Ich habe einen Traum Kenzaburo Oe

Kenzaburo Oe, 71, ist einer der bedeutendsten Schriftsteller Japans. Er erhielt 1994 den Literaturnobelpreis. Kenzaburo Oe studierte in Tokyo französische Literatur. In seinen Büchern setzte er sich vor allem mit dem Zweiten Weltkrieg und der Bombardierung Hiroshimas auseinander. Sein bekanntestes Werk ist der 1964 erschienene Roman »Eine persönliche Erfahrung«. Kenzaburo Oe erzählt von der Beziehung zu seinem Sohn, der vor 42 Jahren mit einem Gehirndefekt zur Welt kam

Meine Frau und ich haben einen geistig behinderten Sohn. Zwischen seinen beiden Gehirnhälften fehlen wichtige Verbindungen. Deswegen würde er Worte und ihren Sinn nie in Zusammenhang bringen können, sagten die Ärzte nach den ersten schweren Operationen. Da war Hikari noch ein Baby.

Wir waren geschockt von der Diagnose. Doch nach außen zeigte meine Frau keine Regung, keine Enttäuschung, keine Trauer, nichts. Auch ich war emotional ausgelöscht. Ich kämpfte gegen die Tatsachen an und hasste mich zugleich dafür. Über die traumatisierende Zeit nach der Geburt habe ich ein Buch geschrieben, Eine persönliche Erfahrung. Das Schreiben half mir, meine Starre zu überwinden.

Hikari wurde zum Zentrum meines Lebens. Ich lernte, mit dem Schweigen meines Sohnes zu leben, weil ich nie wieder mit dem Wunsch oder Ziel rang, seine Behinderung überwinden zu können.

Hikari wurde am 13. Juni 1963 geboren. Die Zeit von Ende Juni bis in den August desselben Jahres, in der seine erste Gehirnoperation im Raum stand, war ganz und gar traumlos, eine Zeit ohne gute, aber auch ohne schlechte Träume. Manchmal dachte ich, es wäre besser, wenn Hikari sterben würde, um schon im nächsten Augenblick an meiner eigenen Menschlichkeit zu zweifeln.

Inzwischen ist unser Sohn 42 Jahre alt. Die meiste Zeit seines Lebens hat Hikari in sich geschlossen und ohne Kontakt zur Außenwelt verbracht. Doch über die Jahre haben sich immer wieder winzige Fenster geöffnet. Zum ersten Mal reagierte er mit vier Jahren auf Stimmen. Es waren Vogelstimmen auf einer Tonbandaufnahme. Ich schnitt ein Endlosband mit Stimmen wilder Vögel zusammen, dem er zwei Jahre lang immer wieder lauschte, Stunde für Stunde, Tag für Tag. Zwei Sommer später hörten wir vom See nahe der Berghütte, in der wir damals saßen, das Pfeifen eines Vogels. Plötzlich sprach Hikari leise die Worte: »Das ist eine Wasserralle.« Seine Stimme hatte den Akzent der Sprecherin. So nahm der schmale Grat der Kommunikation zwischen ihm und uns seinen Anfang.

In den nächsten drei Jahren entwickelte sich Hikari so weit, dass er der Musik von Beethoven, Bach und Mozart konzentriert zuhörte. Dann fing er sogar an, kleine Stücke zu komponieren. Ganz und gar eigenständige Musik, keine Kopien des Gehörten, so urteilten auch ein paar Komponisten, mit denen ich befreundet bin. Mit 20 brachte Hikari seine erste CD heraus, die in Japan ein enormer Erfolg wurde. Seine Musik ist zutiefst menschlich – und wunderschön.

Hikari befindet sich mit seinen 42 Jahren nach wie vor auf dem sprachlichen Niveau eines Vierjährigen. Jedes Mal, wenn er irgendeine Reaktion auf seine Außenwelt zeigt, sind meine Frau und ich überglücklich. Vor kurzem fragte sie Hikari, welchem Vogel er heute gelauscht habe. Mein Sohn nahm daraufhin eine ganz bestimmte CD aus seiner großen Kollektion heraus und zeigte sie ihr.

Dass so etwas möglich ist, zeigt, dass wir einem Traum nahe sind, den zu hegen wir uns nie getraut haben. Wir hätten uns die Entwicklung unseres Sohnes nie ausmalen können. Für Träume war jahrzehntelang in uns kein Platz.

Als ich 1994 den Literaturnobelpreis bekam, reiste ich zur Verleihung mit Hikari nach Schweden. Wir liehen uns beide einen Frack. Eine Zeitung schrieb unter ein Foto von uns: »Kenzaburo Oe und sein genialer Sohn«. Das machte mich sehr, sehr glücklich.

Wenige Jahre später war ich zu einem mehrmonatigen Stipendium in Berlin. Als ich zurück nach Hause kam, hörte Hikari abrupt auf zu komponieren. Er studierte aber weiterhin Musiktheorie. Er wollte verstehen, was der Kontrapunkt in der Musik bedeutet. Aber er komponierte nicht mehr. Ich war sehr besorgt, doch meine Frau beruhigte mich. Möglicherweise sei einfach seine Zeit des Komponierens vorbei, sagte sie.

Während der fünf Jahre, in denen Hikari keine Note mehr schrieb, kommentierte meine Frau seine erneute Abkapselung mit keinem Wort. Meine Tochter sprach täglich per Telefon mit ihm. Mal lächelte, mal nickte er. Nie antwortete er, aber er schien alle ihre Worte in sich aufzusaugen.

An meinem 70. Geburtstag kam meine Frau an mein Bett und sagte: »Hikari hat wieder etwas komponiert.« Sie zeigte mir die Noten. Als Titel wählte er Die »Mein-Vater-wird-70-Jahre-alt«-Gigue. Das Stück beginnt ungeheuer traurig, aber am Ende mündet es in einen optimistischen Ton.

Ich hatte in meiner Familie meine Trauer über mein Älterwerden selbstironisch formuliert. Plötzlich wurde mir klar, dass Hikari diese Sätze durchaus verstanden hatte und ihm lediglich die Ironie entgangen war. Mit seiner Komposition wollte er seinen trauernden Vater ermutigen: »Vater, sei nicht traurig, du bist auch mit 70 ein guter Mensch. Erfreue dich des Lebens!« Das rührte mich tief.

Zum ersten Mal in seinem Leben war Hikaris Musik auch für uns erkennbar mit Bedeutung gefüllt. Bis zu diesem Moment bezog sich seine Musik stets auf innermusikalische Gesetze. Plötzlich wollte er sich und seine Gefühle ausdrücken.

Jetzt sendet mein Sohn mit seiner Musik Botschaften an seinen Vater und an die Welt. Dass er plötzlich Töne und Worte kombinierte, bedeutet für mich ein unglaubliches Glück. Ein Glück, von dem ich nie gewagt hätte zu träumen.

Wenn es noch eine Zukunft gibt für einen alten Mann wie mich, kann es darin nur einen Traum geben. Ich bin im Begriff, ihn zu vollenden. Ich habe keine Furcht vor dem Tod, ich erwarte ihn als natürliche Überleitung. Die einzige Angst, die ich fühle, bezieht sich auf Hikari.

Ich träume davon, meine Familie so auf meinen Tod vorbereiten zu können, dass sie Hikari eines Tages begreiflich machen kann, was es bedeutet, dass ich gestorben bin. Nur so kann ich lernen, mich zu Lebzeiten allmählich von meinem Sohn zu lösen, so wie es zwischen einem Sohn und einem Vater geschehen soll.

 
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