Raumfahrt Der Rote Planet in der Arktis

Eine irdische Wüste wird zum Testgelände der Raumfahrt. Helfen die Felsen Spitzbergens, das Rätsel vom Leben auf dem Mars zu entschlüsseln? Ein Expeditionsbericht

Letzte Pause vor dem Ziel. Zwei Dutzend Körper, in Daunenjacken gehüllt und mit Rucksäcken bepackt, kauern im Windschatten einer Geländekuppe. Heißer Tee aus Thermoskannen wird gereicht. Vom Gletscher weht es eisig herunter. »Alle mal herhören«, mahnt es aus einer Kapuze. »Wir stürmen die Felsen nicht wie wild gewordene Geologen. Wir verhalten uns wie Mars-Rover: Erst beobachten, dann nähern, dann analysieren.« Die Daunen-Menschen erheben sich. Ein paar hundert Meter noch, dann beginnt die Arbeit. Ans Ende der Welt sind sie gereist, um eine ferne Welt zu erkunden. Fast nirgends auf dem Blauen Planeten lässt sich mehr über den Roten Planeten erfahren als auf Spitzbergen, Norwegens Archipel, nah am Nordpol. Hier ist Mars auf Erden.

Glatt und lotrecht steigen Felsplatten aus dem Tal empor. Der Talgrund selbst ist weit und flach, vom Gletscher in Jahrmillionen ausgefräst. In der Mitte mäandert ein Bächlein. Drumherum nur Stein, als Findlingsfelsen oder Moräne, als Haufen oder Halde. Nirgends ein Baum, nirgends ein Busch. Nur Flechten und Zwerggräser krallen sich im Permafrostboden fest. Ihr gelblicher Flaum signalisiert, dass der Planet Erde auch unter extremen Bedingungen Leben hervorbringt.

Im Gänsemarsch geht es voran. »Da sind sie«, ruft jemand, »Blaubeeren!« Alle Blicke richten sich, nein, nicht nach unten, sondern nach oben. Über dem Hang steht haushoch eine Gesteinsrippe. Die Daunen-Menschen jubeln, werfen ihre Rucksäcke ab und treten vorsichtig, beinahe ehrfürchtig heran an die Gebirgswand. Was ist bloß dran an diesem Allerwelts-Felsen irgendwo in der arktischen Ödnis?

Aus der Nähe wird ein Muster sichtbar. Gesteinskügelchen sind im Fels eingelagert wie Blaubeeren im Muffin. In dieser frostigen Welt bringt nicht der Boden Blaubeeren hervor, sondern der Berg. »Tatsächlich«, sagt einer, »genau wie auf den Fotos.« Die Fotos: Das sind jene rätselhaften Aufnahmen des Mars-Gesteins und seiner runden Inlays, die der Nasa-Rover Opportunity 2004 vom Mars schickte. Kurz darauf wurde eine ähnliche Formation, inzwischen Blaubeeren getauft, auf der Erde entdeckt – genau hier, im Gletschertal Ebbadalen. Was auf dem Mars nur durch eine Fotolinse zu betrachten ist, lässt sich auf Spitzbergen mit Menschenhand studieren. Irdische Kopien marsianischen Gesteins. Das ist eine kleine Sensation. Drum stecken in den Daunenjacken Mars-Forscher: Geologen, Mikrobiologen, Astrobiologen und Astronomen. Aus europäischen Universitäten und amerikanischen Forschungszentren sind sie herbeigeeilt. Auch die Nasa darf nicht fehlen, denn es ist die US-Weltraumbehörde, die den Rover Opportunity und seinen Zwilling Spirit bis heute auf dem Mars herumfahren lässt.

Das neue Paradies der Mars-Forscher ist ein Wundergarten der Geologie. Auf Spitzbergen sind auf engstem Raum alle Gesteinsarten der Erdgeschichte konzentriert. Fast jeder Felstypus, der auf dem Mars identifiziert wurde, findet irgendwo in der arktischen Wildnis sein Pendant. Mag sein, dass Spitzbergen aussieht wie eine Mondlandschaft. In Wahrheit ist es eine Mars-Landschaft. Sogar die Klimata ähneln einander. Auf Spitzbergen ist es kalt und ziemlich trocken, ähnlich kalt und ähnlich trocken wie auf dem Mars zum Zeitpunkt von dessen größter Erwärmung vor Jahrmillionen. Während jener Periode könnten dort die Bedingungen zur Entstehung von Leben geherrscht haben. Wasser gibt es jedenfalls noch heute. Das haben die beiden Nasa-Rover Spirit und Opportunity belegt.

Seither herrscht auf dem Globus Mars-Fieber. Und die irdische Polkappe wird zur Pilgerstätte. Hier ist Tummelplatz und Testgelände. Hier lässt sich studieren und simulieren. Hierher zieht es nicht bloß ein paar Exoten, die sich entlegener Forschung widmen. Eine der großen Fragen der Menschheit stellt sich jetzt neu: Gibt es oder gab es Leben, wo dessen Grundlage, das Wasser, nachgewiesen ist? Und: Was können die Steine Spitzbergens dazu beitragen, das Rätsel vom marsianischen Leben zu entschlüsseln?

Aus den Rucksäcken tauchen Pipetten und Tuben auf, sterile Tüten und Latex-Handschuhe. Binnen Minuten verwandelt sich eine arktische Steinwüste in eine Feldstation der Mars-Forschung. Mittendrin Lonnie Lane, 67 Jahre alt, Senior der Gruppe und ihre Respektsperson. Er gilt als einer der großen Weltraum-Schrauber der Nasa, baut seit Jahrzehnten Instrumente für Amerikas Missionen im All. Nun kauert er zwischen den Felsen und fingert mit eiskalten Händen am künftigen Fuhrpark für den Mars herum. Lanes neues Weltraumgerät heißt »Tucs« und ist ein pechschwarzer Metallkasten, so groß wie zwei Schuhkartons, oben ein roter Griff, unten Wölbungen, die aussehen wie Kuheuter. Dort treten jene ultravioletten Laserstrahlen aus, die eines Tages den Mars abtasten und totes Gestein von lebenden Organismen unterscheiden sollen. Vorerst richtet Tucs seine Strahlen dorthin, wo die Erde dem Mars am ähnlichsten ist: ins Blaubeer-Feld von Spitzbergen.

»Kriegst du Messwerte?«, ruft jemand. »Manchmal«, knurrt Lane. »Einfach nur anschalten wie eine Taschenlampe, das geht noch nicht.« – »Schau«, sagt der andere Forscher, »so könnte es aussehen, das Leben auf dem Mars.« Vor Lane liegt ein Stein, nichts als ein profaner Stein, soeben herausgebrochen aus dem Blaubeer-Feld. Eigenartig nur, dass er an der Bruchkante grünlich schimmert. Dieser Farbfleck ist es, dessentwegen sich die Reise ans Ende der Welt lohnt. Kleinstlebewesen haben sich hier an den Fels geschmiegt, endolithische Mikroben genannt. Sie suchen in Gesteinsritzen Schutz vor dem lebensfeindlichen Klima der Arktis. In solch winzigen Refugien, lautet die Theorie, könnte sich primitives Leben auf dem Mars verstecken. Nähme Tucs eines Tages am Mars ähnliche Messwerte wie im Blaubeer-Feld Spitzbergens auf, so würden die Grundfesten menschlichen Denkens erschüttert.

Stellt sich nämlich heraus, dass auf dem Mars Urformen des Lebens existieren (oder einst existiert haben), dann ist Leben im Universum wahrscheinlich ein gewöhnliches Phänomen. Die Erde wäre nicht einzigartig. Es gäbe ein mächtiges Motiv zur weiteren Erkundung des Sonnensystems. Größer können jedenfalls die Fragen nicht sein, die aus den Farbflecken und Gesteinskügelchen der arktischen Ödnis herzuleiten sind.

Für Lonnie Lane ist der Bau eines planetarischen Leben-Detektors die größte und letzte Herausforderung seines Berufslebens. »Meine dritte Kindheit«, nennt er das Mars-Projekt. »Ich kann teure Spielzeuge bauen und große Träume leben. Welcher Mann darf das schon?!« An allerlei Weltraum-Sonden hat er gebaut, zu allerlei Planeten sind seine Raumschiffe geflogen. Und doch ist die Marsmission ein Projekt wie kein zweites. Früher hat ihn die Technik fasziniert; jetzt ist es die weltstürzende Frage nach der Einzigartigkeit des Lebens. Derselben Faszination scheint auch der amerikanische Präsident George W. Bush erlegen zu sein.

Denn im Januar 2004 erklärte er den Mars zum großen Ziel aller Weltraum-Ambitionen. Er rief jenen romantischen Traum wach, der Amerikas Raumprogramm von jeher angetrieben hat: Wie die eigenen Vorfahren einst den großen Ozean überquerten, um ein fremdes Land zu erforschen, würden nun Astronauten ins Weltall vorstoßen und die Grenzen der Zivilisation verschieben.

Roboter sollen die erste Welle der Erkundung bilden. Später würden auch Menschen auf dem Mars landen und dabei den Mond als Zwischenstation nutzen. Tucs, das Spektrometer in dem schwarzen Schuhkarton, könnte schon bei einer der frühen Missionen mitfliegen, vielleicht 2011, vielleicht 2013. Lonnie Lane dürfte die Reise seiner Kreatur nur als Rentner erleben. Er weiß, dass sich die Erforschung des Mars über Generationen erstrecken wird – wie im Mittelalter der Bau der Kathedralen.

Mehr als ein paar Stunden ist es im Blaubeer-Feld nicht auszuhalten. Der Tee geht zur Neige. Die Kälte kriecht unter die Pullover. Also zurück zum Fjord. Schon aus der Ferne ist die Polarsyssel an ihrem Ankerplatz zu sehen, feuerrot der Rumpf, froschgrün der Hubschrauberlandeplatz, eisblau das Nordmeer drumherum. Im Winter dient das Schiff als Eisbrecher, von Frühjahr bis Herbst als Robbenjäger und Forschungsstation. Im Laderaum stehen zwei Bau-Container. Drinnen haben die Forscher Labors eingerichtet. Messgeräte stapeln sich auf Klapptischen. Sogar ein staubfreier Reinraum ist unter einem Tischzelt entstanden.

Binnen Stunden müssen die Gesteinsproben aus dem Blaubeer-Feld untersucht werden, denn blitzschnell kann sich die Mikrobiologie jeder Probe verändern. In weißen Kitteln und lila Latexhandschuhen kreuzen Wissenschaftler im Laderaum umher, dort, wo sich sonst getötete Robben stapeln. Die Nacht zwischen den Landgängen wird zur Labor-Schicht. Wer hineinhört in die Gespräche, erfährt von »Zellwandkomponenten« und von »Biosignaturen«, von der »Matrix« und allerlei anderen Wunderdingen. Jenseits der Fachbegriffe sind die Forschungsfragen leicht verständlich: Sind die Gesteins-Blaubeeren nur Ergebnis der Verwitterung oder Hinweis auf biologische Aktivität? Wie lässt sich überhaupt Leben am Stein entdecken? Woran ist abgestorbenes Leben erkennbar? Gibt es eine klimatische Grenze der Lebensfähigkeit ähnlich der Baumgrenze im Gebirge? Ohne Antworten auf diese Fragen wird kein Raumschiff auf die Suche nach dem Leben geschickt werden können.

Lebenszeichen auf dem Mars treiben die Menschheit seit der frühen Neuzeit um. Über riesige Wasservorräte auf dem Mars spekulierte man schon 400 Jahre vor dem wissenschaftlichen Nachweis. So wurde der Mars, nicht der Mond, zur Projektionsfläche menschlicher Fantasien. Die utopische Literatur sah im Mars den Ausgangspunkt interplanetarer Invasionen, beginnend 1898 mit H. G. Wells’ Roman Krieg der Welten, der zum Klassiker der Marsmenschen-Märchen wurde.

Wahrscheinlich hat aber niemand den Mythos vom Lebensraum Mars stärker befördert als der Mailänder Astronom Giovanni Schiaparelli und sein amerikanischer Kollege Percival Lowell. Die beiden wollten Ende des 19. Jahrhunderts ein Netz schnurgerader Linien auf dem Roten Planeten erkannt haben. Aus dieser Entdeckung wurde eine populäre Theorie über das marsianische Leben. Ein Klimawechsel habe den Planeten fast austrocknen lassen. Die Bewohner hätten daraufhin ein System aus Kanälen angelegt, gespeist vom Eis der Pole. Die schiere Größe des Bewässerungsnetzes konnte nur bedeuten, dass es keine politischen Grenzen gab. Die Mars-Bewohner hatten sie abschaffen können − und waren damit den Menschen haushoch überlegen.

Die zweite Phase der Erkundung führte zu einer gewaltigen Enttäuschung. Die Bilder der Raumsonden aus den sechziger und siebziger Jahren zeigten einen staubigen und zerklüfteten Planeten. Bewässerungskanäle? Fehlanzeige. Hinweise auf Leben? Keine. Die dritte Ära der Mars-Forschung führt gegenwärtig zur Revision der These vom öden Planeten. Die Orbiter- und Rover-Missionen haben derart genaue Daten über Oberfläche und Mineralogie geliefert, dass geologische Prozesse nachvollziehbar werden. Weil unter der Mars-Oberfläche Eis lagert, könnte es dort Mikroben gegeben haben – oder noch geben. Die Eis-Depots sowie die Bruchstellen und Aufschlüsse des Planeten könnten Ziele der vierten Erkundungswelle sein. Nicht mehr nur Kameras und Spektrometer sollen zum Mars fliegen, ganze »Life Detection«-Laboratorien werden den nächsten Mars-Mobilen mitgegeben.

In den Forschungsinstituten der westlichen Welt ist schon ein Wettlauf ausgebrochen, wer die Instrumente für die Raumlabors bauen darf. Darum hat die Universität Oslo zum dritten Mal nach Spitzbergen zu AMASE eingeladen, der Arctic Mars Analog Svalbard Expedition. Das Team aus Norwegern und Amerikanern, Spaniern und Engländern testet einen Gerätepark, der sich als Komplettausstattung im Greifarm der nächsten Mars-Rover wiederfinden soll.

Die Polarsyssel hat den Anker gelichtet. Am dritten Tag der Expedition geht es in den Norden, dem Pol entgegen. Entlang der Westküste ergießen sich immer neue Gletscher ins Meer. Die Bruchkanten wirken wie alpine Nordwände, von denen sich ständig hausgroße Eisblöcke lösen. Längsseits sind Zwergwale zu sehen und die Fontäne eines Finnwals. Einmal taucht eine Herde Walrosse auf.

Im Windschatten der Brücke steht Marilyn Fogel und betrachtet die Erhabenheit um sich herum. Als sie zu Hause in Washington erstmals von der Spitzbergen-Expedition hörte, glaubte sie: »Eine Vergnügungsreise.« Und deshalb nichts für sie. Zu viel zu tun im Labor der Carnegie Institution. Erst langsam begriff sie, dass in Stein und Eis und All womöglich eines der großen Rätsel der Menschheit zu knacken wäre. Eine Frage von jener Dimension, deren Beantwortung sich ein Forscher erst in der zweiten Hälfte einer Karriere zumutet. So ist Fogel, 53 Jahre alt, hineingewachsen in die Rolle der Generalistin der Expedition. Sie denkt zusammen, was zusammengehört. Wenn sie ihre Reibeisenstimme erhebt, kehrt unter den Kollegen Ruhe ein. Sie führt den schönen Titel »Senior Scientist«.

Schon Fogels Promotion förderte einst die Nasa. Inzwischen gehört sie zu jener Arbeitsgruppe, die plant, wie Amerika künftig Mars-Gestein lagert. Bevor ein Astronaut den Mars betritt, sollen erst Bodenproben genommen und zur Erde zurückgebracht werden. Eine Technologie dafür gibt es nicht. Lauter offene Fragen: Dürfen Forscher an den Proben arbeiten? Oder nur Roboter? Wie ist das Gestein vor biologischer Verunreinigung von der Erde zu schützen? Und wie die Menschen vor den Proben? Was, wenn das Gestein sich als gefährlich erweist? Wird es Quarantäne geben? Unterdruck? Marsianische Tiefsttemperaturen? Ihre Arbeitsgruppe, sagt Fogel, treffe sich »wieder und wieder und wieder«. Noch zehn Jahre werde es dauern, fürchtet sie, bis die Lagerhalle endlich stehe. Der Weg bis zum Mars ist eben weit.

Immerhin hat Marilyn Fogel für sich die wichtigste aller Fragen geklärt: warum es überhaupt notwendig sei, einen Menschen zum Mars zu schicken. »Glauben Sie wirklich«, fragt Fogel, »wir blieben hier unten auf der Erde hocken, wenn oben auf dem Mars ein Rover Lebenszeichen fände?« Für den Entdeckungswettlauf, den sie dann erwartet, hat Fogel sich vorsorglich schon als Astronautin gemeldet und zuvor die Familie gefragt: »Darf ich?« Eines Nachts träumte Fogel, die Nasa habe sie erwählt. »Das richtige Alter hätte ich ja«, sagt sie. »Wäre etwa 70, wenn es losgeht.« Die Nasa plant tatsächlich, ältere Astronauten zu schicken – wegen der Krebsgefahr durch kosmische Strahlung. »Ich würde sogar fliegen, wenn ich nicht zurückkäme«, meint Fogel. »Es wäre das Abenteuer meines Lebens.«

Ihr Leben wäre es wert, meint sie, wenn auf dem Mars die Entdeckung des Jahrhunderts auf sie wartete. Nicht nur marsianisches Leben, sondern der Ursprung allen Lebens. »Wenn wir erst einmal Leben außerhalb der Erde entdecken, dann können wir Zusammenhänge erklären, das ganze System des Lebens, den Bauplan«, hofft Fogel. »Das hat der Mensch schon immer wissen wollen.« Die Evolution, meint Fogel, sei besser auf dem Mars zu erforschen, da auf der Erde das Leben selbst die Geschichte seiner Entstehung unlesbar gemacht habe. Der Mars stelle jene unberührte Welt dar, die der Erdball nicht mehr sei. Allerdings kann sich Marilyn Fogel eines nicht erklären: warum das gigantische Projekt zur Entschlüsselung der Evolution ausgerechnet »von einem Präsidenten angestrengt wird, der zugleich nichts dagegen hat, die schöpfungsgeschichtliche Lehre vom Intelligent Design in der Schule zu unterrichten«.

In der Vergangenheit war es nicht selten der Glaube an übersinnliche Kräfte, der den menschlichen Geist zum Mars entführte. Aus Spinnereien wurden ernsthafte Pläne, wie jene des deutschen Raumfahrtpioniers Wernher von Braun. Mit seinen Freunden im Verein für Raumschifffahrt erträumte er sich in den zwanziger Jahren die Erkundung des Weltalls, besonders des Mars. Sogar während er Raketen für den Endsieg der Nazis entwickelte, ließ er nicht von seiner Leidenschaft. 1944 wurde er kurzzeitig verhaftet, weil er zu viel Zeit auf seine Raumfahrtpläne verwandt hatte. Erst in Amerika ließ man seiner Mars-Sucht freien Lauf.

1952 erschien sein Aufsatz Das Marsprojekt in der deutschen Zeitschrift Weltraumfahrt: die erste ingenieurtechnische Kalkulation für eine Mars-Reise. Sieben Passagier- und drei Transportschiffe sollten 963 Tage lang unterwegs sein. Für alle großen Probleme – Antrieb, Schwerelosigkeit, Landung, Rückkehr – hatte von Braun sich eine Lösung ausgedacht. Seine Ideen und Berechnungen gingen in das Apollo-Projekt ein, das zur Landung auf dem Mond führte. Auch Amerikas Mars-Rakete, deren Pläne 2005 vorgestellt wurden, greift zurück auf die Apollo-Technologie. Ein Kreis schließt sich.

Die Polarsyssel umrundet inzwischen den nördlichsten Zipfel Spitzbergens und fährt in den Bockfjord ein. Es ist die wichtigste Station der Expedition und zugleich ihre schönste. Durch eine Meerenge geht es hinein in ein windgeschütztes Bassin, das still daliegt wie ein Binnensee. Drumherum wachsen aus dem Wasser Felsen in den Himmel. Es scheint, als gehe das Expeditionsschiff mitten in einem polaren Amphitheater vor Anker. Von majestätischer Kargheit und doch verblüffender Vielfalt ist dieser Platz. Im Osten stehen – wie aus einem Canyon des amerikanischen Westens hierher verpflanzt – Pyramiden aus rotem Sandstein. Fällt der Blick nach Westen, ähnelt die Gegend den Alpen. Scharfzackige Bergketten begrenzen dunkel und drohend das Blickfeld. Dazwischen hat der Mahlstrom der Gletscher gewaltige Täler ausgefräst, mit rund geschliffenen Felsen aufgefüllt und in schier endlose Felder aus anthrazitgrauem Geröll verwandelt. Für diese Szenerie aus Weiß und Schwarz und Grau und Rot scheint der Begriff der Urlandschaft eigens geprägt worden zu sein.

Geologen halten den Bockfjord für einen erdgeschichtlichen Wundergarten. Auf engstem Raum erheben sich nebeneinander Gesteinsformationen aus allen Entstehungsphasen der Welt. Ein Berg kann hier 500 Millionen Jahre älter sein als sein Nachbar. Der Star unter ihnen heißt Sverrefjell, ein schwarzer Lavahaufen von 520 Metern Höhe und gerade mal eine Million Jahre alt. Just dieses erdgeschichtliche Baby ähnelt dem Mars wie kein zweiter Ort auf dem Globus: Ground Zero für Mikrobenjäger und Instrumentenbastler. Kaum hat die Polarsyssel Anker geworfen, baut sich Expeditionsleiter Hans Amundsen auf dem Hubschrauberdeck auf, weist mit dem Arm hinüber auf den Lavakegel. Drei Worte sagt er, die aber ehrerbietig: »Das ist er.«

Was Bergsteigern ihr Schicksalsberg, ist Hans Amundsen sein Sverrefjell. Sein ganzes Leben kreist um diesen Steinkegel. Hier wurde er zum Mars-Forscher. Alles begann, als er nach der Schule als Assistent eines Geologen auf Spitzbergen anheuerte. Sein Einsatzort war ihm eine fremde Welt. Amundsen erinnert sich genau, wie er zum ersten Mal mit dem Eisbrecher in Spitzbergens Fjordwelt einfuhr: »Ich war hin und weg, wie süchtig.« Der Polar-Bazillus hatte ihn befallen: »Diese Welt, die anderen lebensfeindlich erschien, war für mich faszinierend wie nichts zuvor in meinem Leben.«

Jede Entschuldigung war ihm fortan recht, den Vulkan wieder besuchen zu können. Für seine Magisterarbeit suchte er sich ein Thema auf Spitzbergen, genauso für seine Doktorarbeit. Beide Male war der Vulkan Sverrefjell sein Ziel. Doch musste er einsehen, dass die karge Landschaft Spitzbergens ihn nicht ernähren würde. Schweren Herzens nahm Amundsen einen Job in Norwegens Öl-Industrie an. Eines Tages aber erhielt er eine E-Mail von einer berühmten Institution. Die Nasa erkundigte sich nach seiner Doktorarbeit. Am anderen Ende der Welt, in der Antarktis, sei ein Mars-Meteorit entdeckt worden. Dieser Klumpen Gestein, »ALH 84001« getauft, habe beinahe dieselbe Zusammensetzung wie der Sverrefjell, den er, Amundsen, erforscht habe. »Von diesem Moment an«, erinnert Hans Amundsen sich, »haben sich die Ereignisse überschlagen.« Hänschens Mars-Fahrt beginnt.

Der Überraschung folgt eine Sensation: Ein Nasa-Experte will auf ALH 84001 Spuren von Leben entdeckt haben. Eine ganze Wissenschaftsdisziplin fällt nun über einen einzelnen Fels her. Plötzlich wird auch jener entlegene Steinhaufen, den Amundsen so gut kennt wie niemand sonst, zu einem Zentrum der Mars-Forschung. Sverrefjell nimmt Amundsen wieder gefangen. Er sattelt um auf Mars-Forschung und beginnt, die erste Expedition nach Spitzbergen zu organisieren. Heute, dreieinhalb Jahre später, verbirgt sich unter Deck der Polarsyssel schon eine ganze Instrumentengalerie: sieben Geräte, die mit unterschiedlichen Methoden dem Leben nachspüren können. Am Sverrefjell werden sie auf Mars-Tauglichkeit getestet.

Amundsen denkt längst weiter. Die Nasa hat seinen Antrag schon genehmigt, den Prototyp des nächsten Mars-Rovers am steilen Sverrefjell-Westhang zu testen. Später sollen Astronauten dazukommen, um zu üben, das Mars-Mobil aus einer Landekapsel heraus zu steuern. Spitzbergen wird dann zum Testzentrum der Mars-Raumfahrt.

Die Symbolik seiner Expedition ist Amundsen nicht entgangen. Natürlich weiß er, dass Spitzbergen einst Ausgangspunkt für die mutigsten aller Abenteurer war. Mit Schlitten, mit Skiern, zu Fuß und mit Ballons versuchten sie, den Pol zu erreichen. Nach dieser letzten Runde irdischer Entdeckungen nehmen nun planetarische Erkundungen hier ihren Ausgangspunkt. Und vielleicht ist es mehr als ein Zufall, dass wieder der Name Amundsen im Zentrum steht. Nicht mehr Roald Amundsen, der Norwegens Farben im Wettrennen zu den Polen trug und 1928 vor Spitzbergen im Packeis starb, sondern Hans Amundsen, der Norwegen zum Standort der Mars-Forschung macht. Den Vergleich mit seinem berühmten Vorfahr wehrt Hans Amundsen vorsorglich ab: »Ist doch nur ein Namensvetter.« Aber dann räumt er doch ein, dass er Amundsens Biografie vor der eigenen Expedition sehr wohl gelesen hat. Und zumindest eine Ähnlichkeit sieht er: »Den Willen, Fesseln zu sprengen und zu träumen.«

So steht an der Reling der Polarsyssel ein Kerl von einem Mann, wie hineingeboren in diese Landschaft, der mit rotem Schopf und rotem Vollbart aussieht wie, nun ja, ein Wikinger. Nicht einen Wissenschaftler, eher einen Polartrapper wird man in ihm vermuten. Seine Kapuze ziert ganz altmodisch ein Fellbesatz, im Gürtel führt er ein Buschmesser, hinter seiner Schulter ist der Lauf eines Eisbären-töters zu sehen. Ganz ruhig gibt er Verhaltensregeln für die Forscher aus. Dann geht es an Land.

Sverrefjell ist weniger ein Berg denn eine schwarze Düne. Über Jahrtausende haben sich die Lavabrösel im Permafrost kaum verfestigt. Darum finden die Füße nirgends Halt. Immer rutscht Vulkansand nach. Jeder kleine Anstieg wird zur Anstrengung. Der Wind hat auf Nord gedreht. Über Packeis und Gletscher weht es direkt in die Gesichter. In Nebel gehüllt, liegt der Berg da. Es schneit leicht. Nicht gerade ideale Bedingungen für wissenschaftliche Experimente. Aber die Forscher haben sich ein Jahr lang auf diesen Moment vorbereitet. Eine läppische Wetterfront schreckt niemanden, wenn der Höhepunkt der Expedition naht. Das Septett der Mars-Instrumente soll heute zusammenspielen wie ein Orchester. Und zwar in der Eisgrotte.

Knapp unter dem Gipfel springt einer der Wissenschaftler vom Grat, lässt sich eine kleine Schaufel reichen und beginnt in der Bergflanke zu graben. Alle anderen kauern im Windschatten und warten. Minutenlang ist nur Geröll zu hören, das zu Tal rutscht. An der Schaufel steht der Mikrobiologe Andrew Steele, ein Brite, mit 39 Jahren Jungstar der Expedition. Er leitet für die Nasa jene Arbeitsgruppe, die das Konzept für die Suche nach dem Leben auf dem Mars erarbeitet. Bei der Carnegie Institution in Washington haben sie ihm ein brandneues Labor hingestellt. Wie jedem großen Geist verzeihen ihm die Kollegen seine Zerstreutheit. Pünktlich ist er selten, und irgendetwas hat er meistens vergessen. Sein Haar reicht beinahe bis zum Po. So recht vermag man sich nicht vorzustellen, wie dieser englische Freak zusammen mit Hans, dem Wikinger, im Weißen Haus zu Washington von der Suche nach dem Leben auf dem Mars berichtete.

In der Flanke des Sverrefjell haben Steele und seine Kollegen vor einem Jahr eine kleine Höhle entdeckt, die einst wie eine Badewanne mit Wasser voll lief und dann gefror. Den Eispfropfen bedeckt inzwischen eine Geröllschicht. An den Wänden der Grotte hängt Lava in Tropfenform, offenbar im Fluss versteinert. Die Forscher glauben, dass sich gleich nach dem Ausbruch des Vulkans Eis bildete und in der arktischen Kälte nie mehr schmolz. Es wäre demnach etwa eine Million Jahre alt. Andrew Steele will den ältesten Eisblock freilegen, der je auf Erden gefunden wurde. Vielleicht zehn Minuten dauert es, bis die Schaufel auf eine harte Schicht trifft und Steele ruft: »Da ist es, Gott sei Dank, es ist wirklich da.« Ein Jahr lang hatte Steele immer wieder geträumt, das Eis sei »zwischenzeitlich geklaut worden oder mitten im arktischen Winter geschmolzen«. Eine bizarre Angstfantasie. Nun kann er selbst den Schatz heben.

Seit er vor Jahren den Meteoriten ALH 84001 untersuchte, hat sich Steele vollständig der Mars-Forschung hingegeben. Eine existenzbeherrschende Faszination hat ihn ergriffen. Er weiß, dass ein Forscherleben nur Zeit lässt für zwei Mars-Missionen, vielleicht drei. Bei der Vorbereitung eines Fluges kann leicht ein Jahrzehnt vergehen. Danach gilt es, »den Staffelstab weiterzugeben an die nächste Generation«. Deshalb wirkt Steele beständig, als habe er keine Zeit zu verlieren. Jeden Morgen, sagt er, stehe er »mit dem Gedanken an Leben auf dem Mars auf«. Und doch zählt er zu jenen Experten, die davor warnen, die Frage nach dem Leben ins Zentrum des amerikanischen Mars-Projekts zu stellen. Zunächst nennt Steele taktische Gründe: Was, wenn die Suche nach Biosignaturen auf dem Mars nicht bei der ersten Mission erfolgreich wäre? Würden Öffentlichkeit und Parlament Milliarden für weitere Mars-Flüge bewilligen?

Steele will deshalb lieber die »Bewohnbarkeit« des Roten Planeten untersuchen. Dann ließen sich die Fragen leichter bejahen. Und jeder Mars-Flug könnte eher zum Erfolg werden. »Bewohnbarkeit« meint Steele freilich auch ganz wörtlich. Wie so viele Mars-Forscher treibt Steele das Arche-Noah-Motiv an: »Wir machen unseren Planeten in atemberaubender Geschwindigkeit kaputt. Deshalb sollten wir anfangen, uns anderwo umzuschauen.« Der Mensch sei ungemein adaptionsfähig.

An der Grotte lehnt jetzt ein Eisbohrer. Damit soll ein Eiskern herausgelöst werden aus dem gefrorenen Pfropf. Und das alles unter biologisch reinen Bedingungen, damit das Eis auf Mikroben untersucht werden kann. Im Rucksack liegt ein kleines Handgerät, das Steele und seine Kollegen erfunden haben. Sie nennen es »Labor auf dem Chip«. Binnen Minuten kann das Kästchen Zellwandkomponenten und Bakterien analysieren. Es ist ein Wunderwerk der Forschung, wie es sich bislang nur Science-Fiction-Autoren vorstellen konnten. Im Raumschiff Enterprise etwa ließ sich Captain Kirk auf fremde Planeten beamen und analysierte dort mit einem Handgerät blitzschnell die Beschaffenheit der fremden Welt. So ein Instrument erlebt nun auf Spitzbergen seinen Jungferneinsatz.

Vorsichtig treiben die Forscher den Bohrer ins Eis. Nichts darf schief gehen. Der Eisblock ist unersetzbar. »In so eine Grotte könnte sich Leben auf dem Mars zurückgezogen haben, irgendwo unter der Erde«, mutmaßt Steele. Die irdische Versuchsanordnung ist ideal: Geologie wie auf dem Mars, Wasser wie auf dem Mars, Klima (fast) wie auf dem Mars, Analytik wie in einem künftigen Mars-Rover. Die lange Reise nach Spitzbergen hat sich gelohnt.

Schon nach einem halben Meter trifft der Bohrer auf Fels. Wie ein Weinkorken wird nun der Eiskern hochgezogen. Steele und Amundsen liegen sich in den Armen. Das älteste Eis der Welt ruht bereit zur Untersuchung auf einer Alufolie. Vielleicht werden Mikroorganismen zu finden sein, die dort seit einer Million Jahren eingeschlossen sind. Näher als an diesem Tag ist die Menschheit dem Mars auf Erden nie gekommen.

 
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