Iran Irans brutale Selbstherrlichkeit
In Teheran wurde ein führender Intellektueller verhaftet. Weil der Iran der Welt so viele andere Sorgen bereitet, gibt es dazu keine Schlagzeilen. Ein Kommentar von Jörg Lau
In Teheran ist ein führender Intellektueller verhaftet worden. Als man noch Hoffnungen auf eine Reform des Regimes hegte, wäre dies eine Schlagzeile gewesen. Heute droht die Abstumpfung der Weltöffentlichkeit durch Überforderung: Wir haben – Atomstreit, Antisemitismus, Ölpreis – schon genug andere Sorgen durch Iran.
Das iranische Regime, muss man befürchten, rechnet mit diesem Effekt und nutzt die Gunst der Stunde, um die wenigen verbliebenen freien Köpfe im Lande zu entmutigen. Seit dem 27. April befindet sich der 46-jährige Philosoph Ramin Jahanbegloo im berüchtigten Evin-Gefängnis der iranischen Hauptstadt. Er wollte zu einem Kongress nach Brüssel ausreisen, als er am Teheraner Flughafen verhaftet wurde. Bisher ist unklar, was ihm zur Last gelegt wird. Er ist der erste Oppositionelle, der seit Ahmadineschads Machtübernahme eingesperrt wurde.
Ramin Jahanbegloo ist selbst für langjährige Freunde eine erstaunliche Figur. In den letzten Jahren hatte er es geschafft, die erste Garde der westlichen Intellektuellen nach Teheran zu bringen: Richard Rorty, Michael Walzer, Jürgen Habermas, Michael Ignatieff und Timothy Garton Ash sprachen auf seine Einladung hin vor Tausenden von Studenten. Sie kamen voller Bewunderung für die Unbeugsamkeit und Debattierlust der iranischen Zivilgesellschaft zurück.
Jahanbegloos Verhaftung könnte der Beginn einer neuen Repressionswelle gegen die lebendige iranische Szene sein, die er mit Büchern, Vorträgen und Essays in dürftiger Zeit gefüttert hat. Jahanbegloo hatte an der Sorbonne studiert, in Harvard geforscht und in Toronto gelehrt, bevor er 2001 in seine Geburtsstadt Teheran zurückkehrte. Seine Bücher über Hegel, Schopenhauer, Machiavelli, vor allem aber seine Interviews mit dem Vordenker des liberalen Pluralismus Isaiah Berlin, haben ihn über Iran hinaus berühmt gemacht.
Jahanbegloo meidet direkte politische Einlassungen. Der geistige Wiederaufbau des Landes – nach den ideologischen Verwüstungen, die das Schah-Regime und die islamische Revolution hinterlassen haben ‒ ist seine Sache. Er ruft die junge Generation auf, »sich von der intellektuellen Erpressung frei zu machen, dass wir für oder gegen den Westen zu sein haben«. Nach dem Karikaturenstreit verurteilte er die »Dämonisierung des Anderen« auf beiden Seiten. Den Ausfällen des iranischen Präsidenten gegen Israel setzte er in El País trocken seine Überzeugung entgegen, es sei »unsere Pflicht, das Unfassliche zu bezeugen, das wir mit dem Namen Auschwitz bezeichnen«.
Ramin Jahanbegloo tritt mitten in den dräuenden Kulturkämpfen unserer Tage für eine intellektuelle Verantwortung ein, die nicht vor kulturellen, religiösen und politischen Grenzen halt macht. Es ist an der Zeit, ihm zu beweisen, dass er damit nicht allein steht.
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- Quelle DIE ZEIT, 11.05.2006
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Ich habe einer großen überregionalen Zeitung einen Leserbrief geschrieben, der unter meinem Namen veröffentlicht wurde. Seitdem kriege ich Anrufe von Männern, die kurz was auf Arabisch sagen und dann auflegen.
Was also ist davon zu halten, wenn nicht nur überall in der islamischen Welt die demokratischen Freiheiten massiv verletzt werden, sondern wenn auch in Deutschland arabisch sprechende Menschen versuchen, uns durch Einschüchterungsversuche unter Druck zusetzen?
Sehr geehrter Herr Lau,
vielen Dank, dass Sie den Zeit-Lesern am Beispiel von Herrn Jahanbegloo vor Augen geführt haben, welch reges intellektuelles Leben und weltoffene, neugierige Akademiker es im Iran nach wie vor gibt. Die kritische, unvoreingenommene Auseinandersetzung mit dem Westen ist die eigentliche Hoffnung, die Europa für Transformation in der Region haben sollte. Dafür ist es wichtig, dass der Westen weder der Propaganda des Regimes noch seinen eigenen gern gehegten Vor- und Pauschalurteilen aufsitzt.
Herr Jahanbegloo scheint für ein Denken zu stehen, wie Kant es sich in seiner Definition von Aufklärung (auch von uns noch häufig unerfüllt) wünscht.
...ein gewagtes, eigenes Denken, das Regimen immer ein Stachel im Fleisch ist.
Welche konkreten Zeichen von Solidarität mit den mutigen Intellektuellen im Iran kann man als Zeitleser setzen? Ich freue mich sehr auf Ihre Anregungen.
BenWahler
Tja im Schatten eines Krieges, im Falle der Rohstoffländern die sich den libertären globalen Prinzipien nicht freiwillig beugen, im Falles solcher drohenden auferzwungenen Kriegen geraten Philosophen , Intellektuelle , und in die Fänge dubioser NGO's geratene Idealisten schnell in den Verdacht der Subversion und des Verrats.
Auch in Russland wird die Wühlarbeit einiger NGO`s kritisch gesehen, zunehmend. Pol Pot war ein Pariser68 Intellektueller, und der Maoismus war für viele heutige libertäre "Lichter" Ausgangspunkt ihres Anspruchs auf geistige Führerschaft. Carl von Ossietzky wurde in der Weimarer Republik eingesperrt weil er die heimliche Aufrüstung Deutschlands aufgedeckt hat. Die deutsche Aufrüstung hatte zum Ziel sich das zu nehmen was Deutschland und der Westen bis heute nicht ausreichend haben, nämlich Rohstoffe und Energieträger. So kam es dann auch hätte Rommel die Briten in Ägypten geschlagen wäre Rommel Richtung Kaukasus marschiert und hätte sich mit der Paulus Armee die die Wolga entlang kam vereinigt. Dabei hätten auch die heutigen Ölstaaten Iran und Irak auf seinem Weg gelegen. Nun es kam anders und es wird auch diesmal anders kommen. Wo bleiben die Intellektuellen die das erkennen, und wer gibt ihnen eine Stimme. Die Zeit, oder der Spiegel , oder die Sankt-pauli Nachrichten. Die Zeiten wo ein Zwerenz, ein Broder, oder ein Cohn-Bendit ihre Sendungen noch über Schmuddel-Hefte unters Volk bringen konnten sind vorbei, das Meinungsmonopol gibt nur Endsiegpropheten noch eine Stimme und Brot. Und so wurden oder werden sie alle zu Endsiegpropheten des Libertären Ausbeutersystems während sich die Leichenberge häufen.
Was für ein wunderbarers Gefühl, diesen Kommentar von Jörg Lau zu lesen und zu wissen, daß jemand die Hilflosigkeit und die Niedegeschalgenheit der übrigen Iranern, außer Mullahs, fühlt und versteht. Vielen Dank Herr Lau
Na ja, statt wegen Kerkraftwerke gegen Iran zu gehen wäre es besser wegen Freiheitmangel Iran zu kritisieren. Die Europäer könnten was davon lernen. Lasst die Iraner Atomtechnologie (oder was auch immer) entwickeln und arbeitet daran sie in die internationale Welt zu empfangen.
Mit Gewalt gegen die Perser wird man nirgendswo ankommen. Sie haben ja schliesslich Mathematik erfunden, und werden sich nicht von doofen Europolitiker (die nicht einmal verstanden haben warum Ihr Volk diese "tolle" Constitution verworfen haben, und dauernd über "Demokratie" reden aber die Demokratie von Muslims - Palestina, Iran - nicht akzeptieren aber die Tyrannie von "Freunden" - Musharaf, Saudi Arabien - herzlich wilkommen) die Welt erklären lassen.
So ist es eben wenn man das falsche Ziel treffen will.
verbreiten, verbreiten, verbreiten, der mensch braucht viel wind ...
uebrigens moechte ich anmerken, dass das problem im Iran nur deshalb eines ist, WEIL nicht vor jahren bereits dezent eingegriffen wurde.
es ist vor allem ein resultat von "kriegsgegnern", damit auch "globalisierungsgegnern". so sieht es aus, wenn man auf sie hoert. auch der Sudan ist das resultat vor allem dieser strukturen, die permanent konsequenten handlungsspielraum blockieren, sich ansonsten sowieso nicht dafuer interessieren, ob millionen schwarzafrikaner ermordet werden. es interessiert sie ob ein ami einen ausversehen angerempelt hat. das bedeutet, ihre prioritaet liegt nicht auf menschenleben und lebensqualitaet. und das macht sie hochgradig menschenfeindlich und automatisch rassistisch.
dies nur, weil es ja fuer manche noch schwierigkeiten gibt mehrperspektivisch zu denken bzw. nicht-realitaeten wahrzunehmen ... die faehigkeiten haben ideologen grundsaetzlich nicht - und globalisierungsgegner, linkspartei und konsorten sind welche.
Sich unter solch einem Regime überhaupt noch für freies Denken und offene Diskussionen einzusetzen und nicht das Weite zu suchen, zeugt fast schon von Sendungsbewusstsein...
Aber wo bleiben die Lichterketten und Kerzlein ?
Die Demos ?
Der Druck auf iranische Vertretungen ?
Nach einem Artikel der französischen Wochenzeitschrift Courrier international (Nr 809) wurde Ramin Jahanbegloo Ende April verhaftet, als er ein Flugzeug nach Brüssel besteigen wollte. Man nimmt an, dass diese Verhaftung mit einem zuvor in der spanischen Zeitung El Pais veröffentlichten Artikel des Philosophen zusammenhängt, in dem dieser sich mit den diversen intellektuellen Strömungen sowie der Rolle des Islam im Iran auseinandersetzt und eine säkuläre Dialogkultur einfordert.
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