Es gibt Menschen, deren Bedeutung sich erst der Nachwelt voll erschließt – wenn die Umrisse des Lebenswerkes nicht mehr verstellt sind vom Blick auf zuweilen verstörende Eigenheiten und Eigenwilligkeiten, auf Momente der Sprunghaftigkeit oder Unentschiedenheit, auf zeitweilige Niederlagen und manches gescheiterte Vorhaben. Zu ihnen gehört Gerd Bucerius, der Gründer und – bis zu seinem Tode 1995 – Eigentümer der ZEIT, der am 19. Mai hundert Jahre alt geworden wäre. BILD

Er war ein ungewöhnlicher Mensch; ein energiegeladenes Bündel von Widersprüchen. Er war zappelig (so charakterisierte ihn Konrad Adenauer) und zugleich zielgerichtet; »sprunghaft, spontan, stark emotional« in den Worten seines Biografen Ralf Dahrendorf, doch dann immer wieder auch stur und von eiserner Entschlossenheit; witzig, warmherzig und wagemutig, wie ihn die meisten kannten, berechnend, kalt und risikoscheu, wie ihn manch andere kennen lernten.

Einen unruhigen Geist, den Geist der Unruhe, nannte ihn Josef Müller Marein, sein erster Chefredakteur, nachdem sich Bucerius 1957 die ungeteilte Herrschaft über den Zeitverlag erstritten hatte. Wenn er, in Cordhose und legerem Wollhemd, im Stakkato-Schritt durch die Korridore des Hamburger Pressehauses hastete, wenn er sich aus schierer Lust am kontroversen Diskutieren funkelnden Auges auf die Schenkel schlug, wenn er im Streit mit seinem Führungsteam seinen Stuhl wutschnaubend auf den Spannteppichboden im Büro des Chefredakteurs stampfte (»Ich mag euch alle nicht mehr«). So zitterte die Nadel seines Temperaments immer dicht am roten Bereich des Drehzahlmessers.

Bucerius war ein Mann vieler Talente. Der Rechtsanwalt wie der Kaufmann, der Politiker wie der Verleger spielte sie gemeinhin gleichzeitig aus: die Schärfe des juristisch geschulten Verstandes, den glanzvollen Schreibstil, die Gabe der sticheln-den, stachelnden, stechenden Polemik, den sprudelnden Einfallsreichtum eines sprühenden Geistes, seinen ungezwungenen Charme wie seine gelegentlich ungebremste Chuzpe. Er dachte mit Leidenschaft kühn und quer – nicht bloß ein kritischer Nörgler, sondern ein Aufsässiger, der immer und überall gern gegen den Strom schwamm.

Für seinen Abituraufsatz bekam Bucerius ein «nicht genügend«

Die wilden Zeitläufte zwangen viele seiner Generation, verschiedene Leben hintereinander zu leben. Er verstand, wann immer er in eine neue Haut schlüpfte, die alten Musterungen und Markierungen mit hinüberzunehmen in die nächste Existenz. So erklärt sich, dass in dem Verleger der späteren Jahre noch immer der Politiker der Fünfziger steckte wie in dem CDU-Bundestagsabgeordneten der Bonner Frühzeit unverändert der Advokat, der er nach seiner akademischen Ausbildung, nach seinen Berufsanfängen und letztlich wohl auch seiner Natur nach war.

Gerd Bucerius wurde am 19. Mai 1906 als Sohn des Rechtsanwalts Dr. Walter Bucerius in Hamm geboren. Die Eltern lebten ein standesgemäßes, doch nach damaliger Art bescheidenes Leben. »In der bürgerlichen Familie gab es Fleisch nur sonntags, den Rest montags; freitags: Fisch«, erinnerte sich Bucerius später. Lange schmeichelte er sich, dass die Familie von Martin Bucer abstamme, dem elsässischen Reformator, der im 16. Jahrhundert aus Bonn verjagt und nach England vertrieben wurde, wo er an der Übersetzung der King-James-Bibel mitwirkte (weshalb all seinen Nachkommen die britische Staatsangehörigkeit zugesichert wurde – eine Möglichkeit, nach der sich der vermeintliche Nachfahr wohl auch einmal erkundigte). In seiner zugleich magistralen, akribisch recherchierten und außergewöhnlich einfühlsamen Biografie hat Ralf Dahrendorf dies als Legende entlarvt – die Familie stammte aus dem Harz. Doch enthüllt der Biograf ein anderes Faktum: Die Großmutter Henriette Elisabeth war Halbjüdin, Tochter des Militärarztes Jonas Goldschmidt. Mutter Maria hingegen war katholisch, Vater Walter ein herber Protestant. Unterschwellige Spannungen wegen dieser konfessionellen Gegensätze bestimmten das Familienleben. Klicken Sie auf das Bild, um den Nachruf auf Gerd Bucerius zu sehen