gerüttelten Maß an Leidensfähigkeit. Er brauchte die konträre Ansicht, um sich an ihr schubbern zu können. So verteidigte er die Freiheit des Worts im eigenen Haus wie im politischen Leben: »Welchem Demokraten ist es nicht lieb, wenn ihm die Meinung des Gegners in der schärfsten, präzisesten Form geboten wird? Wie kann ich prüfen, ob meine Meinung richtig ist, wenn der andere nur mümmeln darf?« Er selber hat nie bloß gemümmelt.

Ein Leben lang trieb ihn die Sorge um das Schicksal der Nation um. Doch seit den frühen Siebzigern beschäftigte er sich auch immer intensiver mit der Zukunft seiner eigenen Schöpfung: der ZEIT . Nacheinander nahm er verschiedene Leute in den Blick, die als Verleger sein Werk fortführen könnten: Diether Stolze, Roger de Weck, Helmut Schmidt. Auch machte er sich Gedanken, an wen das Blatt nach seinem Tode einmal fallen sollte. An die ZEIT -Stiftung, die er 1971 gegründet hatte? An Gruner+Jahr? An Bertelsmann? Am Ende bahnte er selbst noch den Verkauf an die Verlagsgruppe Holtzbrinck an. Ein Jahr nach seinem Tod, 1996, vollzog seine Geschäftsführerin, Vertraute, Lebensgefährtin und Testamentsvollstreckerin Hilde von Lang die Transaktion. Seine Frau Ebelin lebte schon lange zurückgezogen im Tessin.

Gerd Bucerius starb am 29. September 1995 in seiner Wohnung am Hamburger Leinpfad. Er ging still und friedvoll hinüber – lebenssatt; nach Monaten, in denen ihm sein Körper zunehmend den Dienst versagt hatte und auch sein wacher Geist allmählich verdämmert war. Im Mai darauf wäre er 90 Jahre alt geworden. Fast 50 Jahre lang war er Verleger der ZEIT . In der von einer milden Herbstsonne durchfluteten Hauptkirche St. Michaelis nahmen die Hamburger am 10. Oktober von ihm Abschied. Aus den Mosaiksteinen der vielen Trauerreden entstand noch einmal das Bild eines ungewöhnlichen Menschen – eines politischen Kopfes; eines unabhängigen Anregers und, durch seine ZEIT-Stiftung, auch großherzigen Stifters; eines mutigen Bewegers. Gewitzt, entschlossen, seinen Geschäftsgeist stets unter der Kontrolle des Gewissens haltend, war er in souveräner Unabhängigkeit seinen Weg gegangen. Wie alle Großen hatte er auf seiner Umgebung gelastet. Zugleich hat er sie dauerhaft geprägt. Als streitbarer Kritiker, als liberaler Geist, als uneigennütziger Diener des Gemeinwesens wird Gerd Bucerius im Gedächtnis der ZEIT- und Zeitgenossen fortleben.

Der Autor war von 1973 bis 1992 Chefredakteur der ZEIT

Lesen Sie Erinnerungen an Gerd Bucerius von:

Robert Leicht, ZEIT-Chefredakteur von 1992 bis 1997 »

Helmut Schmidt, Alt-Bundeskanzler »

Michael Göring, Vorstandsvorsitzender der ZEIT-Stiftung Ebelin und Gerd Bucerius »

Klaus von Dohnanyi, von 1981 bis 1988 Bürgermeister von Hamburg »

Gerd Schulte-Hillen, ehemals Vorstandschef von Gruner + Jahr »

Liz und Reinhard Mohn, kontrollierende Gesellschafter der Bertelsmann AG »

Lesen sie hier eine Rezension der Dokumentation über Gerd Bucerius , die die ARD am Donnerstag, dem 18. Mai um 23.15 Uhr und der NDR am dienstag, dem 23. Mai um 22.15 Uhr ausstrahlt.

Sehen Sie hier einen Nachruf auf Gerd Bucerius mit Kommentaren von Helmut Schmidt, Theo Sommer, Robert Leicht und der Gräfin Dönhoff.

 
Leser-Kommentare
    • WIHE
    • 21.05.2006 um 10:14 Uhr
    1. Schade

    Lassen wirs lieber... >

    Hararald,

    schade,
    bei mir kann man sich auch kurz fassen, die deutsche und europäische und sogar die Weltgeschichte ist mir relativ gut bekannt. Man muß bei mir also nicht ganz von vorn anfangen.

  1. Dieser Mann stand offenbar sein ganzes Leben "unter Strom"!

    Wäre er 90 Jahre später geboren... man würde diesem 10-jährigen wahrscheinlich ein "mittelschweres ADHS mit hochgradig impulsiver Komponente in Verbindung mit Hochbegabung" attestieren. ;-)

    Für mich am beeindruckendsten... seine offen Worte über die Bombardierung Hamburgs!

    Er wagte damit nicht nur ein heisses, sonder ein glühend-heisses Eisen anzusprechen!

    Er nahm - offenbar todesmutig, vielleicht aber auch schon strotzend vor Selbstbewusstsein - in Kauf, vermutlich eine Mehrheit seiner Landsleute damit zur Weißglut zu bringen.

    Und sprach es trotzdem aus... alle Achtung!

    Ein interessanter Artikel... Gratulation!

    Kommt auf meinen Blog! :-)

    Gruß aus Wien

    der Harald

    • WIHE
    • 19.05.2006 um 12:19 Uhr

    Ich kann mich noch gut erinnern,
    als Gerd Bucerius mal einen langen Artikel Mitte der achtziger Jahre in der Zeit veröffentlichte, in dem er die Meinung vertrat, Europa müsse das um ein Drittel verstärkte Potential eines wiedervereinigten demokratischen Deutschland verkraften und aushalten können.

    Ich kann mich ebenso an einen Artikel des Herrn Sommer aus denselben Jahren erinnern, in dem er schrieb, er wäre in den deutsch-deutschen Beziehungen mit einem Stand zu zufrieden, wie er sich zwischen der BRD und Österreich entwickelt habe,
    zwei Staaten, eine Kulturnation.
    Ich tendierte klar zur Meinung des Herrn Bucerius.
    1988 war ich in einem Leserbrief an die FAZ (Herrn Feldmeyer) dann der Meinung, die Russen würden einer deutschen Wiedervereinigung eher zustimmen als der Westen, wenn man sie von deutscher Seite wirklich wollte und den Russen ein paar Selbstverständlichkeiten dafür bieten würde. Dass sich die BRD und das Gebiet der DDR heute in der Nato befinden würden, hielt ich allerdings für unmöglich. Seitdem sag ich niemals mehr "nie".

    • WIHE
    • 20.05.2006 um 15:05 Uhr

    Oben flogen die englischen Bomber. Endlich, rief ich immer wieder, endlich!… Endlich kamen sie, die Engländer!…>

    Wenn Bucerius zwei Tage später nach der Verbrennung von rund fünfunddreißigtausend Hamburgern noch derselben Meinung war, könnte ich das nicht nachvollziehen.

    Im Übrigen irrte sich Bucerius, wenn er glaubte, die Briten seien wegen der Freiheit irgend eines Nichtbriten nach Hamburg geflogen. Es war doch eher die Sorge um den Platz Großbritanniens unter den Mächtigen der Welt.

  2. 5. Wihe!

    Wihe, mir würden auf `die 2 kurzen Bemerkungen Deines letzten Kommentars 2 elend lange Antworten einfallen...

    Lassen wirs lieber...

    • WIHE
    • 29.05.2006 um 14:14 Uhr

    Jener "Urkatastrophe" wie es ein Historiker, dessen Name mir jetzt partout nicht einfällt, so treffend formulierte.

    Tja... und dann is man bei den Jahren und Jahrzehnten vor 1914... und dann wirds eigentlich erst interessant... warum denn eigentlich alles so geschehen ist wie es geschah... >

    Harald,

    fest steht, jedenfalls habe ich es noch nicht gehört, dass der Todesschütze von Sarajewo von Wilhelm II finanziert und unterstützt wurde.

    Wäre dies der Fall gewesen, dann könnte man sagen, Wilhelm II habe diesen Schützen und seine Gruppe unterstützt, um einen sicheren Einstieg in den WK1 zu finden.

    Wären die damaligen Staaten Frankreich, Rußland, GB und USA so weise gewesen wie die heutigen Staaten, dann hätten sie sich nicht auf die Seite der Terroristen gestellt, so wie heute auch kein Staat die Taliban unterstützt. Die Ermordung des Tronfolgerpaares muß auf die damaligen Menschen in Deutschland und vor allem in Österreich so aufwühlend gewirkt haben wie der Anschlag vom 11.09, jedenfalls stelle ich es mir so vor.

    Den Krieg gegen die Taliban hat die Welt dann auch passieren lassen ebenso den gegen Irak, niemand ist den USA militärisch in den Arm gefallen, was auch einen Weltkrieg hätte auslösen können, wenn es Rußland und China gewesen wären.

    Heute ist man schlauer als damals.

    Gruß Wihe

  3. Nicht ganz von vorne anfangen klingt schon mal ganz gut... macht mich auch neugierig...

    Grüße Dich "Wihe"!

    Du schriebst:

    "Wenn Bucerius zwei Tage später nach der Verbrennung von rund fünfunddreißigtausend Hamburgern noch derselben Meinung war, könnte ich das nicht nachvollziehen."

    Selbst in einem Bombenhagel zu sitzen, um das eigene Leben fürchten zu müssen, um das von Angehörigen oder gar um das der eigenen Kinder, muss eine Grenzerfahrung sein welche mir als "Spätgeborenen" bis dato erspart blieb.

    Nichtsdestotrotz hat mich als "Hobbyhistoriker" aber ein wesentlicher Unterschied in der Wahrnehmung seitens der Betroffenen interessiert.

    In den Bombenkellern saßen nun mal 2 Sorten von Betroffenen:

    Jene die ihre dramatische Lebenslage als Folge einer feindlichen Aggression wahrnahmen und jene, die sich damals schon der "Vorgeschichte" bewusst waren.

    Diese find ich nun mal interessant... so wie Bucerius eben... denn nachher... als alles vorüber war... gabs viele "Gescheite"...

    Und damit wären wir schon bei Deinem 2. Statement.

    Du schriebst:

    "Im Übrigen irrte sich Bucerius, wenn er glaubte, die Briten seien wegen der Freiheit irgend eines Nichtbriten nach Hamburg geflogen. Es war doch eher die Sorge um den Platz Großbritanniens unter den Mächtigen der Welt."

    Ich habe Diskussionen über die Ursachen des 2. Weltkrieges nicht nur oft sondern mittlerweile schon bis zum Erbrechen oft geführt.

    Ich könnte auch da einiges abkürzen, weil diese immer nach dem selben Muster verlaufen.

    Man kommt unweigerlich retour zu den Ursachen des Aufstiegs dieses Oberösterreichers, dann weiter zum kläglichen Scheitern der Weimarer Republik.... und dann gehts weiter zu Versailles und St. germain und zu den Ursachen des 1. Weltkrieges.

    Jener "Urkatastrophe" wie es ein Historiker, dessen Name mir jetzt partout nicht einfällt, so treffend formulierte.

    Tja... und dann is man bei den Jahren und Jahrzehnten vor 1914... und dann wirds eigentlich erst interessant... warum denn eigentlich alles so geschehen ist wie es geschah...

    Gruß aus Wien

    Harald

  4. In Hamburg kamen 10000 Kinder ums Leben. Haben die das auch gewollt? Haben sie auch den Krieg gewollt, sie, die als lebende Fackeln durch die Straßen liefen, bis sie lebendig verbrannten. Wie konnte Bucerius, der so haßt, eine Zeitung gründen und betreiben, die in diesem Land als liberales Organ gilt? Widerling, Poseur in eigener Sache. Dubios bis zum geht nicht mehr, "jüdisch versippt", wie es im Jargon der Nazizeit hieß, und trotzdem Mitarbeiter der NS Presse. Kultivierte seinen Haß gegen das deutsche Volk nach 45.

    Dubios auch die olle Gräfin Dönhoff, furchtbar schlechte Schreiberin, Gott hab sie selig, man kann alles bei Fritz J. Raddatz nachlesen ("Unruhestifter").

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