Meine Frau und ich haben einen geistig behinderten Sohn. Zwischen seinen beiden Gehirnhälften fehlen wichtige Verbindungen. Deswegen würde er Worte und ihren Sinn nie in Zusammenhang bringen können, sagten die Ärzte nach den ersten schweren Operationen. Da war Hikari noch ein Baby. BILD

Wir waren geschockt von der Diagnose. Doch nach außen zeigte meine Frau keine Regung, keine Enttäuschung, keine Trauer, nichts. Auch ich war emotional ausgelöscht. Ich kämpfte gegen die Tatsachen an und hasste mich zugleich dafür. Über die traumatisierende Zeit nach der Geburt habe ich ein Buch geschrieben, Eine persönliche Erfahrung. Das Schreiben half mir, meine Starre zu überwinden.

Hikari wurde zum Zentrum meines Lebens. Ich lernte, mit dem Schweigen meines Sohnes zu leben, weil ich nie wieder mit dem Wunsch oder Ziel rang, seine Behinderung überwinden zu können.

Hikari wurde am 13. Juni 1963 geboren. Die Zeit von Ende Juni bis in den August desselben Jahres, in der seine erste Gehirnoperation im Raum stand, war ganz und gar traumlos, eine Zeit ohne gute, aber auch ohne schlechte Träume. Manchmal dachte ich, es wäre besser, wenn Hikari sterben würde, um schon im nächsten Augenblick an meiner eigenen Menschlichkeit zu zweifeln.

Inzwischen ist unser Sohn 42 Jahre alt. Die meiste Zeit seines Lebens hat Hikari in sich geschlossen und ohne Kontakt zur Außenwelt verbracht. Doch über die Jahre haben sich immer wieder winzige Fenster geöffnet. Zum ersten Mal reagierte er mit vier Jahren auf Stimmen. Es waren Vogelstimmen auf einer Tonbandaufnahme. Ich schnitt ein Endlosband mit Stimmen wilder Vögel zusammen, dem er zwei Jahre lang immer wieder lauschte, Stunde für Stunde, Tag für Tag. Zwei Sommer später hörten wir vom See nahe der Berghütte, in der wir damals saßen, das Pfeifen eines Vogels. Plötzlich sprach Hikari leise die Worte: »Das ist eine Wasserralle.« Seine Stimme hatte den Akzent der Sprecherin. So nahm der schmale Grat der Kommunikation zwischen ihm und uns seinen Anfang.

In den nächsten drei Jahren entwickelte sich Hikari so weit, dass er der Musik von Beethoven, Bach und Mozart konzentriert zuhörte. Dann fing er sogar an, kleine Stücke zu komponieren. Ganz und gar eigenständige Musik, keine Kopien des Gehörten, so urteilten auch ein paar Komponisten, mit denen ich befreundet bin. Mit 20 brachte Hikari seine erste CD heraus, die in Japan ein enormer Erfolg wurde. Seine Musik ist zutiefst menschlich – und wunderschön.

Hikari befindet sich mit seinen 42 Jahren nach wie vor auf dem sprachlichen Niveau eines Vierjährigen. Jedes Mal, wenn er irgendeine Reaktion auf seine Außenwelt zeigt, sind meine Frau und ich überglücklich. Vor kurzem fragte sie Hikari, welchem Vogel er heute gelauscht habe. Mein Sohn nahm daraufhin eine ganz bestimmte CD aus seiner großen Kollektion heraus und zeigte sie ihr.