Sie wurde zur Legende, lange bevor sie mit 91 Jahren starb. Noch im hohen Alter übte sie ihren Beruf aus und gewann damit die Bewunderung junger Menschen, eine Pionierin ihrer Kunst, die sich ihres Status bewusst war. So hatte sie den Wandel der Zeiten, zwei Kriege und mehrere Regimes überlebt, die ihr zuweilen zwar nicht wohl wollten, ihr aber letztlich doch entgegenkamen. Solcher Pragmatismus im Politischen brachte ihr zwar auch kritische Stimmen ein, sicherte aber ihr Dasein und die finanzielle Basis ihrer Kunst.

Die Lust, sich zu bewegen, zu springen, sich körperlich vollends zu verausgaben, schien schon früh ihr stärkster innerer Motor und hat sie ein Leben lang begleitet. Angefangen hatte sie in ihrer Geburtsstadt München. Das junge Mädchen nahm Ballettunterricht; allerdings wurde rasch deutlich, dass sie sich fürs klassische Fach nicht eignet, so war sie gezwungen, ihren eigenen und neuen Weg zu finden. Bevor es dazu kam, musste sie harte Einschnitte verkraften. Vater, Mutter, Bruder starben, mit 23 Jahren besaß sie keine Verwandten mehr aus der Ursprungsfamilie. Gewiss prägten diese frühen Verluste ihre Jetzt-sofort-leben-Haltung und auch jene gewisse Skrupellosigkeit, die ihre wichtigste Lehrerin ihr damals bescheinigte: "Sie ist wie ein Schrei, Rhythmus ist ihre Sprache, ihr unbändiges Leben." Wer auf diese ungeschützte Art durchs Leben und über die Bühne tobt, kann sich auf Dauer natürlich nirgends unterordnen. Nach vier Jahren verließ sie die Lehrerin, die doch lange ihr Idol gewesen war, und startete eine Solokarriere.

Von Beginn an erfolgreich, traf sie nun viele Künstler und Förderer. Alle waren fasziniert von ihren Auftritten, von denen angeblich keiner gleich ausfiel, vielmehr entpuppte sich die gelenkige Frau mit dem markanten Profil als Meisterin der Improvisation. Auch ihre Ehe mit einem Fabrikantensohn und Mäzen wirkte sich günstig aus, bald konnte sie eine eigene Schule gründen. Bis zu ihrem Tod sollte sie, nur für einige Jahre unterbrochen, fortan Talente für die Bühne ausbilden; eine Lehrtradition, die bis heute in ihrem Namen weiter besteht.

Sie schaffte es immer wieder, sich mit den Mächtigen zu arrangieren. Auf einem internationalen Sportereignis galt sie als Vorzeigestar, bis sie wegen ihrer familiären Wurzeln kurz darauf in Ungnade geriet. Ein knappes Jahrzehnt latenter Bedrohung übersteht sie irgendwie mit kleinen Auftritten, viel Chuzpe und vermutlich manch irdischem Schutzengel in Uniform. Später hat sie sich geweigert, darüber Auskunft zu geben, weshalb man ihr einen Hang zum Verdrängen vorwarf.

Wie auch immer: Nach dem Ende der totalitären Herrschaft gehörte sie zu den Ersten, die wieder präsent waren im öffentlichen Leben. Sie schaffte es, ihre Schule als Nische künstlerischer Freiheit zu etablieren und sich nebenbei ein paar persönliche Privilegien zu sichern, auch die Möglichkeit zu reisen. Auf mehr als nur eine Art schien sie unantastbar und frei, eine Liebhaberin windumtoster Inseln, besessen von nichts außer ihrer Berufung.

Wer war’s?

Frauke Döhring